Der Artikel zeichnet historische Stationen einer systematischen Anthropologie nach und fragt, was den Menschen in seinem ganzen Sein ausmacht. Ausgangspunkt ist die neuzeitliche Wende durch René Descartes, der Geist und Materie streng voneinander trennt. Mit der Unterscheidung von res extensa und res cogitans entstehen zwei unterschiedliche Wissenschaftszweige mit eigenen Methoden. Die Naturwissenschaften untersuchen die materielle Wirklichkeit unter Ausklammerung des Geistigen und gehen von einer kausal geschlossenen Welt aus. Aufgrund ihres Erfolges beanspruchen sie zunehmend ein Deutungsmonopol auch für die Frage nach dem Menschen.
Schon Thomas Hobbes reduzierte alles Geistige auf körperliche Vorgänge. La Mettrie radikalisierte diese Sicht im Bild vom Menschen als Maschine. Der Artikel zeigt, dass auch moderne neurowissenschaftliche Deutungen häufig in dieser reduktionistischen Tradition stehen. Demgegenüber erinnert Söder an klassische Einsichten der philosophischen Anthropologie, die das Spezifische des Menschseins hervorheben.
Ein erster zentraler Punkt ist die Unterscheidung zwischen Ursachen und Gründen. In Platons Darstellung erklärt Sokrates, dass sein Handeln nicht nur naturkausal, sondern aus Gründen erfolgt. Naturdinge folgen Ursachen, der Mensch hingegen handelt aufgrund von Einsicht in das Gute. Diese geistige Kausalität lässt sich nicht vollständig in physikalischen Kategorien erfassen. Wer nach dem Warum einer Handlung fragt, erwartet keine Beschreibung neuronaler Prozesse, sondern eine Begründung. Damit wird deutlich, dass eine rein naturwissenschaftliche Erklärung das Eigentümliche menschlichen Handelns verfehlt.
Ein zweiter Schwerpunkt ist die Entwicklung des Freiheitsbegriffs. In der antiken Philosophie wurde menschliches Handeln als Zusammenspiel von Erkenntnis und Streben verstanden. Sokrates vertrat die These, niemand handle freiwillig schlecht, sondern aus Unwissenheit. Auch Aristoteles blieb im Rahmen dieser strebenstheoretischen Sicht. Erst Augustinus entwickelt im vierten Jahrhundert eine eigentliche Theorie der Willensfreiheit. Er betont, dass der Mensch das Böse wider besseres Wissen wollen kann. Der Wille ist ein Vermögen unmittelbarer Selbstbestimmung und steht in einem reflexiven Verhältnis zu sich selbst. Duns Scotus vertieft diese Einsicht und beschreibt den Willen als selbstreflexives Vermögen. In der modernen Philosophie greift Harry Frankfurt diesen Gedanken mit seiner Unterscheidung von Wünschen erster und zweiter Stufe wieder auf. Julian Nida Rümelin nutzt diese Überlegungen gegen einen strikten neuronalen Determinismus und spricht von einer logischen Grenze der Determination.
Ein dritter Themenbereich ist das Verhältnis von Leib und Seele. Platon tendierte zu einer Abwertung des Leibes zugunsten der Seele. Aristoteles hingegen verstand die Seele als Formprinzip des Leibes und betonte die substanzielle Einheit des Menschen. Seele und Leib sind keine zwei getrennten Substanzen, sondern bilden eine unauflösliche Ganzheit. Dieses Modell wurde im Mittelalter durch Albertus Magnus systematisch ausgearbeitet und von Thomas von Aquin in die Theologie integriert. So entstand das klassische christliche Menschenbild der leib seelischen Einheit.
In der Neuzeit jedoch wird durch Descartes die Einheit erneut gefährdet. Moderne Neurowissenschaften interpretieren Denken, Empfinden und Personalität als bloße Produkte neuronaler Prozesse. Aussagen wie nicht wir entscheiden sondern unser Gehirn verdeutlichen diese Tendenz. Der Autor kritisiert, dass hier die methodischen Grenzen naturwissenschaftlicher Erklärung überschritten werden. Zudem steht viel auf dem Spiel: Wenn es weder Geist noch Freiheit noch Subjekt gibt, dann verlieren auch Schuld, Verantwortung und moralische Zurechenbarkeit ihre Grundlage.
Der Artikel plädiert daher für ein ganzheitliches Verständnis des Menschen, das Geist, Freiheit und leib seelische Einheit ernst nimmt. Nur ein solches Menschenbild bewahrt die Grundlage für Ethik, Verantwortung und Humanität.