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Ich weiß nichts, aber mein Gehirn

Veröffentlichung:1.1.2010

Der Fachartikel „Ich weiß nichts, aber mein Gehirn …“ von Sabine Velthaus ist im Heft ru heute 01 2010 unter dem Titel „Ich weiß nichts, aber mein Gehirn …“ erschienen und umfasst die Seiten 14 bis 16, also insgesamt drei Seiten.

Der Artikel erläutert Grundlagen und Leistungsfähigkeit der Neurowissenschaften und fragt nach deren Bedeutung für das christliche Menschenbild. Behandelt werden theologische Problemfelder wie das Verhältnis von Gehirn und Seele, Freiheit und Determination, Verantwortung des Menschen sowie die Frage, ob neurowissenschaftliche Erkenntnisse das Verständnis von Person und Würde infrage stellen.

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Sabine Velthaus schildert zunächst eine persönliche Erfahrung aus ihrer Tätigkeit als Ärztin in den frühen achtziger Jahren. Bei der Betrachtung der ersten computertomographischen Aufnahmen eines lebenden Gehirns machte ein Kollege scherzhaft die Bemerkung, man könne dort die Seele sehen. Diese Episode bildet den Einstieg in die zentrale Fragestellung des Artikels: Was leisten Neurowissenschaften tatsächlich und was sagen sie über den Menschen aus.

Die Autorin beschreibt die rasante Entwicklung der bildgebenden Verfahren. Neben der Computertomographie ermöglichen Magnetresonanztomographie und Positronenemissionstomographie nicht nur detaillierte Darstellungen der Gehirnstruktur, sondern auch die Sichtbarmachung aktiver Hirnareale bei bestimmten Tätigkeiten. So kann gezeigt werden, welche Bereiche beim Lesen, Denken oder Fühlen aktiviert sind. Dennoch bleibt festzuhalten, dass sich trotz aller technischen Fortschritte keine Seele im Gehirn nachweisen lässt.

Neben strukturellen Erkenntnissen haben biochemische Forschungen die Rolle von Neurotransmittern wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin aufgeklärt. Diese Stoffe beeinflussen Stimmung, Motivation und Verhalten und sind Grundlage moderner psychopharmakologischer Therapien. Ein erhöhter Serotoninspiegel kann beispielsweise Glücksgefühle auslösen, sei es durch Bewegung, Genuss oder Medikamente. Gleichzeitig warnt die Autorin vor missbräuchlichen Eingriffen wie Drogenkonsum, der langfristig schädlich wirkt.

Ein zentrales Ergebnis der neurowissenschaftlichen Forschung ist die Plastizität des Gehirns. Entgegen früherer Annahmen bleiben neuronale Verschaltungen lebenslang veränderbar. Studien zeigen, dass gezieltes Training, etwa das Erlernen eines Instruments im hohen Alter, messbare strukturelle Veränderungen im Gehirn bewirken kann. Wird das Training eingestellt, bilden sich diese Veränderungen wieder zurück. Daraus folgt, dass der Mensch Verantwortung für den Gebrauch und die Entwicklung seines Gehirns trägt.

Gleichzeitig verweist die Autorin auf die große Bedeutung unbewusster Prozesse. Ein Großteil der Gehirnaktivität läuft unterhalb der Bewusstseinsschwelle ab. Wahrnehmung und Reaktion werden stark durch Körpersprache, Stimme und unbewusste Assoziationsnetzwerke geprägt. Affekte können sich in Gruppen unbewusst übertragen. Diese Erkenntnisse knüpfen an frühere Einsichten Sigmund Freuds an, werden jedoch heute neurobiologisch untermauert. Die Formel Ich weiß nichts aber mein Gehirn beschreibt das Gefühl, nur über eine kleine Insel bewusster Kontrolle zu verfügen.

Diese Sichtweise birgt jedoch die Gefahr, Verantwortung an das Gehirn abzuschieben. Dem widerspricht die Autorin ausdrücklich. Gerade die Neurowissenschaften zeigen, dass der Mensch nicht bloß Produkt seiner Gene oder Umwelt ist. Das Gehirn ist ein formbares und zugleich steuerndes Organ, mit dem der Mensch seine Entwicklung aktiv mitgestalten kann. Motivation, innere Haltung und Achtsamkeit beeinflussen nachhaltig neuronale Prozesse. Nichtgebrauch führt zu Verkümmerung, bewusste Übung zu Stärkung.

Im Hinblick auf das christliche Menschenbild sieht Velthaus keine grundlegende Bedrohung durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse. Dass die Seele nicht sichtbar gemacht werden kann, widerlegt ihre Existenz nicht. Ebenso wenig wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse über die Gestalt der Erde den biblischen Glauben zerstört haben, stellen bildgebende Verfahren die Würde oder Geistigkeit des Menschen infrage. Entscheidend bleibt, dass der Mensch nicht vollständig biologisch determiniert ist, sondern über Freiheit und Verantwortung verfügt.

Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass Neurowissenschaften wertvolle Einsichten in Funktionsweisen des Gehirns liefern und praktische Konsequenzen für Pädagogik, Therapie und Seelsorge haben. Sie fordern jedoch nicht das christliche Menschenbild grundsätzlich heraus, sondern können es differenzieren und bereichern, sofern ihre Ergebnisse nicht reduktionistisch überinterpretiert werden.

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