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Hirnforschung und Theologie

Veröffentlichung:1.1.2010

Der Fachartikel „Hirnforschung und Theologie“ von Alexander Loichinger ist im Heft ru heute 01 2010 unter dem Titel „Hirnforschung und Theologie“ enthalten und umfasst die Seiten 17 bis 21, also insgesamt fünf Seiten.

Der Artikel diskutiert, welche Folgen neurowissenschaftliche Erkenntnisse für zentrale theologische Begriffe haben. Er behandelt theologische Probleme wie die Realität der Seele und des Bewusstseins, Person und Ich Identität, Leib Seele Einheit, Hirntod und Personsein sowie die Frage nach Freiheit, Determination, Schuld und Verantwortung im Licht moderner Hirnforschung.

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Der Artikel setzt mit der Frage ein, wie weit neurotechnische Eingriffe gehen könnten und was das für die Identität eines Menschen bedeuten würde, etwa wenn Alzheimerkranken durch neurochirurgische Verfahren ein Neustart des Gedächtnisses ermöglicht würde, selbst um den Preis, dass persönliche Erinnerungen überschrieben werden und eine neue biographische Identität entsteht. Solche Szenarien sind nach Loichinger nicht nur ethisch zu diskutieren. Sie führen tiefer zu kognitiven Grundfragen danach, was der Mensch ist, was Seele bedeutet und wie Person und Ich Identität zu verstehen sind. Der Autor macht deutlich, dass die Theologie dabei nicht einfach an überlieferten Begriffen festhalten kann, ohne sich dem aktuellen Wissensdiskurs zu stellen. Zugleich warnt er vor einem vorschnellen Reduktionismus, der alle mentalen Eigenschaften als vollständig auf physikalische Prozesse zurückführbar erklärt.

Ein erstes Gegengewicht gegen den Reduktionismus ist das Qualiaproblem. Loichinger erklärt, dass Bewusstsein nicht nur aus Informationsverarbeitung besteht, sondern immer eine subjektive Innenperspektive und einen Erlebnisgehalt hat. Wahrnehmungen sind mit Freude, Trauer, Stimmungen und Bedeutungen verbunden. Genau dieser Erlebnisstrom lässt sich nicht in rein physikalischen Begriffen übersetzen. Der Autor illustriert dies mit klassischen Gedankenexperimenten. Selbst wenn man alles naturwissenschaftliche Wissen über eine Fledermaus hätte, wüsste man immer noch nicht, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Und selbst eine Neurowissenschaftlerin, die alle Fakten der Farbverarbeitung kennt, würde beim ersten wirklichen Sehen einer Farbe etwas Neues erfahren, nämlich wie sich dieser Zustand anfühlt. Daraus folgt, dass physikalische Theorien den mentalen Erlebnisgehalt nicht enthalten. Bewusstsein erscheint als eigene Wirklichkeitsdimension, die sich nicht einfach auf Materie reduzieren lässt. In dieser Linie formuliert der Autor eine theologisch anschlussfähige Kritik an der These, Seele sei nur ein Hirnzustand.

Gleichzeitig betont der Artikel ein robustes Ergebnis der Hirnforschung, das sich in der Formel ausdrücken lässt: Kein Geist ohne Gehirn. Bewusstseinsprozesse sind neuronal bedingt. Bei Hirnverletzungen oder Erkrankungen leiden Denken, Fühlen, Wollen und moralisches Empfinden oder fallen aus. Bildgebende Verfahren zeigen Aktivitätsmuster, und die Hirnforschung kann zunehmend nachvollziehen, wie Inhalte repräsentiert werden. Daraus ergibt sich theologisch die Konsequenz, dass im Menschen kein körperunabhängiger Geist denkt. Menschen denken nur mit ihrem Gehirn. Auch wenn Gedanken nicht identisch mit Neuronenfeuern sind, bleiben sie gesetzmäßig mit neuronalen Zuständen verbunden. Deshalb markiert der Hirntod den Tod der Person. Das Gehirn kann als Organ der Seele verstanden werden.

Aus dieser Doppelperspektive entwickelt Loichinger den Gedanken der Leib Seele Einheit. Die enge Verschränkung von Geist und Materie fordert die Theologie heraus, Vorstellungen einer völlig körperunabhängigen immateriellen Seele zu korrigieren. Zugleich sieht der Autor hierin keine Bedrohung, sondern eine Bestätigung des ganzheitlichen Menschenbildes, wie es auch der Katechismus formuliert. Gott will den ganzen Menschen in seinen leiblichen und seelischen Dimensionen. Daraus gründet die unantastbare Würde der Person. Der Dialog hat einen wechselseitigen Nutzen. Die Theologie kann die Hirnforschung vor dem Zerrbild eines rein neuronalen Menschen bewahren. Die Hirnforschung kann der Theologie helfen, ihre Begriffe empirisch zu klären und unrealistische Vorstellungen zu korrigieren.

Den Schwerpunkt des Artikels bildet die Freiheitsfrage als wichtigste Schnittstelle zwischen Hirnforschung und Theologie. Freiheit ist nach Loichinger Voraussetzung, um menschliches Verhalten zu verstehen, denn Menschen planen, begründen, fragen nach Sinn, gestalten Kultur und fordern Verantwortung ein. Er nennt drei Merkmale von Freiheit. Erstens alternative Möglichkeiten, also die Fähigkeit auch anders handeln zu können. Zweitens Intelligibilität, also Orientierung an Gründen statt Willkür. Drittens Urheberschaft, also die Zurechnung des Handelns zum eigenen Ich.

Demgegenüber schildert der Autor die Argumente neurowissenschaftlicher Determinismus Positionen. Das Gehirn gilt als dynamisches System, dessen Zustände zwar hochkomplex, aber determiniert sind. Außerdem wirkt das limbische System als emotionales Wertezentrum weitgehend unbewusst, so dass Entscheidungen im Gehirn bereits vorbereitet sind, bevor sie bewusst werden. Daraus ergibt sich die These, Freiheit sei nur eine Illusion, weil die determinierenden Faktoren zu komplex sind, um sie zu überblicken.

Loichinger sucht einen vermittelnden Weg und kritisiert zwei Extreme. Der Kompatibilismus erkläre Freiheit als Handeln gemäß eigenen Wünschen, auch wenn diese Wünsche determiniert sind. Der Libertarismus dagegen verlange eine radikal kontrakausale Freiheit, die an nichts gebunden sei. Beide Positionen hält er für unbrauchbar. Stattdessen beschreibt er eine freiheitsfähige Selbstreflexivität, die auch in naturalistisch orientierten metarepräsentationalen Bewusstseinstheorien vorkommt. Danach bildet das Gehirn nicht nur Welt ab, sondern auch die eigenen inneren Vorgänge. Der Mensch kann sich selbst wahrnehmen, sich im Spiegel betrachten und sich dazu verhalten, wer er ist und wer er sein will. Diese Form von Selbstgewahrsein entspricht einem Freiheitsbegriff, der theologisch ausreicht, um von Selbstbestimmung und Verantwortung zu sprechen.

Freiheit wird damit als selbstreflexives Lernen verstanden. Menschen sind geprägt durch Gene, Erziehung, Kultur und Erfahrungen. Diese Prägungen begrenzen den Freiheitsraum, schließen ihn aber nicht aus. Gerade durch Neuroplastizität wird möglich, dass Menschen aus Erfahrung lernen, Einsichten gewinnen und Verhalten verändern. Man kann nicht nur tun, was man will, sondern auch sein Wollen prüfen und formen. Daraus leitet der Autor große Bedeutung von Erziehung ab. Weil das Gehirn lange ausreift und stark prägeoffen ist, prägen Eltern und Lehrer die späteren Möglichkeiten von Selbststeuerung und Verantwortung entscheidend. Wertfreie Erziehung erscheint damit als Illusion. Zugleich weist der Artikel darauf hin, dass es Extremfälle gibt, in denen der reflexive Freiheitsspielraum krankheitsbedingt stark eingeschränkt oder verloren ist. Das spricht aber nicht gegen Freiheit insgesamt, sondern mahnt zu Differenzierung und zu einem humaneren Umgang mit abweichendem Verhalten.

Am Ende zieht der Autor eine Zwischenbilanz. Der Austausch zwischen Hirnforschung und Theologie hat erst begonnen und alte Abgrenzungen wirken fort. Dennoch zeigt sich eine klare Chance. Beide ringen um ein neues Menschenbild, das nur in einer Synthese ihrer Perspektiven gewonnen werden kann. Vielleicht bleibt das Bewusstsein letztlich ein Rätsel. Dann lehrt der Dialog neben neuem Wissen auch eine Haltung der Bescheidenheit gegenüber dem Phänomen bewussten Lebens.

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