Boschki eröffnet mit einer begriffsgeschichtlichen Klärung: Die Termini Antijudaismus und Antisemitismus sind jung (Ende 19. Jh.), die Phänomene, die sie beschreiben, jedoch nicht. Als Arbeitsdefinition greift er auf die weitverbreitete Formulierung der Fundamental Rights Agency zurück, die Antisemitismus als eine bestimmte Wahrnehmung von Juden fasst, die sich in Wort und Tat gegen jüdische Individuen, deren Eigentum und Institutionen richten kann. Er betont zugleich, dass eine einheitliche, zeitlose Definition die Gefahr birgt, historische und soziale Differenzierungen zu übergehen – eine Warnung vor dem Bild eines „ewigen Antisemitismus" (Hannah Arendt).
Im historischen Teil zeichnet Boschki nach, wie die Judenfeindschaft ihren spezifisch christlichen Charakter in der Ablösungsbewegung des frühen Christentums vom Judentum gewann. Aus dem Wunsch nach theologischer Selbstdefinition durch Abgrenzung entstand die Substitutionslehre: das Christentum tritt an die Stelle des erwählten Volkes. Neutestamentliche Polemik (Gottesmordvorwurf in 1 Thess 2,15; Galater- und Hebräerbrief), die Kirchenvätertradition, die mittelalterliche Ikonografie (Synagoga/Ekklesia, Judenkonsole Wetzlar) sowie Ritualmord- und Hostienfrevelbeschuldigungen des IV. Laterankonzils werden als Etappen eines wachsenden antijüdischen Bewusstseins beschrieben. Boschki differenziert aber auch gegenläufige Traditionen: Paulus' Ringen um die fortdauernde Erwählung Israels (Röm 9–11), Perioden jüdisch-christlicher Konvivenz, gegenseitige Befruchtungen in Schriftauslegung und Liturgie. Die Linie führt von Luthers ambivalentem Verhältnis zum Judentum über den nationalistischen Rassenantisemitismus des 19. Jahrhunderts bis zur Schoah als historischem Tiefpunkt.
Im Abschnitt zu gegenwärtigen Formen differenziert Boschki sechs klassische Antisemitismustypen (religiös, sozial, politisch, nationalistisch, rassistisch sowie sekundärer/Post-Holocaust-Antisemitismus) und ergänzt neuere Ausprägungen: den israelbezogenen/antizionistischen Antisemitismus, bei dem Israelkritik zum Vehikel allgemeiner Judenfeindschaft wird, sowie den muslimischen Antisemitismus mit seinen Verflechtungen aus religiösen und arabisch-nationalistischen Motiven – verbunden mit einer ausdrücklichen Warnung vor Pauschalisierungen. Besonders ausführlich behandelt er den digitalen Antisemitismus: Das Web 2.0 fungiert als primärer Multiplikator jahrhundertealter Feindbilder; Mainstream-Plattformen wie Youtube und Facebook beschleunigen deren Normalisierung in der Gesamtgesellschaft.
Der abschließende religionspädagogische Teil dokumentiert den Wandel seit der Schoah: Seelisberger Thesen (1947), Nostra Aetate (1965) und eine Reihe evangelischer und katholischer Kirchenerklärungen markieren die theologische Kehrtwende. Der sogenannte Freiburger Lernprozess Christen–Juden führte zur Überarbeitung von Schulbüchern und Lehrplänen – mit dem Befund (Rothgangel 1995, bestätigt von Spichal 2015), dass sich auch nach vielfachen Reformen noch explizite und implizite Antijudaismen in Religionslehrbüchern finden. Boschki bündelt daraus konkrete didaktische Handlungsoptionen: Analyse mittelalterlicher Bildquellen, biografieorientiertes Lernen jüdischer Schicksale, Begegnungen mit lebendigen Synagogengemeinden (z.B. Likrat), fächerübergreifende Projekte zur Kontinuität von religiösem und politischem Antisemitismus sowie die gemeinsame Entlarvung antisemitischer Äußerungen im Netz.