Rainer Lachmanns Artikel erschließt die Aufklärung als kirchengeschichtliches Thema des Religionsunterrichts und verbindet sachanalytische, didaktische und religionspädagogische Perspektiven zu einer kohärenten Konzeption. Der Beitrag folgt einem dreistufigen Aufbau: lebensweltliche Verortung, kirchengeschichtliche Klärung sowie didaktische Überlegungen und religionspädagogischer Ausblick.
Die lebensweltliche Einstiegsperspektive dient Lachmann dazu, das semantische Feld des Begriffs „Aufklärung" in seiner Alltagsdimension freizulegen: von militärischen und kriminalistischen Konnotationen über sexuelle Aufklärung bis hin zur aufklärenden Funktion schulischen Lernens. Dieser Zugang ist methodisch begründet: Allen Verwendungsweisen des Begriffs ist eine kognitive Grunddimension gemeinsam, nämlich die Priorität des Verstandes als leitendem Kriterium des Denkens und Urteilens. Damit gelingt Lachmann ein didaktischer Brückenschlag, der das historische Phänomen der Aufklärung des 18. Jahrhunderts als Fortführung einer zeitlosen menschlichen Grundhaltung ausweist.
Im kirchengeschichtlichen Teil konzentriert sich der Artikel auf die deutsche Kultur- und Bildungsgeschichte der Aufklärungsepoche. Lachmann skizziert zunächst den politischen Kontext des aufgeklärten Absolutismus unter Friedrich II. von Preußen und Joseph II. von Habsburg, der wesentliche Elemente aufklärerischen Gedankenguts – Vernunftherrschaft, Bildungsförderung, geordnetes Schulwesen – in staatliche Praxis überführte. Die philosophische Dimension der Aufklärung wird anhand kanonischer Referenzfiguren entfaltet: von der englischen Ausgangslage bei John Locke über die französischen Aufklärer Voltaire und Rousseau bis zu den deutschen Hauptvertretern. Christian Wolff erscheint dabei als rationalistisch-utilitaristischer Vermittler der Leibniz'schen Philosophie mit breiter gesellschaftlicher Wirkung; Gotthold Ephraim Lessing als literarischer Inszenator aufklärerischer Kernwerte wie Toleranz, Freiheit und Vernunftanspruch, dessen „Nathan der Weise" zugleich den Anstoß zur historisch-kritischen Bibelexegese markiert. Immanuel Kant schließlich wird als philosophischer „Großmeister" der Epoche gewürdigt, dessen Definition der Aufklärung als Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit zum kanonischen Referenzpunkt wurde.
Einen eigenständigen Schwerpunkt bildet die „populäre Aufklärung", repräsentiert durch die sogenannten Neologen – theologisch moderate Aufklärer wie Johann Joachim Spalding –, sowie durch die philanthropische Pädagogik im Gefolge Johann Bernhard Basedows. Christian Gotthilf Salzmann, den Lachmann in Anlehnung an eigene frühere Forschungen als „Pop-Aufklärer" charakterisiert, wird als exemplarische Figur ausführlich profiliert: In Salzmanns volksaufklärerischer Schriftstellerei, seiner Zeitschriftenarbeit und seiner Erziehungsanstalt in Schnepfenthal verdichten sich die typischen Merkmale populärer Aufklärung – Vernunftorientierung, Praxisnähe, religiöse Reformabsicht und publizistische Reichweite.
Der didaktische Teil analysiert kritisch den bayerischen Lehrplan für Evangelische Religionslehre (Gymnasium, Klasse 11) und attestiert dem curricularen Umgang mit der Aufklärung eine Tendenz zur problemorientierten Instrumentalisierung zulasten genuiner kirchengeschichtlicher Erschließung. Lachmann plädiert für einen biographisch akzentuierten Unterricht, der Aufklärung nicht als bloße Begriffsgeschichte, sondern als gelebte Haltung konkreter historischer Persönlichkeiten erfahrbar macht. Den religionspädagogischen Ausblick strukturiert das Konzept eines „agapekritischen Urteilsvermögens": Vernunft und Liebe als komplementäre Grundwerte christlichen Glaubens sollen in einem offen-ökumenischen Religionsunterricht zu einer reifen Urteilskompetenz verbunden werden.