Die Sendung „Gezielte PR-Strategien der Ultrarechten“ aus dem ARTE-Format „Mit offenen Augen“ nimmt ein hochgradig stilisiertes YouTube-Video des französischen ultrarechten Kollektivs „Comité du 9 mai“ zum Ausgangspunkt. Gezeigt wird ein Gedenkmarsch in Paris, der als Machtdemonstration inszeniert ist: schwarze Fahnen, streng choreografierte Formation, martialische Musik, Zeitlupen, ein dunkler Bildfilter und bewusst gesetzte Symbole erzeugen eine Atmosphäre von Disziplin, Bedrohlichkeit und geschlossener Stärke. Die Sendung arbeitet heraus, dass es sich nicht um eine zufällige Dokumentation handelt, sondern um strategische Öffentlichkeitsarbeit, die Aufmerksamkeit erzeugen, Anhänger binden und neue Mitglieder ansprechen soll. In der Analyse werden wiederkehrende Codes und Zeichen benannt, die für viele Zuschauende zunächst unscheinbar wirken, in der Szene jedoch Wiedererkennungswert und Zugehörigkeit stiften. Zugleich wird gezeigt, wie das Material so geschnitten ist, dass kompromittierende Eindrücke ausgeblendet bleiben und stattdessen eine „akzeptable“ Oberfläche entsteht, die Anschlussfähigkeit an breitere Milieus erhöht. Expertische Einordnungen (u. a. aus Journalismus und Kommunikationswissenschaft) verdeutlichen, wie extremistische Splittergruppen mit professioneller Ästhetik, Social-Media-tauglichen Dramaturgien und kontrollierter Symbolik öffentliche Debatten anstoßen, Presseberichterstattung auslösen und damit ihre Themen in den Diskurs einspeisen.
Methodisch-didaktisch eignet sich das Medium besonders für die Sekundarstufe II sowie für Sekundarstufe I ab etwa Klasse 9, weil es politische Medienkompetenz, Urteilsbildung und demokratische Sensibilität fördert, ohne die Lernenden durch reißerische Dramatisierung zu überwältigen. Für den Unterricht ist eine stark strukturierte Arbeit sinnvoll, die zuerst die Form vor den Inhalten in den Blick nimmt: Lernende beschreiben nüchtern Bildgestaltung, Ton, Schnitt, Perspektive, Farbfilter, Symbolik und Körperinszenierung und leiten daraus intendierte Wirkungen ab. Anschließend kann die Sendung als Modellfall für Propaganda- und PR-Logiken erschlossen werden: Normalisierungsstrategien, emotionale Rahmungen, Gemeinschafts- und Feindbildandockungen, Plattformmechanismen (Reichweite, Kommentarökonomien) sowie die Trennung zwischen „juristisch unauffälliger“ Oberfläche und radikaleren Inhalten in Nischenkanälen. Für kontroverses Lernen im Sinne des Beutelsbacher Konsenses bieten sich Aufgaben an, die zwischen Analyse und Bewertung unterscheiden lassen, etwa durch eine Kriterienmatrix zu demokratischen Grundwerten (Menschenwürde, Pluralismus, Gewaltfreiheit) und durch die Frage, wie öffentliche Kommunikation Grenzen überschreitet, ohne strafrechtlich eindeutig zu werden. Religionspädagogisch ist das Medium anschlussfähig, weil es an Grundfragen von Menschenwürde, Wahrheit und Manipulation, Verantwortung in Kommunikation, Gemeinschaft und Ausgrenzung sowie an die Gefährdung von Freiheit durch Angst- und Feindbildlogiken heranführt. Interreligiöse und weltanschauliche Perspektiven können dialogisch einbezogen werden, indem Lernende untersuchen, wie religiöse oder kulturelle Identitätsmarker politisch instrumentalisiert werden können, und welche gemeinsamen Schutzgüter in demokratischen Gesellschaften (Grundrechte, Minderheitenschutz, Respekt) religionsübergreifend begründbar sind.