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Katholische Akademie Bayern

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Weitergabe des Glaubens?

Moderne Formen religiöser Bildung

Veröffentlichung:1.9.2022

Der Fachartikel umfasst 5 Seiten und reicht von Seite 21 bis Seite 26. Der Artikel erklärt, was heute unter religiöser Bildung aus christlich religionspädagogischer Perspektive verstanden wird. Helena Stockinger zeigt, dass religiöse Bildung mehr ist als die Weitergabe von Glaubensinhalten. Sie versteht religiöse Bildung als einen offenen, lebensbegleitenden und mehrdimensionalen Prozess, in dem Menschen ihr Selbst und Weltverständnis reflektieren, Verantwortung übernehmen und sich mit Religion, Glauben und ihren eigenen Erfahrungen auseinandersetzen.

Der Fachartikel behandelt vor allem folgende theologischen Probleme: das Verhältnis von religiöser Bildung und Glaube, die Unterscheidung zwischen Glaubensinhalt und Glaubensvollzug, die Frage nach der Lehr und Lernbarkeit des Glaubens, die Unverfügbarkeit von Glaubensentscheidungen, das Verhältnis von Offenbarung und Erfahrung sowie die Frage, wie religiöse Tradition heute so erschlossen werden kann, dass sie für Lernende verstehbar und reflektierbar wird.

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Der Artikel setzt bei der Feststellung an, dass religiöse Bildung ein Schlüsselbegriff der Religionspädagogik ist. Da der Begriff je nach geschichtlichem, religiösem und gesellschaftlichem Zusammenhang unterschiedlich verstanden wird, konzentriert sich der Beitrag auf den gegenwärtigen deutschsprachigen Diskurs aus christlicher Perspektive. Ziel ist es, wichtige aktuelle Überlegungen zur religiösen Bildung darzustellen und zu klären, welche Aufgaben religiöse Bildung heute erfüllt.

Zunächst wird der allgemeine Bildungsbegriff geklärt. Bildung wird in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Schule unterschiedlich verwendet. Der Begriff kann sowohl den Prozess des Sich Bildens als auch das Ergebnis dieses Prozesses bezeichnen. Bildung meint dabei nicht nur die Erweiterung von Wissen und Fähigkeiten, sondern die Entwicklung der ganzen Person. Sie umfasst Selbstbildung, Selbstreflexion, Freiheit, Subjektwerdung, Verantwortungsübernahme und die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt. Bildung ist lebensbegleitend, unabschließbar und transformatorisch. Sie betrifft nicht nur kognitive, sondern auch emotionale, ästhetische, ethische und politische Dimensionen des Lebens. Zudem besitzt Bildung ein gesellschaftskritisches Potential, weil sie dazu befähigt, über Gerechtigkeit, Frieden, Nachhaltigkeit und Solidarität nachzudenken. Der Artikel grenzt dieses Bildungsverständnis deutlich von einer verkürzten Sicht ab, die Bildung vor allem nach Nützlichkeit, Verwertbarkeit oder sozialer Abgrenzung beurteilt.

Von diesem weiten Bildungsverständnis aus fragt der Artikel nach dem Zusammenhang von religiöser Bildung und Glaube. Die Autorin betont, dass religiöse Bildung nicht mit einer bloßen Weitergabe des Glaubens gleichgesetzt werden kann. Der Ausdruck Weitergabe richtet sich zu stark auf die vermittelnde Person und wird dem Gedanken der Selbsttätigkeit der sich bildenden Person nicht gerecht. Religiöse Bildung verlangt Reflexion, kritische Auseinandersetzung und freie Verantwortungsübernahme. Deshalb reicht es nicht aus, Glaubensüberzeugungen einfach zu übermitteln.

Dennoch stehen Glaube und religiöse Bildung in enger Beziehung. Dabei greift der Artikel die Unterscheidung zwischen Glaubensinhalt und Glaubensakt auf. Glaubensinhalte können gelehrt und gelernt werden. Menschen können sich religiöse Traditionen, biblische Inhalte und Glaubensformen aneignen, sie verstehen und verarbeiten. Anders verhält es sich mit dem persönlichen Akt des Glaubens. Dieser kann nicht hergestellt, erzwungen oder pädagogisch erzeugt werden. Religiöse Bildungsprozesse können daher keinen Glauben produzieren. Sie können aber Voraussetzungen schaffen, damit Menschen sich mit Glauben auseinandersetzen und möglicherweise zu einer eigenen Glaubensentscheidung gelangen. Glaube ist deshalb auf Bildung angewiesen, bleibt aber zugleich unverfügbar. Diese Unverfügbarkeit markiert eine Grenze allen pädagogischen Handelns.

Aus dieser Einsicht ergibt sich die Zielsetzung religiöser Bildung. Sie soll Räume eröffnen, in denen Menschen ihren Zugang zu Religion und Glaube reflektieren, ihre Erfahrungen deuten und sich mit anderen austauschen können. Religiöse Bildung fordert dazu heraus, das eigene Selbst und Weltverständnis zu prüfen und zu verändern. Dabei müssen unterschiedliche Lebenswelten, Voraussetzungen und weltanschauliche Positionen berücksichtigt werden. Der Artikel verweist darauf, dass religiöse Bildung an verschiedenen Lernorten stattfindet, etwa in Schule, Familie, Gemeindekatechese, Erwachsenenbildung, kirchlicher Jugendarbeit oder digitalen Medien. Im weiteren Verlauf konzentriert sich die Darstellung vor allem auf die Schule.

Für den Lernort Schule betont der Artikel, dass der Religionsunterricht vielfältigen Erwartungen ausgesetzt ist, denen er nicht allen entsprechen kann. Er darf weder ökonomisch funktionalisiert noch zur Gewinnung von Kirchenmitgliedern oder zur direkten Glaubensweitergabe missbraucht werden. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, Lernende zu verantwortlichem Denken und Verhalten im Blick auf Religion und Glaube zu befähigen. Religionsunterricht soll ihnen Möglichkeiten eröffnen, sich mit Glauben und Religion zu befassen, dazu reflektiert Stellung zu beziehen und Verantwortung für eigene Entscheidungen zu übernehmen.

Im aktuellen religionspädagogischen Diskurs wird diese Zielsetzung häufig mit dem Begriff der religiösen Kompetenz beschrieben. Der Artikel nennt mehrere Dimensionen solcher Kompetenz. Dazu gehören Wahrnehmungskompetenz, also die Fähigkeit, religiös bedeutsame Phänomene wahrzunehmen, Deutungskompetenz, also religiöse Sprache und Inhalte verstehen und auslegen zu können, Urteilskompetenz, also in religiösen und ethischen Fragen begründet urteilen zu können, Sprach, Dialog und Kommunikationskompetenz, also über Religion sprechen und sich mit anderen verständigen zu können, sowie Gestaltungs und Partizipationskompetenz, also religiöse Ausdrucksformen zu nutzen und verantwortlich am gesellschaftlichen, sozialen und kirchlichen Leben teilzunehmen oder sich bewusst dagegen zu entscheiden. Diese Kompetenzen entwickeln sich in Auseinandersetzung mit zentralen Inhaltsbereichen wie Mensch und Welt, Gott, Bibel und Tradition, Jesus Christus, Kirche und Gemeinde sowie Religionen und Weltanschauungen.

Ein zentraler Zugang religiöser Bildung ist das korrelative Lernen. Dabei geht es um die Wechselbeziehung zwischen Glaubenstradition und Lebenswelt, zwischen religiösen Inhalten und gegenwärtigen Erfahrungen der Lernenden. Der Artikel verweist auf Paul Tillich, Karl Rahner und Edward Schillebeeckx als wichtige Vordenker dieses Ansatzes. Korrelation bedeutet, dass Inhalte der Glaubensüberlieferung und Fragen der Gegenwart aufeinander bezogen werden. Lernende sollen die Möglichkeit erhalten, religiöse Traditionen mit ihrer eigenen Lebenswelt zu verknüpfen. Gleichzeitig betont der Artikel, dass solche Korrelationen nicht einfach hergestellt werden können. Sie bleiben offen, individuell und auch störanfällig. Manche Inhalte finden kaum Entsprechungen in den Erfahrungen der Lernenden. Deshalb ist korrelatives Lernen zwar ein wichtiger Zugang, aber kein garantiert funktionierendes Verfahren.

Als weiteres Modell wird die Elementarisierung vorgestellt. Hierbei werden Unterrichtsinhalte so aufbereitet, dass sie auf Wesentliches konzentriert und zugleich auf die Voraussetzungen der Lernenden bezogen werden. Dabei spielen elementare Erfahrungen, elementare Zugänge, elementare Strukturen, elementare Wahrheiten und passende Lernformen eine Rolle. Das Modell versucht also, Inhalte und Lernende gleichermaßen ernst zu nehmen und didaktisch miteinander zu vermitteln.

Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist das performative Lernen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass viele Lernende heute nur noch wenige religiöse Erfahrungen besitzen. Deshalb stellt sich die Frage, ob und wie im Religionsunterricht religiöse Erfahrungen ermöglicht werden können. Performative Ansätze wollen Religion im Unterricht erlebbar und verstehbar machen, etwa durch zeitlich begrenzte Formen religiöser Praxis. Hans Mendl spricht in diesem Zusammenhang von Teilhabe auf Zeit. Lernende können sich freiwillig auf eine religiöse Erfahrung einlassen, ohne dass damit eine dauerhafte innere Zustimmung vorausgesetzt oder angestrebt wird. Entscheidend ist, dass die Erfahrung anschließend reflektiert und im Austausch mit anderen gedeutet wird. Performative Lernformen bestehen daher aus einer vorbereitenden Einführung, einer erfahrungsbezogenen Phase und einer abschließenden Reflexion.

Schließlich beschreibt der Artikel religiöse Bildung als einen Prozess der Kommunikation. Ein entsprechender religionsdidaktischer Zugang ist das Theologisieren mit Kindern und Jugendlichen. Dabei werden Kinder und Jugendliche als denkende und sprechende Subjekte ernst genommen. Sie sollen Raum erhalten, eigene Fragen und Überlegungen zu religiösen Themen einzubringen und mit anderen zu diskutieren. Der Ansatz unterscheidet zwischen der Theologie von Kindern, der Theologie mit Kindern und der Theologie für Kinder. Gemeint ist, dass die theologischen Gedanken junger Menschen ernst genommen, dialogisch aufgenommen und durch Impulse vertieft werden. Auf diese Weise kann religiöse Bildung auch ohne vorausgesetzten Glauben geschehen, solange Offenheit für Gespräch, Nachdenken und Auseinandersetzung vorhanden ist.

Zum Schluss verweist der Artikel auf weitere Formen religiöser Bildung wie symbolisches Lernen, biblisches Lernen, ästhetisches Lernen, ethisches Lernen, interreligiöses Lernen, globales Lernen, Lernen an Kirchengeschichte und Bildung für nachhaltige Entwicklung. Insgesamt macht der Beitrag deutlich, dass religiöse Bildung ein komplexer und mehrdeutiger Begriff ist. Sie muss immer wieder neu durchdacht werden, damit sie sowohl den Lebenswelten der Lernenden als auch den theologischen Inhalten und Traditionen gerecht wird. Religiöse Bildung ist deshalb keine einfache Glaubensvermittlung, sondern ein offener, reflektierter und mehrdimensionaler Bildungsprozess.

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