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Loccumer Pelikan

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Gott als Frage

Veröffentlichung:16.1.2026

Der religionspädagogische Praxisartikel „Gott als Frage“ von Christina Harder eröffnet einen didaktisch reflektierten Zugang zur Gottesfrage im Religionsunterricht der Sekundarstufe I, der konsequent von der Lebenswelt, den Deutungsbedürfnissen und der religiösen Selbstverortung Jugendlicher ausgeht. Vor dem Hintergrund empirischer Studien zur religiösen Orientierung von Jugendlichen wird „Gott“ nicht als vorausgesetzte Glaubensgewissheit, sondern als offene, existenzielle Frage verstanden, die individuell unterschiedlich gestellt, gefüllt oder auch bewusst offen gelassen wird.

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Der Beitrag entfaltet ausführlich, wie die Frage nach Gott im Unterricht nicht isoliert metaphysisch, sondern biografisch, anthropologisch und dialogisch erschlossen werden kann. Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass Jugendliche mit dem Begriff „Gott“ sehr unterschiedliche – oft diffuse oder fragmentarische – Vorstellungen verbinden oder diesen Begriff bewusst meiden, obwohl Fragen nach Sinn, Halt, Vertrauen, Sehnsucht oder letzter Bedeutung weiterhin präsent sind. Religionsunterricht wird hier als Raum profiliert, in dem diese Fragen ohne Überwältigung, ohne Bekenntniszwang und ohne vorschnelle theologische Festlegung zur Sprache kommen dürfen. Die Gottesfrage wird eng mit der Frage nach dem Menschen, nach Identität, Lebenssinn, Vertrauen und existenziellen Orientierungen verknüpft und dadurch für Jugendliche als lebensrelevant erfahrbar gemacht.


Didaktisch ist der Beitrag konsequent am Konzept des Philosophierens orientiert, das als gemeinsame Suchbewegung beschrieben wird. In einer zirkulären Struktur werden zunächst die eigenen Fragen und Gedanken der Schüler*innen ernst genommen, anschließend mit philosophischen, theologischen und biblischen Traditionen konfrontiert und schließlich im dialogischen Austausch weiterentwickelt. Die Unterrichtsbausteine fördern dabei explizit Urteils-, Dialog- und Reflexionskompetenz. Die Lernenden setzen sich mit eigenen Glaubensüberzeugungen oder Nicht-Glaubenshaltungen auseinander, vergleichen diese mit Glaubensbekenntnissen anderer Menschen, mit reformatorischen Deutungen wie Martin Luthers Verständnis von „Gott“ als dem, woran das Herz hängt, sowie mit biblischen Gottesbildern. Dabei wird deutlich, dass Glauben als offener Prozess verstanden wird, der sich im Laufe des Lebens verändern kann.


Besonders hervorzuheben ist die reflektierte Einbindung digitaler Medien. Digitale Tools wie die Mitrede-App PLACEm werden nicht funktionalistisch eingesetzt, sondern dienen der Vertiefung individueller Reflexion und des gemeinsamen Austauschs. Portfolioarbeit, Umfragen, digitale Dialogräume und kreative Zugänge wie KI-generierte Bilder von Gottesvorstellungen unterstützen die Schüler*innen darin, eigene Deutungen sichtbar zu machen, ohne sie normativ festzuschreiben. Zugleich wird Raum eröffnet, sich mit glaubenskritischen Positionen auseinanderzusetzen und die Frage zu klären, welches Gottesbild jeweils bejaht oder abgelehnt wird. Der Beitrag wahrt dabei konsequent den Beutelsbacher Konsens und versteht religiöse Bildung als Angebot zur Orientierung, nicht als missionarische Zielsetzung.


Insgesamt zeigt der Text exemplarisch, wie die Gottesfrage im Religionsunterricht der Sekundarstufe I sachlich fundiert, theologisch verantwortet und didaktisch sensibel bearbeitet werden kann. „Gott als Frage“ wird nicht beantwortet, sondern als offener Horizont erschlossen, der Jugendliche dazu befähigt, ihre eigenen Positionen zu klären, andere Perspektiven zu respektieren und religiöse Sprache als Deutungsressource für das eigene Leben kritisch zu prüfen.

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