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Katholische Akademie Bayern

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Der Siegeszug des Evangeliums in der Sicht der Apostelgeschichte

Was den (ur)christlichen Glauben attraktiv macht(e)

Veröffentlichung:1.1.2022

Der Fachartikel umfasst fünf Seiten. Der Beitrag untersucht, warum die Jesusbewegung nach der Darstellung der Apostelgeschichte so viele Menschen anzog und sich rasch ausbreitete. Dabei zeigt der Artikel, dass die Attraktivität des frühen Christentums nicht nur in der Verkündigung und den Wundern lag, sondern auch in seiner sozialen Offenheit, seiner konkreten Hilfe für Arme und seiner gemeinschaftlichen Lebensform.

Der Fachartikel behandelt vor allem folgende theologischen Probleme: die Frage nach der Wirksamkeit christlicher Verkündigung, das Verhältnis von Wortverkündigung und Wundern, das Wirken Gottes und des Heiligen Geistes beim Wachstum der Kirche, das Verständnis von Heil und Rettung, die Aufnahme von Juden und Nichtjuden in die Gemeinde, die Bedeutung von Taufe und Eucharistie sowie die Frage, wie Glaube in konkrete Lebenspraxis und gerechte Gemeinschaft übersetzt wird.

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Der Artikel geht von einem auffälligen Kontrast aus. Während in der Gegenwart die Kirche im deutschsprachigen Raum hohe Austrittszahlen verzeichnet, erzählt die Apostelgeschichte von einem rasanten Wachstum der Jesusbewegung. Schon kurz nach Himmelfahrt und Pfingsten kommen in Jerusalem Tausende zur Bewegung hinzu. Von dort breitet sich das Evangelium nach Judäa, Samaria und schließlich bis nach Rom aus. Der Beitrag fragt deshalb, was den urchristlichen Glauben in der erzählten Welt des Lukas attraktiv macht und warum Menschen ihre bisherige religiöse und kulturelle Beheimatung zugunsten der Jesusbewegung verändern.

Zur Analyse greift der Autor auf das soziologische Modell von Pull und Pushfaktoren zurück. Pullfaktoren sind Aspekte, die anziehend wirken und Menschen zum Aufbruch bewegen. Pushfaktoren beschreiben demgegenüber Defizite oder Belastungen des bisherigen Lebens, die einen Wechsel wahrscheinlich machen. Dieses Modell überträgt der Autor auf die Apostelgeschichte und deutet den Eintritt in die Jesusbewegung als eine Form mentaler oder spiritueller Migration. Wer sich der Jesusbewegung anschließt, verlässt zumindest teilweise die bisherige religiöse Heimat und tritt in eine neue Deutungs und Lebensgemeinschaft ein.

Als wichtigsten ausdrücklich benannten Pullfaktor der Apostelgeschichte nennt der Autor die überzeugende Verkündigung durch glaubwürdige Jesusboten. Immer wieder zeigt Lukas, dass Menschen durch Predigten des Petrus, des Paulus oder anderer Verkündiger zur Gemeinde finden. Diese Verkündigung ist nach lukanischem Verständnis von Freimut geprägt. Gemeint ist eine offene, unverstellte und authentische Redeweise, die nicht mit rhetorischen Tricks arbeitet, sondern glaubwürdig und situationsgerecht auftritt. Gerade diese Form der Sprache macht die Botschaft anziehend, weil sie als wahrhaftig und lebensnah erscheint.

Hinzu kommt, dass die Reden in der Apostelgeschichte deutlich adressatenorientiert sind. Vor jüdischem Publikum wird stärker christologisch argumentiert, also die Messiaswürde Jesu aus den Schriften Israels begründet. Vor nichtjüdischem Publikum wird hingegen stärker von Gott als Schöpfer und von der natürlichen Gotteserkenntnis gesprochen. Der Kern der Botschaft wird also in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich zur Sprache gebracht. Der Autor sieht darin einen wichtigen Grund für die Attraktivität der Bewegung. Sie spricht Menschen nicht in abstrakter Sprache an, sondern so, dass sie die Botschaft verstehen und auf ihre Situation beziehen können.

Ein weiterer möglicher Pullfaktor sind Wunder und Heilungszeichen. Die Apostelgeschichte erzählt von zahlreichen Wundern im Umfeld der Verkündigung. Allerdings betont der Artikel, dass Wunder allein meist nicht genügen, um Menschen dauerhaft für die Jesusbewegung zu gewinnen. Erst die kommentierende Verkündigung erschließt ihren Sinn. So führt etwa das Wunder an dem Gelähmten im Tempel zwar zu Staunen, aber erst die anschließende Rede des Petrus bewirkt Glauben. Wunder und Wort gehören also zusammen. Die Wunder weisen auf Gottes Macht hin, aber sie müssen ausgelegt werden, damit Menschen ihren theologischen Sinn erfassen.

Hinter all dem steht für Lukas das Wirken Gottes selbst. Nicht nur Wunder, sondern auch die Verkündigung und das Wachstum der Gemeinden sind Ausdruck göttlichen Handelns. Freimut in der Rede erscheint als Gabe Gottes. Der Heilige Geist befähigt die Verkündiger und begleitet die Ausbreitung der Bewegung. Deshalb ist das Anwachsen der Jesusbewegung für Lukas letztlich nicht nur menschlicher Erfolg, sondern Zeichen dafür, dass Gott selbst in der Geschichte handelt.

Im Unterschied zu den deutlich benannten Pullfaktoren bleiben Pushfaktoren in der Apostelgeschichte eher schwach ausgeprägt. Nur selten formulieren nichtchristliche Figuren ausdrücklich, was ihnen in ihrer bisherigen religiösen Welt fehlt. Ein klares Beispiel ist der äthiopische Eunuch, der die Schrift liest, sie aber nicht versteht und deshalb Unterweisung sucht. Seine Unwissenheit wird zum Ausgangspunkt seiner Hinwendung zur Jesusbewegung. Auch Kranke und körperlich Versehrte erleben zwar einen Mangel, suchen aber meist nicht ausdrücklich religiöse Hilfe bei der Jesusbewegung. Heilung geschieht eher überraschend durch die Initiative der Jesusboten.

Zwar kritisieren christliche Verkündiger gelegentlich die Defizite paganer oder nichtchristusgläubiger jüdischer Religiosität. Paulus wirft etwa in Athen eine unklare Gotteserkenntnis vor. Gegenüber Teilen des Judentums wird betont, dass wahre Rettung und Vergebung nicht aus dem Gesetz, sondern durch Jesus kommen. Insgesamt aber gewinnt der Autor den Eindruck, dass Lukas die Attraktivität des Christentums nicht vor allem aus der Schwäche anderer Religionen ableitet. Nicht die anderen erscheinen grundsätzlich schlecht, sondern die Jesusbewegung wird aus sich selbst heraus als starkes und positives Angebot dargestellt.

Besonders wichtig sind deshalb jene impliziten Pullfaktoren, die erst beim genaueren Hinsehen sichtbar werden. Dazu gehört zunächst die soziale Offenheit der Gemeinden. In der Apostelgeschichte finden Männer und Frauen, Juden und Nichtjuden, Reiche und Arme, Alte und Junge, Ortsansässige und Fremde, gesellschaftlich Angesehene und Randfiguren Platz in der Gemeinde. Auch Menschen wie der Eunuch sind voll willkommen. Diese Offenheit macht die Jesusbewegung attraktiv, weil sie Gruppen integriert, die in anderen religiösen und sozialen Zusammenhängen nur begrenzt dazugehören konnten.

Besonders interessant ist dies für die sogenannten Gottesfürchtigen. Gemeint sind nichtjüdische Menschen im Umfeld der Synagogen, die den jüdischen Monotheismus und seine Ethik schätzten, aber nicht vollständig zum Judentum konvertierten. Für sie bot die Jesusbewegung eine neue Möglichkeit. Sie konnten Teil des Gottesvolkes werden, ohne sich beschneiden zu lassen und ohne das gesamte mosaische Gesetz übernehmen zu müssen. Die Taufe trat als neues Eintrittsritual an die Stelle der Beschneidung. Dadurch wurde die Jesusbewegung gerade für diese Gruppe zu einem besonders attraktiven religiösen Angebot.

Auch ökonomische und soziale Gründe spielten eine Rolle. Die Mitgliedschaft in der Jesusbewegung war kostenlos. Es gab keine Eintritts oder Mitgliedsgebühren wie in vielen Vereinen der griechisch römischen Umwelt. Gerade für Arme war dies bedeutsam. Hinzu kommt das Ideal der Gütergemeinschaft. Wer viel besaß, konnte mit jenen teilen, die wenig hatten. Die Texte der Apostelgeschichte zeichnen das Bild einer Gemeinschaft, in der Bedarfsgerechtigkeit und Armenfürsorge einen hohen Stellenwert haben. Trotz aller idealisierenden Züge macht Lukas deutlich, dass diese Praxis nicht bloße Theorie bleiben soll.

Der Streit um die Versorgung der Witwen in Jerusalem zeigt zudem, dass die frühen Gemeinden strukturell auf soziale Probleme reagieren konnten. Die Gemeinde entwickelt gemeinsam mit den Aposteln neue Formen der Verantwortungsübernahme. Dadurch wird deutlich, dass die Jesusbewegung nicht nur von hohen Idealen sprach, sondern auch praktische Lösungen suchte. Dass Männer und Frauen sowie Menschen unterschiedlicher sozialer Stellung an solchen Prozessen Anteil hatten, bedeutete einen Zugewinn an Teilhabe und Mitgestaltung.

Ein weiterer Attraktivitätsfaktor waren die gemeinsamen Mahlfeiern. Die Gemeinden brachen regelmäßig das Brot und feierten das Herrenmahl. Dieses war nicht nur ein sakrales Zeichen der Gemeinschaft mit Christus, sondern auch ein reales Sättigungsmahl. Gerade für ärmere Mitglieder konnte es wichtig sein, in diesem Rahmen tatsächlich satt zu werden. Die Mahlgemeinschaft verband also spirituelle und soziale Dimensionen auf eine für viele Menschen sehr konkrete Weise.

Schließlich weist der Artikel darauf hin, dass die Zugehörigkeit zur Jesusbewegung auch den Zugang zu einem wachsenden Netzwerk eröffnete. Wer Christ war, konnte auf Reisen in anderen Gemeinden Aufnahme finden. Privathäuser wurden zugleich Gemeindehäuser und Orte der Gastfreundschaft. Auch das erhöhte die Attraktivität der Bewegung, weil Zugehörigkeit nicht nur religiöse Orientierung, sondern auch soziale Sicherheit bot.

Im Schluss betont der Autor, dass die Apostelgeschichte keine einfachen Rezepte für die gegenwärtige Kirchenkrise liefert. Die heutige Situation ist nicht direkt mit der antiken Welt vergleichbar. Dennoch lässt sich aus der Apostelgeschichte lernen, dass die Jesusbewegung gerade deshalb so anziehend war, weil sie die Botschaft Jesu verständlich, glaubwürdig und lebensnah in konkrete Praxis übersetzte. Sie machte Menschen nicht nur Hoffnung auf Heil, sondern bot bereits im Hier und Jetzt Elemente eines besseren Lebens. Darin sieht der Artikel eine bleibende Herausforderung für die Kirche der Gegenwart.

Rheinland-Pfalz

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Sekundarstufe II | 12/1 Jesus Christus und die Kirche

12.1 / 1. Botschaft und Anspruch Jesu und das Selbstverständnis der frühen Kirche.

12.1 / 2. Der Geist Jesu Christi als Lebensprinzip der Gemeinde.

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