Mirjam Zadoff untersucht in ihrem Fachartikel, wie Antisemitismus im 20. Jahrhundert nicht nur durch offene Hetze, sondern auch durch kulturelle Inszenierung, politische Mythen und scheinwissenschaftliche Darstellungen wirksam wurde. Ausgangspunkt ist die nationalsozialistische Propagandaausstellung „Der ewige Jude“, die 1937 im Deutschen Museum in München eröffnet wurde. Diese Ausstellung präsentierte sich als sachlich und objektiv, war aber tatsächlich eine groß angelegte antisemitische Hetzschau. Mit verfälschten Statistiken, entstellten Bildern, bedrohlich gestalteten Karten und grotesken Objekten wurde versucht, Jüdinnen und Juden als fremd, gefährlich und minderwertig darzustellen. Besonders perfide war der Einsatz von Lebendmasken, die aus den Gesichtern realer Menschen gemacht worden waren. Dadurch wurden verfolgte und entrechtete Personen in museale Objekte verwandelt.
Die Autorin ordnet diese Praxis historisch ein und zeigt, dass sie auf koloniale Techniken des späten 19. Jahrhunderts zurückgeht. Bereits in kolonialen Zusammenhängen waren Gesichter indigener Menschen in Gips abgeformt und ausgestellt worden. Die Nationalsozialisten griffen diese Methode bewusst wieder auf, um Menschen, die seit Generationen in Deutschland lebten, als fremd und unzivilisiert erscheinen zu lassen. Damit machte die Propaganda aus deutschen Jüdinnen und Juden künstlich Fremde und Feinde. Der Artikel macht deutlich, dass Material, Technik und museale Darstellung nicht neutral waren, sondern der politischen Ausgrenzung dienten.
Zadoff stellt diesen Entwicklungen die Offenheit der Weimarer Republik gegenüber. Trotz aller Schwächen sei Weimar einer pluralen Gesellschaft näher gekommen als frühere politische Ordnungen in Deutschland. Frauen, Juden und die Jugend hätten neue Freiheiten und öffentliche Sichtbarkeit gewonnen. Gerade diese Vielfalt wurde nach 1933 systematisch zerstört. Museen, Bibliotheken und andere kulturelle Räume wurden gesäubert, während an ihre Stelle die nationalsozialistische Vorstellung einer homogenen Volksgemeinschaft trat. Diese beruhte auf Antisemitismus, Nationalismus und dem Versuch, moderne Vielfalt und Migration aus der Geschichte zu löschen.
Ein zentrales Beispiel des Artikels ist Werner Scholem. Sein Gesicht wurde in der Ausstellung als Verkörperung des angeblich jüdischen Bolschewisten benutzt. Zadoff zeigt an seiner Biografie, wie antisemitische Propaganda reale Personen zu Symbolfiguren des Feindes umformte. Werner Scholem war ein kommunistischer Politiker jüdischer Herkunft, der schon früh von den Nationalsozialisten angegriffen wurde. Obwohl er längst nicht mehr im Zentrum der Parteipolitik stand, blieb er für Goebbels und andere Nationalsozialisten ein wichtiges Feindbild. Sein Name, sein Aussehen und seine politische Vergangenheit wurden benutzt, um die Vorstellung zu verbreiten, der Bolschewismus sei von einem internationalen Judentum getragen.
Der Artikel betont zugleich, dass der Bolschewismus keine jüdische Ideologie war. Dennoch waren jüdische Sozialrevolutionäre in manchen Regionen Mittel und Osteuropas überproportional stark vertreten. Zadoff erklärt dies nicht mit einem angeblichen jüdischen Wesen, sondern mit den besonderen historischen und politischen Bedingungen der Zeit. Gerade in Phasen revolutionärer Offenheit traten jüdische Intellektuelle stärker hervor. Sobald sich Parteien und Regime stabilisierten, nahm ihr Anteil wieder ab. Das zeigt, dass ihre Beteiligung historisch bedingt war und nicht als Beweis für eine feste Verbindung von Judentum und Revolution missverstanden werden darf.
Innerhalb des deutschen Judentums löste die sichtbare Rolle jüdischer Revolutionäre Unbehagen aus. Viele befürchteten, dass dies den Antisemitismus verstärken würde. Rechte Kreise nutzten die Beteiligung jüdischer Intellektueller gezielt, um eine angebliche Nähe von Judentum und Radikalismus zu behaupten. Dabei wurden sogar nichtjüdische Revolutionäre wie Karl Liebknecht nachträglich zu Juden erklärt, um antisemitische Erzählungen zu stützen. Der Artikel zeigt damit, wie flexibel und konstruiert antisemitische Feindbilder waren.
Im zweiten Teil wendet sich Zadoff den Deutungen jüdischer Revolutionäre durch jüdische Intellektuelle zu. Besonders wichtig ist Rudolf Kayser, der 1919 versuchte, das Verhältnis zwischen jüdischen Gemeinden und revolutionären Juden neu zu verstehen. Für ihn waren die jüdischen Revolutionäre moderne Gestalten einer älteren jüdischen Tradition. Er verglich sie mit Messias Figuren, Märtyrern und Propheten. Damit wollte er keine religiöse Rückkehr beschreiben, sondern eine säkulare Linie jüdischer Geschichte sichtbar machen. Jüdische Kultur verstand Kayser nicht vor allem religiös, sondern als Verbindung von Geschichte, Literatur und Kunst. In diesem Rahmen erschien ihm der jüdische Revolutionär als eine moderne Form jüdischer Selbstbehauptung.
Kayser deutete die Einsamkeit dieser Revolutionäre als Folge ihrer besonderen Lage. Sie waren oft Intellektuelle und standen nicht einfach für eine soziale Klasse. Gleichzeitig fehlte ihnen die breite nationale Einbindung, auf die andere revolutionäre Gruppen zurückgreifen konnten. Deshalb erschienen sie häufig als Außenseiter und Häretiker. Als historisches Vorbild nannte Kayser Sabbatai Zwi, den falschen Messias des 17. Jahrhunderts. In dessen maßloser Hoffnung und Wirklichkeitsferne glaubte er Parallelen zum politischen Utopismus moderner Revolutionäre zu erkennen. So schrieb er der jüdischen Geschichte eine säkulare, revolutionäre Dimension ein.
Der Artikel stellt dieser Deutung die spätere Perspektive Gershom Scholems gegenüber. Auch er lehnte die Vorstellung eines festen und unveränderlichen Wesens des Judentums ab. Für ihn konnte jüdische Identität nur historisch und im jeweiligen Zusammenhang verstanden werden. Deshalb sah auch er eine Verbindung zwischen den Anhängern Sabbatai Zwis und den jüdischen Revolutionären des 20. Jahrhunderts, jedoch unter dem Gesichtspunkt einer tragischen Utopie. Scholem sprach von säkularem Messianismus und warnte davor, dass politischer Messianismus zerstörerisch ende. Damit wird ein theologisches Motiv, nämlich die Hoffnung auf Erlösung, in seiner säkularen politischen Form kritisch reflektiert.
Am Ende kehrt der Artikel zu Werner Scholem zurück. Obwohl er seit Jahren kein aktiver Funktionär der KPD mehr war und sogar vom Volksgerichtshof freigesprochen wurde, blieb er in Haft und wurde schließlich 1940 im KZ Buchenwald erschossen. Sein Schicksal steht exemplarisch für die doppelte Verfolgung vieler jüdischer Kommunisten und Intellektueller, die sowohl Opfer des Nationalsozialismus als auch Gegner oder Opfer stalinistischer Systeme waren. Zadoff macht deutlich, dass diese Geschichte lange verdrängt wurde. Die jüdischen Kommunisten und Oppositionellen blieben als rote Schafe der Familie oft ohne Erinnerung. Damit versteht sich der Artikel auch als Beitrag zur Wiedergewinnung eines vergessenen Kapitels jüdischer und deutscher Geschichte.