Der Artikel von Ram Adhar Mall setzt sich kritisch mit der Dominanz der europäischen Philosophie auseinander und plädiert für eine interkulturelle Neuorientierung des philosophischen Denkens. Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass Philosophie immer kulturell verortet ist, gleichzeitig aber keinen festen Ort besitzt, da sie über kulturelle Grenzen hinausweist. Diese Spannung bezeichnet der Autor als orthafte Ortlosigkeit.
Der europäische Diskurs wird als bedeutend anerkannt, jedoch zugleich als unzureichend kritisiert, da er sich historisch als universell ausgegeben hat, obwohl er durch koloniale Machtverhältnisse geprägt wurde. Den Anspruch, alleinige Trägerin von Vernunft zu sein, bewertet der Autor als theoretische Gewalt. Auch große Denker der europäischen Tradition hätten diesen Anspruch gestützt. Damit verbunden ist die Kritik an der Vorstellung, dass sich Wahrheit nur innerhalb einer Tradition vollständig realisieren lasse.
Interkulturelle Philosophie versteht der Autor nicht als eigenständige Disziplin, sondern als Haltung des interkulturellen Philosophierens. Sie soll verhindern, dass sich einzelne philosophische Traditionen absolut setzen. Gleichzeitig wird sie als Emanzipationsprozess beschrieben, insbesondere für nicht europäische Denkweisen, die lange Zeit marginalisiert wurden. Ziel ist ein Dialog auf Augenhöhe, der verschiedene Perspektiven gleichberechtigt einbezieht.
Ein zentraler Aspekt ist die Entwicklung einer interkulturellen Hermeneutik. Verstehen wird als wechselseitiger Prozess verstanden, bei dem sowohl Selbstverständnis als auch Fremdverständnis eine Rolle spielen. Die hermeneutische Beziehung zwischen Kulturen ist nicht mehr einseitig, sondern dialogisch. Dabei wird eine Position zwischen totaler Gleichheit und radikaler Verschiedenheit eingenommen. Diese sogenannte Überlappungshermeneutik geht davon aus, dass trotz Differenzen genügend Gemeinsamkeiten bestehen, um Verständigung zu ermöglichen.
Der Artikel entfaltet zudem vier Dimensionen der Interkulturalität. Philosophisch wird betont, dass keine Tradition ein Monopol auf Wahrheit besitzt. Religiös wird eine interreligiöse Haltung gefordert, die unterschiedliche Glaubensformen anerkennt und Absolutheitsansprüche relativiert. Politisch plädiert der Autor für pluralistische und demokratische Strukturen, die keine exklusive Wahrheit beanspruchen. Pädagogisch wird die Vermittlung dieser Prinzipien als zentrale Aufgabe hervorgehoben, insbesondere zur Vorbeugung von Fundamentalismus.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Kritik an der eurozentrischen Geschichtsschreibung der Philosophie. Diese habe sich durch koloniale Macht universalisiert und andere Traditionen ausgeblendet. Der Autor fordert daher eine pluralistische Darstellung der Philosophiegeschichte, die unterschiedliche kulturelle Perspektiven integriert. Dabei wird eine themenorientierte Herangehensweise bevorzugt, die globale Fragestellungen in den Mittelpunkt stellt.
Im Bereich von Lehre und Forschung wird eine Reform der Curricula gefordert. Außereuropäische Philosophien sollen stärker berücksichtigt werden, um ein wirklich globales Verständnis von Philosophie zu ermöglichen. Der Autor sieht darin nicht nur eine akademische, sondern auch eine ethische Verpflichtung.
Abschließend formuliert der Text grundlegende Prinzipien für eine interkulturelle Philosophie. Dazu gehören der konstruktive Umgang mit Differenzen, die Ablehnung von Absolutheitsansprüchen, die Anerkennung pluraler Perspektiven und die Verpflichtung zur Gewaltlosigkeit im Denken und Handeln. Die interkulturelle Philosophie wird als Denkweg und Lebensweg verstanden, der zu einem Paradigmenwechsel in Philosophie, Religion und Gesellschaft führen soll.