Für den Religionsunterricht eignet sich das Medium besonders für die Oberstufe und für Themenfelder wie Erinnerung und Verantwortung, Menschenwürde, Schuld, Leid, jüdisches Leben, Antisemitismus, ethische Urteilsbildung und die Frage nach einem angemessenen Umgang mit dem Holocaust. Das Material setzt ausdrücklich voraus, dass bereits grundlegendes Wissen über den Holocaust vorhanden ist. Diese Voraussetzung ist didaktisch bedeutsam, da das Video nicht zur erstmaligen Vermittlung der Geschichte von Auschwitz eingesetzt werden sollte. Seine besondere Stärke liegt vielmehr in der Irritation vertrauter Vorstellungen davon, wie Erinnerung aussehen darf. Entsprechend kann das Video zunächst ohne ausführliche Einleitung gezeigt werden. Anschließend erhalten die Lernenden Gelegenheit, ihre spontanen Eindrücke, Gefühle und Fragen zu formulieren. Die Lehrkraft sollte dabei unterschiedliche Reaktionen zulassen und nicht vorschnell eine moralisch erwünschte Bewertung vorgeben. Irritation, Zustimmung, Ablehnung, Unsicherheit und Ambivalenz können vielmehr zum Ausgangspunkt einer reflektierten Urteilsbildung werden. Genau diese Verbindung affektiver, kognitiver und ethischer Zugänge bildet eine wesentliche didaktische Perspektive des Materials. Methodisch können erste Reaktionen zunächst individuell notiert und anschließend im Unterrichtsgespräch gesammelt werden. Eine zentrale Leitfrage kann lauten: „Darf man in Auschwitz tanzen?“ Diese bewusst zugespitzte Frage sollte jedoch nicht isoliert beantwortet werden. Die Lernenden benötigen zunächst Informationen darüber, wer tanzt, weshalb getanzt wird, welche Erfahrungen Adolek Kohn gemacht hat und welche Intention hinter Jane Kormans Kunstprojekt steht. Besonders wichtig ist die biografische Perspektive. Das Material schildert Kohns Verfolgung, den Verlust von Familienangehörigen, seine Deportation nach Auschwitz und sein späteres Leben in Australien. Für ihn wird der Tanz schließlich zu einem Ausdruck des Überlebens. Dadurch verändert sich möglicherweise die erste Wahrnehmung des Videos. Diese Veränderung selbst kann zum Lerngegenstand werden. Lernende können ihre erste Position schriftlich festhalten und nach der Erarbeitung der Hintergründe eine zweite Position formulieren. Anschließend vergleichen sie beide Texte und erläutern, welche Informationen ihre Bewertung verändert, bestätigt oder verunsichert haben. Für die Erarbeitungsphase empfiehlt das Medium ein arbeitsteiliges Vorgehen. Gruppen können die Biografie Adolek Kohns, die Entstehung des Videos sowie unterschiedliche Positionen zur Erinnerungskultur untersuchen. Die Ergebnisse können auf Lernplakaten festgehalten und in einem Galeriegang oder Gruppenpuzzle ausgetauscht werden. Dadurch begegnen die Lernenden verschiedenen Perspektiven und müssen ihre eigene Bewertung argumentativ begründen. Für den Religionsunterricht bietet sich zusätzlich die Frage an, welche Bedeutung Erinnerung für die Würde der Opfer und die Verantwortung der nachfolgenden Generationen besitzt. Ebenso kann diskutiert werden, wem die Deutungshoheit über Formen des Gedenkens zukommt und ob die Perspektive eines Überlebenden anders gewichtet werden muss als diejenige späterer Betrachter. Die Lernenden können darüber nachdenken, ob Trauer und Ernsthaftigkeit notwendige Merkmale des Gedenkens sind oder ob auch Lebensfreude, Familie und Tanz Ausdruck einer verantwortbaren Erinnerung sein können. Das Medium fördert dabei Sachkompetenz, Methodenkompetenz, Urteilskompetenz und Orientierungskompetenz und fordert ausdrücklich dazu auf, unterschiedliche Positionen zur Erinnerungskultur zu bewerten und Verantwortung gegenüber historischen Erfahrungen zu reflektieren. Als Abschluss eignet sich die im Material vorgesehene Aufgabe, einen begründeten Kommentar zum Video zu verfassen. Dabei sollten die Lernenden nicht lediglich Zustimmung oder Ablehnung formulieren, sondern den Entstehungshintergrund und mindestens eine Position aus dem Erinnerungsdiskurs berücksichtigen. Alternativ können sie Kriterien für eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur entwickeln oder einen eigenen Entwurf für zeitgemäßes Gedenken gestalten. Entscheidend ist eine Unterrichtsatmosphäre, in der kontroverse Bewertungen möglich sind, zugleich aber die historischen Tatsachen des Holocaust, die Würde der Opfer und die Verantwortung gegenüber antisemitischer Verfolgung nicht zur beliebigen Verhandlungsmasse werden. Gerade die Spannung zwischen emotionaler Irritation, historischem Wissen und ethischer Bewertung macht das Medium für einen problemorientierten Religionsunterricht besonders ergiebig.