Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II, für ausgewählte Lerngruppen auch gegen Ende der Sekundarstufe I. Wegen der sensiblen Themen Sexualität, Pornografie, sexueller Missbrauch, Schwangerschaft, Adoption, Prostitution, Religion und Schuld sollte die Lehrkraft die ausgewählten Texte vorher sorgfältig prüfen und an Alter, Reife, Zusammensetzung und Schutzbedürfnisse der Lerngruppe anpassen. Eine vollständige Bearbeitung der Zeitschrift ist im Unterricht kaum erforderlich. Sinnvoller ist eine gezielte Auswahl einzelner Beiträge, die unterschiedliche kulturelle und ethische Perspektiven eröffnen. Persönliche Erfahrungen dürfen niemals eingefordert werden. Lernende müssen jederzeit die Möglichkeit erhalten, sich zurückhaltend zu äußern oder eine Aufgabe ohne persönliche Offenlegung zu bearbeiten. Vor der Beschäftigung mit belastenden Themen sollten Gesprächsregeln vereinbart und schulische Beratungsangebote genannt werden.
Als Einstieg kann der Begriff Tabu zunächst ohne Bezug auf die Zeitschrift erschlossen werden. Die Lernenden sammeln Bereiche, über die in Familie, Schule, Freundeskreis, Gesellschaft oder Religionsgemeinschaft nur schwer gesprochen wird. Anschließend ordnen sie mögliche Funktionen von Tabus, etwa Schutz der Intimsphäre, Wahrung von Respekt, Sicherung gesellschaftlicher Ordnung, Vermeidung von Scham, Erhaltung von Macht oder Verdeckung von Unrecht. Eine anonyme Abfrage mit vorbereiteten Begriffskarten kann verhindern, dass Lernende persönliche Erlebnisse preisgeben müssen. Danach bietet sich die Leitfrage an, ob ein Tabu grundsätzlich etwas Schlechtes ist oder ob zwischen schützenden und schädlichen Tabus unterschieden werden muss.
Die Länderberichte können arbeitsteilig erschlossen werden. Kleingruppen untersuchen jeweils einen Beitrag und halten fest, welches Tabu beschrieben wird, welche kulturellen oder religiösen Vorstellungen dahinterstehen, welche Personen geschützt oder benachteiligt werden, welche Folgen das Schweigen hat und welche Lösung der Text vorschlägt. Bei der Präsentation sollten die Gruppen deutlich zwischen der beobachteten Situation, der Deutung der Verfassenden und ihrer eigenen Beurteilung unterscheiden. Eine vergleichende Übersicht ermöglicht es anschließend, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Bangladesch, Frankreich, Papua Neuguinea, Ecuador, Deutschland und Japan herauszuarbeiten. Dadurch erkennen die Lernenden, dass Tabus kulturell geprägt sind und dass das eigene Verständnis von Normalität ebenfalls erklärungsbedürftig ist.
Besonders ergiebig ist der Vergleich der Beiträge über Japan und Ecuador. Während in Japan Lob, Selbstdarstellung und bestimmte Zahlen mit kulturellen Vorbehalten verbunden werden, wird in Ecuador nach Darstellung des Mediums vergleichsweise offen über Familienplanung und Verhütung gesprochen. Die Lernenden können untersuchen, wie Schamgrenzen entstehen und weshalb eine Frage in einer Kultur als normal, in einer anderen jedoch als unangemessen wahrgenommen wird. Dabei ist darauf zu achten, Länder und Kulturen nicht als einheitliche Größen darzustellen. Die Berichte geben persönliche Erfahrungen einzelner Verfassender wieder und erlauben keine allgemeingültigen Aussagen über alle Menschen eines Landes.
Der Beitrag aus Bangladesch eignet sich für eine fallbezogene ethische Urteilsbildung. Im Mittelpunkt stehen Gerüchte über eine uneheliche Schwangerschaft, eine rechtlich fragwürdige Adoption, die Angst vor dem Verlust des Ansehens und die Frage nach dem Wohl des Kindes. Die Lernenden können die Perspektiven der betroffenen jungen Frau, der Adoptivmutter, des Kindes, der Schulleitung und des sozialen Umfeldes rekonstruieren. Danach entwickeln sie begründete Handlungsmöglichkeiten. Leitfragen können lauten, ob jede Wahrheit öffentlich gemacht werden muss, wer ein Recht auf welche Information besitzt, wie Gerüchte von gesicherten Erkenntnissen unterschieden werden und wie Wahrheitssuche mit dem Schutz betroffener Menschen verbunden werden kann. Auf diese Weise wird vermieden, vorschnell Schuld zuzuweisen.
Die Beiträge zu Sexualität und Pornografie verlangen eine besonders sensible Bearbeitung. Statistische Angaben aus dem Jahr 2018 sollten nicht ungeprüft als aktuelle Fakten übernommen werden. Lernende können untersuchen, welche Quellen genannt werden, wie belastbar die Zahlen erscheinen und welche sprachlichen Mittel zur Bewertung des Themas verwendet werden. Die religiöse Argumentation kann mit anderen ethischen Gesichtspunkten wie Menschenwürde, Einvernehmlichkeit, Schutz vor Gewalt, Medienkompetenz, Abhängigkeit und verantwortlicher Beziehungsgestaltung verbunden werden. Wichtig ist eine Sprache, die Betroffene nicht beschämt. Die Unterrichtsarbeit sollte Hilfsangebote, Möglichkeiten vertraulicher Beratung und den Gedanken einschließen, dass Menschen nicht auf ihr Verhalten oder ihre Schwierigkeiten reduziert werden dürfen.
Der Beitrag zur Islamkritik bietet Gelegenheit, über religiöse Vielfalt und interreligiösen Dialog nachzudenken. Die Lernenden können die Unterscheidung zwischen Gesprächen über Muslime, Gesprächen zu Muslimen und Gesprächen mit Muslimen untersuchen. Dabei lässt sich fragen, wie religiöse Überzeugungen sachlich kritisiert werden können, ohne Menschen abzuwerten. Zugleich sollte die missionarische Zielsetzung des Mediums offengelegt und kritisch reflektiert werden. Lernende können prüfen, ob muslimische Perspektiven im Text selbst angemessen vertreten sind oder überwiegend aus christlicher Außenperspektive beschrieben werden. Ergänzende Materialien muslimischer Autorinnen und Autoren helfen, eine mehrperspektivische Auseinandersetzung zu ermöglichen.
Der Sonderbeitrag von Roland Deines eignet sich zur begrifflichen Vertiefung. Seine Unterscheidung zwischen Bequemlichkeitstabus, Schamtabus und Konfliktvermeidungstabus kann von den Lernenden auf selbst entwickelte, nicht persönliche Fallbeispiele angewendet werden. Anschließend kann diskutiert werden, ob diese Einteilung alle Formen von Tabus erfasst. Die Aussage, vor Gott gebe es keine Tabus, eröffnet eine theologische Diskussion über Gotteserkenntnis, Gericht, Gnade, Wahrheit und Freiheit. Passende Bibelstellen wie Johannes 8,32, Matthäus 10,26, 1. Johannes 1,9 und 1. Korinther 13,12 können im Kontext gelesen und mit der Argumentation des Mediums verglichen werden. Dabei ist zu klären, ob Wahrheit immer ausgesprochen werden muss oder ob Rücksicht, Schweigepflicht, Schutz und der richtige Zeitpunkt ebenfalls ethische Bedeutung besitzen.
Zur Förderung der Medienkompetenz sollten die Lernenden auch Gestaltung, Sprache und Absicht der Zeitschrift untersuchen. Sie können Bilder, Überschriften, persönliche Erfahrungsberichte, Bibelzitate, Spendenhinweise und Informationen über die Verfassenden analysieren. Dabei fragen sie, welche Wirkung die persönliche Erzählweise erzeugt, wie Emotionen angesprochen werden und wo Bericht, Wertung, religiöses Zeugnis und Werbung ineinander übergehen. Da das Medium von einer Missionsorganisation herausgegeben wurde, ist es keine neutrale Informationsquelle. Gerade diese erkennbare Perspektivität macht es für die Quellenkritik interessant.
Als Abschluss können die Lernenden einen verantwortungsvollen Gesprächsleitfaden zum Umgang mit Tabuthemen verfassen, eine begründete Stellungnahme zu einem Fall schreiben oder Kriterien für schützende und schädliche Tabus entwickeln. Ebenso möglich ist eine moderierte Diskussion zur Frage, ob das Brechen eines Tabus immer befreiend wirkt. Für die Ergebnissicherung eignet sich ein Text, in dem die Lernenden zwischen Privatsphäre, Geheimnis, Scham, Schweigen, Verdrängung und Vertuschung unterscheiden. Die Bewertung sollte sich auf sachgerechte Textarbeit, Perspektivübernahme, Quellenkritik, theologische Argumentation und ein begründetes ethisches Urteil beziehen, nicht auf die persönliche religiöse Überzeugung der Lernenden.
Für den Religionsunterricht bietet das Medium zahlreiche Möglichkeiten für ethisches, interkulturelles und theologisches Lernen. Die Lernenden können zunächst eigene Erfahrungen mit Tabus sammeln und reflektieren, welche Themen in Familie, Schule, Freundeskreis, Gesellschaft oder Religion als schwierig oder unaussprechlich gelten. Die internationalen Fallbeispiele eignen sich hervorragend für ein Gruppenpuzzle, bei dem verschiedene Lerngruppen jeweils einen Länderbericht analysieren und anschließend ihre Ergebnisse austauschen. Dabei untersuchen die Lernenden, welche Tabus beschrieben werden, welche Funktionen diese erfüllen und welche Folgen sie für einzelne Menschen und Gemeinschaften haben. Besonders gewinnbringend sind Perspektivwechsel, bei denen die Lernenden die Situation der betroffenen Personen nachvollziehen und Handlungsalternativen entwickeln. Die Berichte über uneheliche Schwangerschaften in Bangladesch, über Scham und Sündenbekenntnis in französischen Gemeinden, über Pornografie in Papua Neuguinea oder über Familienplanung in Ecuador ermöglichen eine intensive Auseinandersetzung mit Fragen von Moral, Freiheit, Verantwortung und Menschenwürde. Die theologischen Texte können mit biblischen Erzählungen über Schuld, Wahrheit, Vergebung und Versöhnung verbunden werden. Geeignet sind beispielsweise die Geschichte der Ehebrecherin, die Begegnung Jesu mit Zachäus oder neutestamentliche Aussagen über Wahrheit und Freiheit. Darüber hinaus bietet das Medium zahlreiche Anknüpfungspunkte für Diskussionen über gesellschaftliche Normen, kulturelle Unterschiede, Religionskritik, Toleranz und die Bedeutung von Offenheit in Gemeinschaften. Methoden wie Schreibgespräch, Fishbowl Diskussion, Debatte, Rolleninterview, Standbild, Fallanalyse, Lerntagebuch oder World Café fördern die persönliche Reflexion und die argumentativen Fähigkeiten der Lernenden. Das Medium eignet sich besonders für die Sekundarstufe, da es komplexe ethische Fragestellungen mit lebensnahen Beispielen verbindet und zu einer differenzierten Urteilsbildung anregt.
Leitartikel: „Die Tabus unserer Zeit“
Material: Grundlegende Einführung in die gesellschaftliche Funktion von Tabus sowie deren Chancen und Gefahren.
Was passiert im Unterricht?
Die Lernenden erstellen eine Sammlung heutiger Tabuthemen aus Schule, Familie, Gesellschaft und Religion. Anschließend analysieren sie, welche Tabus schützen und welche Menschen unterdrücken können. Die Lernenden entwickeln Kriterien für einen verantwortlichen Umgang mit sensiblen Themen.
Interkulturelle Teams Deutschland: „Was Sex vor der Ehe mit Maultaschen gemeinsam hat“
Material: Beitrag über religiöse Tabus im Islam und Christentum sowie über den Umgang mit Sexualität und heimlichen Regelverletzungen.
Was passiert im Unterricht?
Die Lernenden untersuchen, warum Menschen Regeln umgehen und welche Rolle Scham dabei spielt. Sie vergleichen religiöse Gebote verschiedener Religionen und diskutieren den Unterschied zwischen äußerer Regelbefolgung und innerer Überzeugung. Ein Fallbeispiel eignet sich für eine Debatte über Moral und Authentizität.
Bangladesch: „Schusmitas Baby?“
Material: Fallgeschichte über Gerüchte, Adoption, Scham, Wahrheit und gesellschaftlichen Druck.
Was passiert im Unterricht?
Die Lernenden analysieren die verschiedenen Perspektiven der beteiligten Personen und entwickeln mithilfe eines Rolleninterviews mögliche Lösungen des Konflikts. Die Geschichte eignet sich besonders für ethische Urteilsbildung zu den Themen Wahrheit, Gerüchte, Verantwortung und Menschenwürde.
Frankreich: „Tabus in der Gemeinde“
Material: Reflexion über Sexualität, Partnerschaft, Sünde, Vergebung und Scham in christlichen Gemeinden.
Was passiert im Unterricht?
Die Lernenden diskutieren die Frage, warum Menschen Fehler häufig verbergen. Sie untersuchen biblische Texte zu Schuld und Vergebung und vergleichen diese mit den Erfahrungen aus dem Beitrag. In einem Schreibgespräch entwickeln sie Ideen für eine Kultur der Offenheit und Wertschätzung.
Papua Neuguinea: „Ist Porno noch tabu?“
Material: Bericht über Pornografie, digitale Medien, Sexualität und deren Auswirkungen auf Individuen und Gesellschaft.
Was passiert im Unterricht?
Die Lernenden setzen sich kritisch mit Mediennutzung und digitalen Einflüssen auseinander. Sie analysieren gesellschaftliche Folgen von Pornografie und reflektieren christliche Vorstellungen von Liebe, Sexualität und Menschenwürde. Die Unterrichtseinheit eignet sich besonders für ältere Lernende der Sekundarstufe.
Ecuador: „Verhütung – kein Tabu in Ecuador“
Material: Erfahrungsbericht über Familienplanung, Kinderwunsch, Offenheit und kulturelle Unterschiede.
Was passiert im Unterricht?
Die Lernenden vergleichen Gesprächskulturen verschiedener Länder und reflektieren, welche Themen in Deutschland eher privat behandelt werden. Die Einheit fördert interkulturelles Lernen und sensibilisiert für unterschiedliche gesellschaftliche Normen.
Interkulturelle Teams Deutschland: „Tabu Islamkritik“
Material: Beitrag über das Spannungsfeld zwischen Respekt, Religionsfreiheit, Kritikfähigkeit und interreligiösem Dialog.
Was passiert im Unterricht?
Die Lernenden untersuchen, wie ein respektvoller Dialog zwischen Religionen gelingen kann. Sie unterscheiden zwischen sachlicher Kritik, Vorurteilen und Diskriminierung. Die Methode Fishbowl eignet sich besonders für die Diskussion kontroverser Positionen.
Japan: „No Gos in Japan“
Material: Bericht über kulturelle Regeln, unausgesprochene Normen und gesellschaftliche Erwartungen.
Was passiert im Unterricht?
Die Lernenden analysieren kulturelle Unterschiede und vergleichen japanische Tabus mit deutschen Verhaltensregeln. Durch Perspektivwechsel erkennen sie, wie Kultur Wahrnehmung und Handeln beeinflusst.
Sonderbeitrag von Roland Deines: „Tabus – Über manche Dinge spricht man besser nicht“
Material: Wissenschaftlicher und theologischer Grundsatzartikel über Entstehung, Funktion und Bedeutung von Tabus.
Was passiert im Unterricht?
Die Lernenden erschließen zentrale Funktionen von Tabus und entwickeln mithilfe von Expertengruppen ein Schaubild zu positiven und negativen Wirkungen gesellschaftlicher Tabus. Der Beitrag eignet sich besonders für vertiefende Reflexion und Oberstufenkurse.