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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Antinomien der reinen Vernunft

Veröffentlichung:1.1.2007

Das Medium stellt ausgewählte Passagen aus Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ zu den Antinomien der reinen Vernunft vor. Im Mittelpunkt stehen zwei grundlegende philosophische Widersprüche, die entstehen, wenn die menschliche Vernunft Fragen beantworten möchte, welche die Grenzen möglicher Erfahrung überschreiten. Zunächst wird die Frage nach Anfang und räumlicher Begrenzung der Welt behandelt. Der These, dass die Welt einen Anfang in der Zeit habe und räumlich begrenzt sei, steht die Antithese gegenüber, dass die Welt keinen Anfang habe und sowohl zeitlich als auch räumlich unendlich sei. Kant führt für beide Positionen ausführliche Begründungen an und verdeutlicht damit, dass die Vernunft bei der Suche nach einer abschließenden Erklärung der Welt zu einander widersprechenden Aussagen gelangen kann. Der zweite Schwerpunkt betrifft das Verhältnis von Freiheit und Naturkausalität. Einerseits wird die These vertreten, dass neben der Kausalität nach Naturgesetzen eine Kausalität durch Freiheit angenommen werden müsse. Andererseits argumentiert die Antithese, dass es keine solche Freiheit gebe und alles Geschehen ausschließlich den Gesetzen der Natur folge. Damit berührt der Text eine für Philosophie, Ethik und Religion zentrale Frage: Kann der Mensch tatsächlich frei handeln oder ist sein Handeln Bestandteil einer lückenlosen Kette von Ursachen und Wirkungen?

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Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht besonders zur Auseinandersetzung mit den Themen Freiheit, Verantwortung, Schöpfung, Weltanfang, Gottesfrage, menschliche Erkenntnis und Grenzen der Vernunft. Didaktisch ermöglicht das Medium Lernenden der Jahrgangsstufe 10 eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit der Frage, was der Mensch über die Welt, über Freiheit und über die Voraussetzungen seines eigenen Handelns wissen kann. Aufgrund der sprachlichen und argumentativen Komplexität des Kanttextes sollte das Material nicht unvorbereitet als reine Textlektüre eingesetzt werden. Eine didaktische Reduktion und eine schrittweise Erschließung sind sinnvoll. Als Einstieg kann die Lehrkraft zwei einfache Fragen formulieren: „Hatte die Welt einen ersten Anfang?“ und „Kann ein Mensch eine Handlung wirklich aus eigener Freiheit beginnen?“ Die Lernenden können zunächst spontan Position beziehen und ihre Antworten begründen. Dadurch wird deutlich, dass die von Kant behandelten Probleme keineswegs nur historische philosophische Fragen sind, sondern grundlegende Fragen menschlicher Weltdeutung betreffen. Anschließend können zentrale Begriffe wie Vernunft, Antinomie, These, Antithese, Kausalität, Naturgesetz und Freiheit gemeinsam geklärt werden. Besonders der Begriff der Antinomie sollte gesichert werden. Die Lernenden sollen verstehen, dass damit ein Widerstreit gemeint ist, bei dem die Vernunft zu zwei einander widersprechenden Aussagen gelangt, für die jeweils rationale Argumente vorgebracht werden können. Für die Texterschließung bietet sich eine arbeitsteilige Vorgehensweise an. Lerngruppen können jeweils eine These oder Antithese untersuchen und zunächst die zentrale Behauptung in eigenen Worten formulieren. Danach markieren sie Voraussetzungen, Argumentationsschritte und Schlussfolgerungen. Die komplexen Gedankengänge können anschließend in vereinfachte Argumentationsketten übertragen werden. Für die erste Antinomie kann beispielsweise herausgearbeitet werden, weshalb sowohl die Vorstellung eines absoluten Weltanfangs als auch die Vorstellung einer unendlich vergangenen Zeit Schwierigkeiten erzeugt. Bei der dritten Antinomie sollten die Lernenden insbesondere den Konflikt zwischen einer vollständig durch Naturursachen bestimmten Welt und der Annahme menschlicher Freiheit untersuchen. Methodisch eignet sich hierfür eine Gegenüberstellung von These und Antithese. Die Lernenden können die Argumente beider Seiten in eigenen Worten darstellen und anschließend miteinander vergleichen. Eine weitere Möglichkeit ist ein philosophisches Streitgespräch. Eine Gruppe verteidigt die Position, dass menschliche Handlungen vollständig durch vorausgehende Ursachen bestimmt sind, während eine andere Gruppe Argumente für menschliche Freiheit entwickelt. Wichtig ist dabei, dass nicht lediglich persönliche Meinungen ausgetauscht werden. Die Lernenden sollen sich ausdrücklich auf Argumente des Textes beziehen. Für den Religionsunterricht ist anschließend eine Transferphase besonders ergiebig. Die Frage nach dem Anfang der Welt kann mit religiösen Vorstellungen von Schöpfung und mit naturwissenschaftlichen Erklärungen der Entstehung des Universums in Beziehung gesetzt werden. Dabei sollte zwischen unterschiedlichen Aussageabsichten unterschieden werden. Religiöse Schöpfungsaussagen können beispielsweise nach Sinn, Grund und Bedeutung der Welt fragen, während naturwissenschaftliche Modelle empirisch beschreibbare Entwicklungen des Universums untersuchen. Kants Überlegungen können dazu beitragen, vorschnelle Gleichsetzungen oder Konkurrenzmodelle kritisch zu prüfen. Die dritte Antinomie eröffnet zugleich einen Zugang zur religiösen und ethischen Bedeutung menschlicher Freiheit. Ohne zumindest eine Form von Freiheit erscheint die Zuschreibung persönlicher Verantwortung problematisch. Die Lernenden können deshalb diskutieren, welche Folgen es für Schuld, Verantwortung, Gewissen und moralisches Handeln hätte, wenn jede menschliche Entscheidung vollständig durch vorausgehende Ursachen festgelegt wäre. Als lebensweltlicher Zugang eignen sich Situationen, in denen Menschen behaupten, sie hätten gar nicht anders handeln können. Die Lernenden können prüfen, ob eine solche Aussage Verantwortung aufhebt oder ob trotz äußerer und innerer Einflüsse von verantwortlichem Handeln gesprochen werden kann. Abschließend empfiehlt sich eine Sicherungsphase, in der die Lernenden die Funktion der Antinomien erläutern. Entscheidend ist, dass sie nicht nur die jeweiligen Positionen wiedergeben, sondern erkennen, dass Kant anhand der widersprüchlichen Argumentationen Grenzen menschlicher Erkenntnis sichtbar macht. Auf diese Weise kann das Medium im Religionsunterricht zugleich die Kompetenz fördern, religiöse und philosophische Wahrheitsansprüche differenziert zu betrachten und zwischen Wissen, vernünftiger Argumentation, Glauben und weltanschaulichen Deutungen zu unterscheiden. 

Prüfungsfragen für eine Klausur der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten: Aufgabe 1, Operator Beschreiben: Beschreibe den grundlegenden Gegensatz zwischen These und Antithese der ersten Antinomie. Musterantwort: Die These behauptet, dass die Welt einen Anfang in der Zeit besitzt und räumlich begrenzt ist. Die Antithese vertritt dagegen die Auffassung, dass die Welt keinen zeitlichen Anfang besitzt und räumlich unendlich ist. Beide Aussagen widersprechen einander unmittelbar. Kant zeigt, dass für beide Positionen Argumente entwickelt werden können. Aufgabe 2, Operator Zusammenfassen: Fasse die Argumentation der These zur zeitlichen Begrenzung der Welt in eigenen Worten zusammen. Musterantwort: Die These geht davon aus, dass eine unendliche Reihe vergangener Zustände niemals vollständig durchlaufen werden könnte. Wenn der gegenwärtige Zeitpunkt aber erreicht ist, müsste eine solche unendliche Reihe bereits vollständig vergangen sein. Kant entwickelt daraus das Argument, dass eine unendlich lange Vergangenheit problematisch ist und deshalb ein Anfang der Welt angenommen werden müsse. 

Aufgabe 3, Operator Erläutern: Erläutere, weshalb die Frage nach der menschlichen Freiheit in der dritten Antinomie zu einem Widerspruch führt. Musterantwort: Auf der einen Seite verlangt die Vorstellung einer vollständig gesetzmäßig geordneten Natur, dass jedes Ereignis durch vorhergehende Ursachen bestimmt ist. Auf der anderen Seite führt die Suche nach den Ursachen immer weiter zurück, ohne einen ersten Anfang der Ursachenkette zu erreichen. Die These nimmt deshalb eine besondere Form von Kausalität durch Freiheit an, durch die eine neue Ursachenkette begonnen werden kann. Die Antithese wendet dagegen ein, dass ein solcher spontaner Anfang nicht aus vorhergehenden Ursachen erklärt werden könnte und damit der durchgängigen Gesetzmäßigkeit der Erfahrung widersprechen würde. Der Widerspruch besteht somit darin, dass sowohl die vollständige Naturkausalität als auch die Annahme einer davon unabhängigen Freiheit begründbare, aber miteinander unvereinbare Konsequenzen haben. 

Aufgabe 4, Operator Vergleichen: Vergleiche das Verständnis von Kausalität in These und Antithese der dritten Antinomie. Musterantwort: Die These unterscheidet zwischen Naturkausalität und einer Kausalität durch Freiheit. Naturkausalität bedeutet, dass ein Ereignis aufgrund vorhergehender Ursachen nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten eintritt. Freiheit ermöglicht dagegen nach dieser Argumentation einen selbstständigen Anfang einer Ursachenkette. Die Antithese akzeptiert ausschließlich die Kausalität der Natur. Für sie muss jedes Ereignis in einen gesetzmäßigen Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen eingeordnet werden können. Während die These also zwei Formen der Kausalität annimmt, beschränkt die Antithese alle erklärbaren Ereignisse auf die Kausalität nach Naturgesetzen. 

Aufgabe 5, Operator Analysieren: Analysiere die Argumentation der Antithese der dritten Antinomie im Hinblick auf das Verhältnis von Freiheit und Naturgesetz. Musterantwort: Die Antithese beginnt mit der Annahme einer transzendentalen Freiheit und untersucht deren Konsequenzen. Wenn eine freie Ursache eine Handlung vollständig von selbst beginnen könnte, wäre dieser Anfang nicht durch einen vorausgehenden Zustand nach einem Naturgesetz bestimmt. Damit würde die lückenlose Verbindung zwischen Ursache und Wirkung unterbrochen. Kant macht in der Antithese deutlich, dass eine solche Freiheit aus der Perspektive gesetzmäßiger Erfahrung problematisch ist, weil Erfahrung gerade voraussetzt, dass Ereignisse in nachvollziehbaren Zusammenhängen stehen. Die Antithese gelangt deshalb zu dem Ergebnis, dass für die Erklärung der erfahrbaren Welt Naturgesetze erforderlich sind und eine von ihnen völlig unabhängige Freiheit innerhalb der Erfahrung nicht nachgewiesen werden kann. 

Aufgabe 6, Operator Erörtern: Erörtere ausgehend von Kants dritter Antinomie, ob moralische Verantwortung menschliche Freiheit voraussetzt. Musterantwort: Für die Annahme, dass moralische Verantwortung Freiheit voraussetzt, spricht, dass einem Menschen eine Handlung nur dann vollständig zugerechnet werden kann, wenn er zumindest grundsätzlich anders hätte handeln können. Wären sämtliche Entscheidungen vollständig durch vorhergehende Ursachen bestimmt, könnte fraglich werden, in welchem Sinne Menschen für ihr Handeln verantwortlich sind. Gegen eine einfache Gleichsetzung von Freiheit und Verantwortung spricht jedoch, dass menschliches Handeln immer unter Bedingungen stattfindet. Erziehung, Erfahrungen, soziale Beziehungen und persönliche Voraussetzungen beeinflussen Entscheidungen. Verantwortung muss daher nicht bedeuten, völlig unabhängig von allen Ursachen zu handeln. Ausgehend von Kant lässt sich festhalten, dass das Verhältnis von Naturkausalität und Freiheit philosophisch schwierig bleibt. Für ethische und religiöse Vorstellungen von Verantwortung besitzt die Annahme menschlicher Freiheit jedoch eine besondere Bedeutung, weil Lob, Schuld, Gewissen und Verantwortung voraussetzen, dass Menschen als handelnde Subjekte betrachtet werden können. 

Aufgabe 7, Operator Beurteilen: Beurteile die Aussage „Wenn alles eine Ursache hat, kann der Mensch nicht frei sein“ unter Einbeziehung der Argumente des Textes. Musterantwort: Die Aussage greift ein zentrales Problem der dritten Antinomie auf, ist jedoch zu undifferenziert. Die Antithese unterstützt zunächst die Vorstellung, dass jedes Ereignis nach Naturgesetzen mit vorhergehenden Ursachen verbunden sein muss. Daraus könnte geschlossen werden, dass auch menschliche Entscheidungen vollständig verursacht sind. Die These macht dagegen deutlich, dass die Vernunft nach einem Anfang der Ursachenkette fragt und deshalb eine Kausalität durch Freiheit annimmt. Kants Darstellung zeigt somit, dass die Beziehung zwischen Verursachung und Freiheit nicht durch die einfache Behauptung gelöst werden kann, dass das Vorhandensein von Ursachen jede Freiheit ausschließt. Für ein begründetes Urteil muss außerdem geklärt werden, was unter Freiheit verstanden wird. Freiheit könnte etwa nicht als völlige Ursachenlosigkeit, sondern als Fähigkeit verstanden werden, aufgrund eigener Überlegungen und Gründe zu handeln. 

Aufgabe 8, Operator Stellung nehmen: Nimm begründet Stellung zu der Frage, welche Bedeutung die Auseinandersetzung mit den Grenzen der Vernunft für religiöse Aussagen über Gott und Schöpfung haben kann. Musterantwort: Die Auseinandersetzung mit den Grenzen der Vernunft kann für religiöse Aussagen über Gott und Schöpfung bedeutsam sein, weil sie deutlich macht, dass nicht jede Frage über den Ursprung und die Gesamtheit der Wirklichkeit allein durch theoretische Vernunft abschließend beantwortet werden kann. Daraus folgt jedoch weder automatisch die Wahrheit noch die Unwahrheit religiöser Aussagen. Vielmehr muss zwischen unterschiedlichen Formen von Aussagen unterschieden werden. Naturwissenschaftliche Aussagen untersuchen empirisch zugängliche Vorgänge, philosophische Aussagen fragen nach den Voraussetzungen und Grenzen unserer Erkenntnis und religiöse Aussagen können Fragen nach Sinn, Grund und Bedeutung der Wirklichkeit thematisieren. Meines Erachtens ist Kants Ansatz deshalb für den Religionsunterricht hilfreich, weil er dazu auffordert, sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen menschlicher Erkenntnis kritisch zu reflektieren und religiöse Überzeugungen nicht vorschnell mit naturwissenschaftlichem Wissen gleichzusetzen.

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Sekundarstufe II | Q3 Ethik – die Frage nach Gut und Böse

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Sekundarstufe II | 12/2 Gutes Handeln unter dem Anspruch des Christseins

12.2 / 1. Grundzüge christlicher Moral im Kontext philosophischer Ethik.

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