Im Grundlagenteil entfalten Gerhard Kruip und Veit Straßner ein differenziertes Verständnis globaler Gerechtigkeit anhand zentraler Positionen der aktuellen ethischen Debatte. Sie zeigen zunächst das Ausmaß globaler Ungleichheit auf und machen deutlich, dass Lebenschancen weltweit massiv vom Geburtsort abhängen. Anhand des bekannten Gedankenexperiments von Peter Singer wird die moralische Pflicht zur Hilfe diskutiert, zugleich aber kritisch gefragt, ob individuelle Barmherzigkeit allein den strukturellen Ursachen von Armut gerecht wird. Dem wird der Ansatz von John Rawls gegenübergestellt, der Gerechtigkeit als Frage fairer institutioneller Strukturen denkt und sich – global angewandt – auf Mindeststandards, Menschenrechte und eine Bevorzugung der am schlechtesten Gestellten richtet. Ergänzend wird mit Thomas Pogge ein strukturell-politischer Ansatz vorgestellt, der globale Armut als Folge ungerechter internationaler Institutionen interpretiert und daraus politische Verantwortung für wohlhabende Staaten und ihre Bürger ableitet. Die katholische Soziallehre wird als wichtiger Bezugsrahmen präsentiert, der seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil soziale Gerechtigkeit konsequent global denkt und in neueren Texten – insbesondere mit Blick auf ökologische Fragen – von der Verantwortung für das „gemeinsame Haus“ spricht. Insgesamt wird globale Gerechtigkeit als Zusammenspiel von individueller Verantwortung, politischem Handeln und gerechter Gestaltung internationaler Strukturen verstanden.
Die folgenden Beiträge vertiefen zentrale Einzelfragen globaler Gerechtigkeit. Johannes Wallacher analysiert Ernährung als globales Gerechtigkeitsproblem und zeigt, dass Hunger trotz ausreichender globaler Nahrungsmittelproduktion fortbesteht. Ursachen sind nicht primär Produktionsmängel, sondern Armut, politische Instabilität, Marktversagen, ökologische Zerstörung und ungerechte Handelsstrukturen. Der Beitrag stellt das Menschenrecht auf Nahrung als normatives Fundament der Ernährungssicherheit heraus und entfaltet ein „Dreieck der Gerechtigkeit“, das die Befriedigung von Grundbedürfnissen, gerechte Handlungschancen und faire Verfahren miteinander verbindet. Deutlich wird, dass Ernährungssicherheit nur durch strukturelle Reformen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene erreicht werden kann.
Michelle Becka richtet den Blick auf den globalen Ressourcenverbrauch und zeigt, dass die Übernutzung natürlicher Ressourcen untrennbar mit Fragen globaler Gerechtigkeit verbunden ist. An konkreten Beispielen wie Goldabbau und Coltanförderung wird sichtbar, wie Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen, bewaffnete Konflikte und Konsum im globalen Norden zusammenhängen. Hartmut Heidenreich vertieft diese Problematik am Beispiel der Goldgewinnung und macht deren massive ökologische und soziale Folgen deutlich. Beide Beiträge sensibilisieren für die ethische Dimension alltäglicher Konsumentscheidungen.
Der Praxisteil des Heftes bietet zahlreiche Anregungen für den Religionsunterricht. Vorgestellt werden Projekte und Initiativen wie „WeltFAIRänderer“, „Aktion Tagwerk“ oder „Mary’s Meals“, die schulisches Engagement mit globaler Verantwortung verbinden. Ergänzend dazu liefern konkrete Unterrichtsbausteine praxisnahe Zugänge, etwa zur Schokoladenproduktion, zum Smartphone-Konsum, zu fairer Kleidung oder zur Frage, ob Ernährung Privatsache ist. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler für die globalen Folgen ihres Lebensstils zu sensibilisieren, ohne sie moralisch zu überfordern, und ihnen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Insgesamt versteht sich das Heft als Einladung, globale Gerechtigkeit im Religionsunterricht als Glaubens-, Gewissens- und Lebensfrage zu thematisieren. Es verbindet christliche Sozialethik, aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen und konkrete Unterrichtspraxis und unterstützt Religionslehrkräfte dabei, Schülerinnen und Schüler zu einem reflektierten, solidarischen und verantwortlichen Umgang mit der „einen Welt“ zu befähigen.