Ausgehend vom lateinischen Wort Saxa loquuntur Steine sprechen greift der Impuls einen Schülerfilm auf, in dem antike Skulpturen lebendig werden. Dieses Bild wird auf den Mainzer Dom übertragen. Der Dom ist kein Museum, sondern ein Ort lebendiger Glaubensgeschichte. Seine Steine erzählen vom Leben der Menschen, die ihn erbaut, erhalten und in ihm gebetet haben. Sie verweisen auf den lebendigen Gott, der sich im biblischen Ich bin da offenbart und in Jesus Christus Mensch geworden ist. Die Inkarnation zeigt, dass Gott mitten in der Welt gegenwärtig ist und Christen daher nicht weltabgewandt leben dürfen.
Der Glaube steht im Dialog mit der Zeit. Der Dom als historisches Bauwerk steht in einer sich wandelnden Umgebung und verweist symbolisch darauf, dass auch der Glaube in geschichtlichen Kontexten lebt. Christen sind gerufen, Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute zu teilen. Sie sollen ihre Gesellschaft aktiv mitgestalten und dabei Gottes Liebe sichtbar machen. Dabei geht es nicht um Rückzug in Innerlichkeit, sondern um eine geerdete Religiosität auf dem Fundament der Kirche.
Die gesellschaftliche Situation ist von Pluralisierung, Globalisierung und Säkularisierung geprägt. Der Einfluss der Kirchen nimmt ab, Religion wird häufig privatisiert. Gleichzeitig entstehen neue religiöse Ausdrucksformen und Ersatzreligionen. In multikulturellen und multireligiösen Kontexten müssen Christen ihr eigenes Profil selbstkritisch klären und dialogfähig bleiben. Dialog setzt Verwurzelung und Offenheit zugleich voraus.
Für den Religionsunterricht ergeben sich daraus besondere Herausforderungen. Glaube darf nicht von der Lebenswelt getrennt vermittelt werden. Leben soll im Licht des Glaubens verstehbar werden und der Glaube im Kontext des Lebens vollziehbar sein. Jugendliche wachsen in einer pluralen Medienwelt auf, in der Identität oft durch Selbstdarstellung und wechselnde Zugehörigkeiten entsteht. Der Wunsch nach Integration steht neben dem Wunsch nach Individualität. Feste religiöse Traditionen sind für viele nicht mehr selbstverständlich erfahrbar.
Religionslehrerinnen und Religionslehrer stehen mitten in dieser Spannung. Sie begegnen Jugendlichen, die keine gewachsenen religiösen Wurzeln mitbringen, sondern eigene Erfahrungen und auch Stolpersteine ihres Lebens einbringen. Diese Erfahrungen sind ernst zu nehmen und dialogisch zu erschließen. Lehrkräfte werden selbst zu Zeugen, indem sie durch ihre persönliche Zuwendung das Ich bin da Gottes verkörpern.
Das Bild vom lebendig werdenden Museum wird weitergeführt. Wie im Schülerfilm Skulpturen lebendig werden, so kann auch der überlieferte Glaube neu zum Sprechen kommen, wenn Jugendliche biblische Gestalten und kirchliche Tradition auf ihre Lebensrelevanz befragen. Vita loquitur das Leben spricht wird zum Leitgedanken eines Religionsunterrichts, der Glauben und Gegenwart miteinander verbindet. Ziel ist es, junge Menschen zu befähigen, Gott und Welt zu lieben, verantwortlich zu handeln und den Gott des Lebens immer neu zu entdecken.