Der Artikel stellt zwei Neupriester vor, die im Interview über ihr Berufungsverständnis, ihr Priesterbild und ihren Dienst in der Schule sprechen. Ausgangspunkt ist das Altarbild Ecce homo der Frankfurter Künstlerin Michaela Karch in der Kapuzinerkirche St Laurentius in Bingen, das sie für ihre Priesterweihe ausgewählt haben. Das Bild zeigt Christus in einer modernen U Bahn Umgebung und verbindet die biblische Szene aus dem Johannesevangelium mit heutiger Alltagswelt. Diese Darstellung verstehen beide als Ausdruck dafür, dass Christus mitten unter den Menschen gegenwärtig ist, auch in der Anonymität und Schnelllebigkeit moderner Gesellschaft.
Christoph Nowak betont, dass das Bild für ihn die Übersetzung der christlichen Botschaft in die Sprache der Gegenwart symbolisiert. Der Gedanke, Gott begegne uns im Mitmenschen, wird mit einem Lied von Joan Osborne sowie mit zentralen Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils verbunden. Besonders Gaudium et spes und Lumen Gentium prägen ihr Selbstverständnis. Der Anfang von Gaudium et spes mit der Aussage, dass Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute auch die der Jünger Christi sind, wird zum Leitmotiv ihres priesterlichen Dienstes. Christsein bedeutet Solidarität mit den Menschen und Wahrnehmung ihrer Lebenswirklichkeit.
Berufung verstehen beide nicht als einmaliges übernatürliches Ereignis, sondern als Prozess. Sie ereignet sich in Ahnungen, Erfahrungen und im Dialog mit Begleitern. Berufung wächst im Rückblick auf das eigene Leben und in Gemeinschaft mit anderen. Sie setzt persönliche Auseinandersetzung mit Gott voraus und die Bereitschaft, sich von der Botschaft Jesu existentiell ansprechen zu lassen. Rudolf Göttle betont, dass Berufung mit persönlichen Stärken, Erfahrungen von Bedürftigkeit und der Suche nach Sinn verbunden ist. Wer anderen helfen will, existenzielle Fragen nach dem Woher, Wozu und Wohin des Lebens zu beantworten, muss selbst ein Suchender bleiben.
Der priesterliche Dienst in der Schule wird nicht primär sakramental verstanden, sondern personal und dialogisch. Priester in der Schule sollen Kirche sichtbar machen und erfahrbar werden lassen, dass Kirche nicht nur im Kirchenraum stattfindet. Viele Schülerinnen und Schüler haben keinen selbstverständlichen Zugang mehr zu kirchlicher Praxis. Umso wichtiger ist es, als authentische Person präsent zu sein und sich den Fragen der Jugendlichen zu stellen. Diese reichen von existenziellen Lebensfragen über Zölibat und Lebensform bis zu theologischen Problemen. Der Religionsunterricht bietet Raum, Vorurteile abzubauen, Glaubenszeugnis zu geben und theologische Themen lebensnah zu erschließen.
Beide Priester erleben die Arbeit in der Schule auch als Bereicherung für den eigenen Glauben. Die Fragen und Perspektiven der Jugendlichen eröffnen neue Zugänge zu theologischen Inhalten. Gleichzeitig wird betont, dass Religionsunterricht und Katechese zu unterscheiden sind. Während Katechese in den kirchlichen Raum gehört, hat der Religionsunterricht einen schulischen Bildungsauftrag.
Insgesamt zeichnet der Artikel das Bild eines Priesters, der als glaubwürdiger Zeuge mitten in der Welt steht, solidarisch mit den Menschen lebt und in der Schule einen wichtigen Ort kirchlicher Präsenz erkennt. Berufung wird als geistlicher Wachstumsprozess verstanden, der im Dialog mit Gott und den Menschen reift und im Dienst am Nächsten konkret wird.