Der Artikel setzt bei der Beobachtung an, dass Glück immer im Spannungsverhältnis zu Unglück steht. Ein vollkommenes, schattenloses Glück ist dem Menschen in dieser Welt nicht möglich. Jeder Mensch ist sterblich und damit bleibt jedes Glück vorläufig. Gerade dieses Ausgespanntsein zwischen der Sehnsucht nach wahrem Glück und der Erfahrung von Unglück eröffnet jedoch die Illusion, Glück herstellen und bestellen zu können. So entsteht ein Markt der Glücksproduktion, der Glück als Ware anbietet.
In modernen Gesellschaften wird nahezu alles, auch die Glückssuche, in Warenform gebracht. Glück erscheint als individuelles Projekt. Umfragen zur Lebenszufriedenheit suggerieren, dass Glück planbar und politisch produzierbar sei. Die Parole lautet, Glück sei machbar, erlernbar und beeinflussbar. Biochemie, Bewusstsein und seelische Energie sollen gezielt genutzt werden, um das eigene Glückspotential zu heben. Wer unglücklich ist, gilt in dieser Logik als selbst schuld. Selbst das Schulfach Glück, das in einigen Bundesländern eingeführt wurde, steht für die Vorstellung, Glück lasse sich trainieren. Ob Lebenskompetenztraining tatsächlich Glück erzeugt, bleibt für den Autor jedoch fraglich.
Wenn Glück Ware ist, muss es auch bestellbar sein. Entsprechend boomt der Markt von kosmischen Bestellservices und esoterischen Glücksratgebern. Das Bewusstsein soll das Sein formen. Glücksgedanken sollen materielles Glück produzieren. Besonders in den sozialen Medien wird Glück zur Kulisse. Dauerlächelnde Selbstinszenierungen erzeugen den Eindruck eines permanenten Urlaubsparadieses. Bilder von Scheitern, Trennung oder Mittelmaß fehlen. Doch Glück ist nur auf der Folie des Unglücks erfahrbar. Die Verleugnung von Grenzen und Vergänglichkeit gehört für den Autor zu den problematischen Seiten dieser Glückskultur.
An drei Beispielen aus der religiös weltanschaulichen Szene zeigt der Artikel, wie Glück als machbares Heilsprogramm angeboten wird. Bei Scientology erscheint Glück als Steigerung des Überlebenspotentials. Der Mensch soll programmierbar sein, sein Wille optimierbar. Ethik wird dabei zum Mittel für den Zweck des Überlebens. Das Glück wird an Leistung und Anpassung gekoppelt und verliert seinen moralischen Eigenwert.
Bei den Zeugen Jehovas steht das Überleben der Endzeitschlacht im Zentrum. Glück bedeutet, das böse System zu verlassen und als Mitglied der Organisation in einem zukünftigen irdischen Paradies zu leben. Moralische Lebensführung nach den Vorgaben der Wachtturm Gesellschaft ist Voraussetzung für dieses Glück. Auch hier wird Glück an ein ethisches Pensum gebunden und als Belohnungssystem konzipiert.
Die Transformationstherapie von Robert Betz vertritt wiederum die These, dass Glück als innere Kraft im Menschen schlummert und durch Bewusstseinsarbeit geweckt werden kann. Unglück und Krankheit gelten als selbst erschaffen. Wer leidet, ist selbst verantwortlich. Glück wird zum Geschäftsmodell. Seminare und Produkte versprechen Transformation vom Normalmenschen zum erwachten glücklichen Menschen. Auch hier erscheint Glück als Projekt der Selbstoptimierung.
Der Autor ordnet diese Programme in einen größeren Kontext ein. In postreligiösen Gesellschaften ist die traditionelle Religion geschwächt, doch die Glückssuche übernimmt religiöse Funktionen. Sie wird selbst zum Religiosum. Religiöse Begriffe werden säkular umgedeutet und für das Glücksmarketing genutzt. Die Frage bleibt jedoch, ob ein solches Warenglück in den realen Unglücksbedingungen menschlichen Lebens tragen kann.
Die Kritik des Autors richtet sich nicht gegen Sehnsucht und Hoffnung, sondern gegen die Instrumentalisierung der Welt für die eigene Selbstverwirklichung. Wer alles dem eigenen Glück unterordnet, verpasst die Anmutungsqualität der Wirklichkeit. Glück lässt sich nicht direkt intendieren. Es entsteht nicht als Produkt moralischer Optimierung oder psychischer Technik. Beispiele wie Sisyphos oder Hans im Glück zeigen, dass Glück und Unglück untrennbar verbunden sind.
Aus christlicher Perspektive besteht wahres Glück nicht in der Hebung eines inneren Potentials, sondern in der Zusage Gottes. Der Glaube kommt vom Hören, nicht von Selbststeigerung. Gott spricht dem Menschen Annahme zu, unabhängig von dessen Glücksleistung. Dadurch wird der Mensch von der Angst um sich selbst entlastet. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Im Unterschied zu Glücksprogrammen, die Vergänglichkeit verdrängen, nimmt der christliche Glaube die Realität von Unglück ernst und eröffnet dennoch Vertrauen.
Der Artikel schließt mit der Einsicht, dass es heilsam ist, keinen direkt planbaren Weg zum Glück zu haben. Der Mensch muss nicht Produzent seines eigenen Glücks sein. Er darf handeln und Verantwortung übernehmen, aber das Gelingen seines Lebens bleibt letztlich unverfügbar. In dieser Unverfügbarkeit liegt eine befreiende Dimension, die den christlichen Glauben von marktförmigen Glücksangeboten unterscheidet.