Ausgangspunkt des Heftes ist die Beobachtung, dass Maria im Religionsunterricht häufig mit Zurückhaltung behandelt wird: aus ökumenischen Gründen, aus Sorge um ein angemessenes Gottesbild oder wegen Vorbehalten gegenüber bestimmten Formen der Marienfrömmigkeit. Dem stellt das Heft die Einsicht entgegen, dass Maria zu allen Zeiten eine faszinierende Gestalt christlichen Glaubens war, weil sich an ihr zentrale Dimensionen christlicher Existenz verdichten. Maria wird nicht als Konkurrenz zu Christus verstanden, sondern als exemplarische Glaubende, an der sich das christliche Menschenbild konkretisieren lässt.
Diese Perspektive entfaltet Karl Kardinal Lehmann grundlegend in seinem Beitrag zum christlichen Menschenbild im Hinblick auf Maria. Maria erscheint hier als Urbild des glaubenden Menschen: ganz auf Gott bezogen, offen für sein Handeln und zugleich zutiefst menschlich. An ihr werden zentrale anthropologische Grunddimensionen sichtbar – Transzendenz und Gottesbezug, Geschöpflichkeit und Freiheit, leib-seelische Ganzheit, Solidarität und Sendung sowie das Verhältnis von Mann und Frau. Besonders hervorgehoben wird Marias „Fiat“ als aktive, verantwortete Zustimmung zum Willen Gottes und nicht als passives Sich-Fügen. Maria wird so zur konkreten Gestalt gelungener menschlicher Existenz vor Gott.
Die biblischen Grundlagen werden im Beitrag von Peter Wolf ausführlich entfaltet. Er zeigt, dass das Neue Testament Maria keineswegs einheitlich oder systematisch darstellt, sondern in unterschiedlichen Akzenten. Im Lukasevangelium erscheint Maria als „Begnadete“ und als Tochter Zion, in der sich die alttestamentlichen Verheißungen erfüllen. Ihr Lobgesang, das Magnifikat, wird als geistgewirkte prophetische Rede verstanden, die Gottes heilsgeschichtliches Handeln deutet. Matthäus stellt Maria in den Kontext der messianischen Verheißung Israels, Johannes zeigt sie bei der Hochzeit zu Kana und unter dem Kreuz als Mutter und zugleich als Repräsentantin der werdenden Kirche. Auch Markus, oft als marienkritisch gelesen, relativiert nicht Maria, sondern weitet den Jüngerkreis auf alle aus, die Gottes Willen hören und tun. In der Apostelgeschichte schließlich gehört Maria selbstverständlich zur betenden Urgemeinde und steht mit den Jüngern unter dem Wirken des Heiligen Geistes.
Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Auslegung des Magnifikat durch Claudia Sticher. Der Lobgesang Mariens wird als kunstvolle Zusammenstellung alttestamentlicher Psalmen- und Prophetentexte interpretiert. Er ist keine private Dankesrede, sondern eine prophetische Deutung des göttlichen Geschichtshandelns: Gott stellt die bestehenden Machtverhältnisse auf den Kopf, erhebt die Niedrigen, sättigt die Hungrigen und weist die Reichen ab. Maria erscheint hier als Stimme der Armen und als Repräsentantin des „heiligen Restes Israels“. Das Magnifikat wird damit zu einem hochpolitischen und zugleich spirituellen Text, der auch für heutige Gerechtigkeitsfragen anschlussfähig ist.
Weitere Beiträge erschließen Maria über Musik, Literatur und Kunst. Marienlieder, literarische Texte und Gedichte zeigen, wie vielfältig die Gestalt Mariens kulturell gedeutet wurde. Bildanalysen – etwa zu Darstellungen im Bistum Mainz – eröffnen ästhetische Zugänge, die besonders für den Unterricht fruchtbar sind. Franz Weinert stellt die Marienfeste und Gebete im Kirchenjahr vor und macht deutlich, wie sehr Maria die liturgische Praxis geprägt hat. Einen wichtigen interreligiösen Akzent setzt der Beitrag zu Maria im Islam, der zeigt, dass Maria auch dort als herausragende Glaubensfrau verehrt wird und sich hier Chancen für den Dialog eröffnen.
Der Praxisteil des Heftes bietet konkrete didaktische Anregungen, unter anderem eine Unterrichtsreihe für die Grundschule mit Stationenarbeit. Diese Materialien zeigen, wie Maria altersgerecht, kreativ und schülernah thematisiert werden kann, ohne sie zu idealisieren oder zu moralisieren.
Insgesamt bietet das Heft eine theologisch fundierte, vielschichtige und unterrichtsnahe Auseinandersetzung mit Maria. Für Religionslehrkräfte ist es eine wertvolle Hilfe, Maria nicht nur als Randfigur der Heilsgeschichte, sondern als Schlüsselgestalt christlichen Glaubens, christlicher Anthropologie und gelebter Spiritualität im Religionsunterricht zu erschließen.