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Eulenfisch

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Geben, um zu haben

Veröffentlichung:1.1.2010

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Geben, um zu haben“ enthalten und umfasst 2 Seiten. Er deutet die Sozialenzyklika Caritas in veritate von Papst Benedikt XVI. als Gegenentwurf zu einem von Gier geprägten Kapitalismus. Der Artikel zeigt, dass die Kirche weder den Markt pauschal verurteilt noch unkritisch verherrlicht, sondern nach einer Wirtschaftsordnung fragt, die am Menschen, an Gerechtigkeit, am Gemeinwohl und an der Liebe orientiert ist. Theologisch behandelt der Beitrag vor allem die Probleme des Verhältnisses von Liebe und Gerechtigkeit, von Markt und Moral, von individueller Gier und Strukturen der Sünde, von Gemeinwohl und Eigeninteresse sowie von christlicher Soziallehre und globaler wirtschaftlicher Entwicklung.

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Der Artikel stellt die Sozialenzyklika Caritas in veritate in den Zusammenhang der weltweiten Finanz und Wirtschaftskrise und fragt danach, wie Papst Benedikt XVI. diese Krise im Licht der christlichen Soziallehre deutet. Die Autorin betont zunächst, dass der Papst keine einfache Gleichsetzung von Marktwirtschaft und Gier vornimmt. Ebenso wenig verurteilt er den Markt pauschal oder spricht einzelnen Akteuren wie Banken, Versicherungen oder Fonds grundsätzlich jede moralische Legitimität ab. Zugleich übernimmt er aber auch nicht die Sichtweise eines ungezügelten Marktglaubens. Damit entwickelt die Enzyklika eine differenzierte Position, die sich ernsthaft in den gesellschaftlichen Diskurs einbringt.

Um diese Position zu erklären, greift der Artikel zunächst auf die Enzyklika Sollicitudo rei socialis von Johannes Paul II. zurück. Dort werden die Gier nach Profit und das Verlangen nach Macht als Haltungen beschrieben, die dem Willen Gottes und dem Wohl des Nächsten widersprechen. Zugleich entstehen aus solchen Haltungen Strukturen der Sünde. Gier wird deshalb als maßlos gesteigertes Bemühen verstanden, Wünsche und Bedürfnisse um jeden Preis zu befriedigen. Ein solches Verhalten missachtet die Würde des Menschen. Dagegen setzt die christliche Soziallehre eine Wirtschaftsordnung, die auf den Menschen und sein Wohlergehen ausgerichtet ist.

Im Blick auf den Markt würdigt Benedikt XVI. zunächst dessen positive Funktion. Der Markt ist ein Ort, an dem Menschen Güter und Dienstleistungen austauschen, um ihre Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen. Bedürfnisse und Wünsche gelten dabei nicht automatisch als Ausdruck von Gier. Problematisch wird der Markt erst dann, wenn er von den moralischen Voraussetzungen getrennt wird, die er selbst nicht hervorbringen kann. Der Artikel hebt hervor, dass Vertrauen, Solidarität und Gerechtigkeit unverzichtbare Bedingungen für ein menschliches Wirtschaften sind. Der Markt ist also nicht alles, sondern auf ein Jenseits des Marktes angewiesen, das ihn ethisch begrenzt und trägt.

Ein weiterer zentraler Gedanke ist die Ausrichtung des Wirtschaftens auf das Gemeinwohl. Wirtschaftliches Handeln darf nicht nur auf den eigenen Vorteil zielen, sondern muss auch die Armen, die Schwachen und die gesellschaftlichen Folgen berücksichtigen. Deshalb betont die Enzyklika, dass der Markt moralisch gestaltet werden muss. Hier kommt neben Markt und Staat auch die Zivilgesellschaft als dritter wichtiger Akteur ins Spiel. Gerade sie bringt nach Benedikt XVI. die Logik des Geschenks und der Unentgeltlichkeit ein. Diese Haltung kann nicht erzwungen werden, ist aber für Solidarität, Gerechtigkeit und verantwortliches Handeln in einer globalisierten Welt unverzichtbar.

Ausführlich geht der Artikel auch auf die Rolle der Unternehmen ein. Unternehmer tragen nicht nur Verantwortung für Gewinn und Erfolg, sondern auch für Arbeitnehmende, Kundschaft, Zulieferer und das soziale Umfeld. Damit nähert sich die Enzyklika dem Gedanken an, dass Unternehmen mehreren Anspruchsgruppen verpflichtet sind und nicht nur den Interessen von Kapitalgebern. Auch darin zeigt sich ein Gegenmodell zu einem rein von Eigeninteresse und Bereicherung bestimmten Wirtschaften.

Die Autorin ordnet die Enzyklika außerdem in die Tradition der kirchlichen Entwicklungslehre ein. Wirtschaften wird nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Teil einer umfassenden Entwicklung des Menschen und aller Völker. Diese Entwicklung soll ganzheitlich sein. Sie umfasst materielle, soziale, moralische und geistliche Dimensionen. Der Mensch darf nicht zu einem Mittel wirtschaftlicher Prozesse herabgewürdigt werden. Vielmehr muss jede Form von Entwicklung der Würde des Menschen dienen und offen bleiben für Wahrheit, Verantwortung, Gemeinschaft und Transzendenz.

Besonders wichtig ist der Gedanke, dass die Soziallehre der Kirche von der Liebe her verstanden wird. Benedikt XVI. beschreibt sie als Wahrheit der Liebe Christi in der Gesellschaft. Liebe steht dabei nicht im Gegensatz zur Gerechtigkeit, sondern setzt sie voraus und übersteigt sie zugleich. Gerechtigkeit bedeutet, jedem das Seine zu geben. Liebe geht darüber hinaus und schenkt dem anderen von dem, was mein ist. Das Gemeinwohl erscheint deshalb als gemeinsame Aufgabe von Gerechtigkeit und Liebe. Nächstenliebe hat nach dieser Sicht auch eine politische und institutionelle Dimension, weil sie am Aufbau einer gerechten Gesellschaft mitwirkt.

Von diesem Ansatz her behandelt die Enzyklika zahlreiche aktuelle Themen wie Armut, Migration, Finanzmärkte, Steuern, wissenschaftlichen Fortschritt, technische Machbarkeit, Familie und Lebensschutz. Der Artikel macht deutlich, dass all diese Fragen zusammengehören, weil sie die umfassende Entwicklung des Menschen betreffen. Gegen die Gier genügt deshalb weder moralische Mahnung allein noch bloße Strukturreform. Nötig sind sowohl eine kulturelle Erneuerung und die Rückbesinnung auf Grundwerte als auch gerechte Institutionen und tragfähige Ordnungen.

Insgesamt zeigt der Artikel, dass Benedikt XVI. mit Caritas in veritate ein ethisches und theologisches Gegenmodell zu einem von Gier geprägten Kapitalismus entwirft. Dieses Gegenmodell beruht auf der Orientierung am Menschen, auf Gerechtigkeit, Gemeinwohl, Solidarität und Liebe. So formuliert die Enzyklika keine einfachen Einzellösungen, wohl aber eine grundlegende Haltung, an der sich wirtschaftliches und gesellschaftliches Handeln messen lassen muss.

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