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Eulenfisch

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Sprachheimat – Psalmengebet

Veröffentlichung:1.1.2012

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Sprachheimat – Psalmengebet“ enthalten. Der Beitrag umfasst 4 Seiten, Seiten 32 bis 35. Der Artikel zeigt, dass Psalmen mehr sind als alte Gebetstexte. Sie eröffnen eine Sprachheimat, in der Menschen ihre Klage, ihre Hoffnung und ihren Widerstand vor Gott ausdrücken können. Theologisch behandelt der Fachartikel vor allem die Fragen nach dem Gebet als Gottesrede und Menschenrede, nach der Bedeutung von Sprache für Glauben und Identität, nach Klage und Gewalt in den Psalmen sowie nach der Verbindung von Körper, Schrift und Gebet.

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Der Artikel beschreibt die Psalmen als einen besonderen Sprachschatz der biblischen Tradition. Sie vermitteln dem Betenden eine Sprachkompetenz, die über alltägliche, angepasste und zweckorientierte Rede hinausgeht. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Schreiben und Beten den ganzen Menschen beanspruchen. Anknüpfend an Umberto Ecos Schilderung mittelalterlicher Schreibarbeit macht der Beitrag deutlich, dass das Schreiben von Gebetstexten eine Tätigkeit des ganzen Körpers ist. In den Psalmen betet der Mensch deshalb nie nur mit dem Verstand, sondern immer als Einheit von Körper und Geist. Zugleich spricht der einzelne Mensch im Bewusstsein, mit dem ganzen Volk Israel und mit den Generationen vor und nach ihm verbunden zu sein.

Im Mittelpunkt stehen die Psalmen 137 und 139. Beide werden als Beispiele dafür gelesen, dass in den Psalmen körperliche Erfahrung, seelische Verfassung und religiöse Sprache eng miteinander verbunden sind. Psalm 137 beschreibt die Situation des Volkes Israel im Exil. Exil bedeutet dabei nicht nur das Leben in einem fremden Land, sondern vor allem den Verlust von Sprachheimat. Gemeint ist eine Entfremdung vom Wort Gottes und ein Hineingeraten in eine fremde Sprache, die von Macht, Unterdrückung und Zweckdenken geprägt ist. Die Sehnsucht nach Jerusalem ist deshalb mehr als politische Heimatsehnsucht. Sie ist der Schmerz über die erzwungene Ferne zum Wort Gottes und zur befreienden Gottesbeziehung.

Die Aufforderung der babylonischen Herrscher, die Zionslieder zu singen, vertieft diese Erniedrigung. Die Verschleppten geraten in einen inneren Konflikt. Einerseits erinnern die Lieder an die verlorene Nähe zu Gott, andererseits droht ihre Heiligkeit entwürdigt zu werden, wenn sie nur zur Unterhaltung der Unterdrücker dienen. Die heftigen Selbstverwünschungen und Strafwünsche des Psalms werden im Artikel nicht wörtlich, sondern als Sprachbilder gedeutet. Wenn von verdorrender Hand, klebender Zunge oder zerschmetterten Kindern die Rede ist, beschreibt das die Gefahr, sprach und handlungsunfähig zu werden oder die Weitergabe einer gottfernen Herrschaftssprache zu stoppen. Der Psalm wird so als Widerstandsrede verstanden. Wer betet, widersetzt sich der Sprache der Macht und gewinnt neue Sprach und Handlungsfähigkeit.

Psalm 139 wird als Gebet eines einzelnen Menschen ausgelegt, der sich in einer Bedrohungssituation an Gott wendet. Der Beter sucht Schutz vor Menschen, die sich selbst für die Maßstäbe des Rechts halten, tatsächlich aber Gewalt und Unrecht fördern. Der Psalm verbindet Dank und Klage. Zunächst bekennt der Beter, dass Gott ihn ganz und gar kennt. Gott kennt alle Gedanken, Wege und Zeiten seines Lebens. Diese Allwissenheit wird nicht als Überwachung verstanden, sondern als Ausdruck fürsorglicher Nähe. Gott sieht den Menschen an, ohne wegzusehen, und kennt ihn von Anfang an, schon vor seiner Geburt.

Gerade dieses Wissen um Gottes schöpferische und zugewandte Kenntnis des Menschen gibt dem Beter Kraft zum Widerstand. Wer weiß, dass er aus Gottes Hand stammt, kann sich gegen Menschenverachtung und Gewalt stellen. Deshalb stehen die scharfen Feindworte des Psalms im Zusammenhang mit der Erfahrung von Ohnmacht. Auch hier deutet der Artikel die drastische Sprache als Ausdruck eines Ringens um Gerechtigkeit. Zugleich ist entscheidend, dass der Beter sich nicht selbst absolut setzt. Er stellt sich am Ende selbst unter Gottes Prüfung und bittet Gott, Herz und Denken zu erforschen. So verbindet der Psalm Protest gegen Unrecht mit der Bereitschaft zur eigenen Selbstprüfung.

Im weiteren Verlauf macht der Artikel deutlich, dass Psalmen auch nach den Katastrophen der Geschichte Gebete des Widerstands bleiben. Unter Bezug auf Johann Baptist Metz und Paul Celan wird gezeigt, dass Psalmen gerade dort Bedeutung behalten, wo Menschen sprachlos zu werden drohen. Wer Gott anredet, entzieht sich der Sprache der Täter und widersetzt sich dem Vergessen. Psalmengebet ist daher eine Form geistiger und sprachlicher Gegenwehr gegen Entmenschlichung und Weltangleichung.

Der zweite große Teil des Artikels entwickelt praktische Zugänge für den Unterricht und die persönliche Erschließung von Psalmen. Im Zentrum steht die schriftgraphische Gestaltung. Das Abschreiben von Psalmtexten wird nicht als bloße Kopie verstanden, sondern als Beginn eines persönlichen Dialogs mit dem Text. Schreiben, Sprechen, Hören und Bewegen werden miteinander verbunden. Die eigene Handschrift wird als Ausdruck der eigenen Biographie und Persönlichkeit verstanden.

Dazu werden mehrere Wege vorgeschlagen. Psalmverse sollen laut gelesen, in ihrer Klanggestalt variiert und gehend oder schreitend erfahren werden. Anfangsbuchstaben können als Initialen gestaltet werden, um den Gebetsbeginn hervorzuheben. Bewegungsformen, Stimmverläufe und emotionale Dynamiken des Psalms können graphisch in Linien, Bögen oder Spiralen umgesetzt werden. Auch Bildzeichen und Piktogramme können mit Schrift verbunden werden, um die Bildkraft der Psalmen zu verdeutlichen. Ferner sollen biographische Erfahrungen der Lernenden mit Psalmworten in Beziehung gesetzt werden. Die gemeinschaftliche Dimension des Betens kann sichtbar werden, indem persönliche Zeichen und generationenübergreifende Erfahrungen in die Gestaltung aufgenommen werden. Schließlich können aktuelle politische Schlagzeilen mit Psalmversen verwoben oder Psalmworte in einer an Graffiti erinnernden Form öffentlich sichtbar gemacht werden.

Insgesamt zeigt der Artikel, dass Psalmen Sprachräume eröffnen, in denen Menschen ihre Erfahrungen von Angst, Hoffnung, Ohnmacht, Vertrauen und Widerstand vor Gott zur Sprache bringen können. Für den Unterricht sind sie deshalb besonders wertvoll, weil sie Sprache, Körper, Glauben, Geschichte und persönliche Erfahrung miteinander verbinden.

Rheinland-Pfalz

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