Der Artikel beschäftigt sich mit der Bedeutung von Vorbildern für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen und für den Religionsunterricht. Lange Zeit galt die Vorbildthematik in Pädagogik und Gesellschaft als überholt. In einer Zeit, in der Individualisierung, Selbstverwirklichung und Emanzipation betont wurden, erschien die Orientierung an Vorbildern problematisch. Zudem war das Konzept historisch belastet, da die Verehrung von Führern und Helden im Nationalsozialismus missbraucht wurde. Inzwischen zeigt sich jedoch ein Wandel. Der moderne Mythos des völlig selbstbestimmten Menschen hat sich relativiert, weil Menschen in einer komplexen und unsicheren Welt Orientierungspunkte außerhalb der eigenen Person benötigen. Daher gewinnt die Beschäftigung mit Vorbildern wieder an Bedeutung.
Für Kinder spielen vor allem Personen aus dem nahen sozialen Umfeld eine zentrale Rolle. Eltern, Geschwister, Großeltern oder andere vertraute Personen sind wichtige Orientierungspunkte, weil Kinder ihr Verhalten beobachten und nachahmen können. Auch wenn sich Familienformen durch gesellschaftliche Pluralisierung verändert haben, bleibt der familiäre Beziehungsraum entscheidend für die Entwicklung von Kindern. Unterschiedliche Familienmodelle können sogar dazu beitragen, dass Kinder lernen, mit Vielfalt und unterschiedlichen Lebensentwürfen umzugehen.
Im Religionsunterricht stellt sich die Frage, welche Personen als Vorbilder geeignet sind. Klassische Heilige werden oft als moralisch perfekte Figuren dargestellt, wodurch sie für Lernende schwer erreichbar wirken. Häufig begegnen Lernende zudem immer denselben bekannten Heiligen, was das Interesse an einer weiteren Beschäftigung verringert. Dennoch können Heilige wichtige Lernanlässe bieten, wenn ihre Lebensgeschichten differenziert dargestellt werden. Gerade ihre Ambivalenzen, Zweifel und persönlichen Entscheidungen machen sie zu spannenden Persönlichkeiten, an denen Lernende über Fragen von Glauben, Moral und Lebensgestaltung nachdenken können.
Neben religiösen Vorbildern spielen auch Figuren aus der Medienwelt eine Rolle. Superhelden, Sportler oder Popstars können besonders für Kinder und Jugendliche wichtige Identifikationsfiguren sein. Sie verkörpern Wünsche nach Stärke, Mut oder Erfolg und helfen dabei, moralische Vorstellungen zu entwickeln. Solche Figuren werden meist nur für bestimmte Lebensbereiche als Vorbild gewählt und verlieren mit zunehmendem Alter wieder an Bedeutung. Dennoch können sie im Prozess der Identitätsentwicklung wichtige Orientierungsfunktionen erfüllen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist das Konzept der sogenannten Local heroes. Dabei handelt es sich um Menschen aus dem Alltag, die in bestimmten Situationen besonders verantwortungsvoll oder mutig gehandelt haben. In einer Internetdatenbank werden solche Personen vorgestellt. Ihre Lebensgeschichten zeigen, dass moralisches Handeln nicht nur bei berühmten Persönlichkeiten vorkommt, sondern auch im Alltag möglich ist. Für Lernende können solche Biografien eine Spiegelung eigener Wertvorstellungen ermöglichen.
Diese Alltagshelden werden meist nicht in vollständigen Lebensgeschichten dargestellt, sondern in kurzen biografischen Ausschnitten. Gerade diese punktuellen Einblicke zeigen, dass gewöhnliche Menschen in bestimmten Situationen außergewöhnlich handeln können. Auch das Scheitern oder der Umgang mit Schuld kann Teil solcher Biografien sein. Dadurch wird deutlich, dass Vorbilder nicht perfekt sein müssen. Vielmehr können auch gebrochene Lebenswege wichtige Lernchancen bieten.
Das Projekt verfolgt zwei zentrale Ziele. Zum einen soll die Auseinandersetzung mit fremden Biografien Lernende dabei unterstützen, eigene Vorstellungen von einem guten und verantwortlichen Leben zu entwickeln. Zum anderen sollen Lernende angeregt werden, selbst nach Vorbildern in ihrem eigenen Umfeld zu suchen und sich mit Menschen zu beschäftigen, die in ihrem Alltag Verantwortung übernehmen. Dadurch wird deutlich, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, durch sein Handeln die Welt ein wenig besser zu machen.