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Eulenfisch

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Das Nano-Ego des postmodernen Helden

Veröffentlichung:1.1.2015

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Das Nano Ego des postmodernen Helden“ enthalten. Der Text umfasst 2 Seiten. Michael Hochschild beschreibt, wie sich das Verständnis von Heldentum in der Gegenwart verändert hat. Am Beispiel der Wahrnehmung Angela Merkels in Frankreich zeigt er, dass heutige Helden nicht mehr als machtvolle Übermenschen erscheinen, sondern als Personen, die sich in den Dienst anderer stellen. Theologisch behandelt der Artikel vor allem die Frage nach Heiligkeit und Vorbildfunktion, nach Selbstüberwindung, nach Nächstenliebe als Form des Dienens sowie nach dem Verhältnis von kirchlichem Heiligenideal und modernem gesellschaftlichem Heldentum.

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Der Artikel deutet das Jahr 2014 als geschichtlichen Einschnitt. Der Autor behauptet, dass sich in diesem Jahr das Verständnis von politischer Führung und Heldentum spürbar verändert habe. Besonders deutlich werde dies in Frankreich. Dort habe eine Umfrage gezeigt, dass viele Französinnen und Franzosen Angela Merkel als eine Art Heldin wahrnehmen. Diese Einschätzung sei bemerkenswert, weil sie nicht auf Begeisterung für das deutsche Modell insgesamt zurückgehe, sondern auf die Wahrnehmung ihrer Person. Für den Autor ist das ein Zeichen für einen Wandel im politischen und kulturellen Denken.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Beobachtung, dass die politischen Eliten Frankreichs für viele Menschen nicht mehr heldenhaft wirken. Sie erscheinen als Produkte eines Systems, das eher uniforme Karrieren als starke Persönlichkeiten hervorbringt. François Hollande dient dabei als Beispiel. Er wird als intelligent und taktisch geschickt beschrieben, zugleich aber als wenig charismatisch und nicht entschlussfreudig genug. Demgegenüber wird Merkel in Frankreich als eine Figur gesehen, die Stabilität und Krisenfestigkeit verkörpert. Der Autor interessiert sich jedoch weniger für die konkrete Politik als für die Frage, was diese Wahrnehmung über das heutige Verständnis von Heldentum aussagt.

Im nächsten Schritt entwickelt der Artikel eine allgemeine Theorie des Helden. Ein Held ist für den Autor nie einfach von sich aus ein Held, sondern wird von anderen dazu gemacht. Heldentum ist also eine soziale Zuschreibung. Es setzt voraus, dass ein einzelner Mensch sich vor anderen bewährt und öffentlich anerkannt wird. Damit verbindet der Autor Individualisierung und gesellschaftliche Wahrnehmung. Moderne Gesellschaften bieten zwar viele einzelne Persönlichkeiten, erschweren aber zugleich die gemeinsame Anerkennung von Vorbildern, weil sie stark von Selbstverwirklichung und Unterschiedlichkeit geprägt sind.

Zur historischen Vertiefung greift der Artikel auf Homer zurück. Dort erscheint der Held als herausgehobene Person, die sich im Kampf bewährt und für ein Volk oder eine ethische Verpflichtung einsteht. Entscheidend ist, dass der Held nicht zuerst auf sich selbst schaut, sondern auf etwas Größeres. In diesem klassischen Verständnis liegt für den Autor ein wichtiger Maßstab, um auch heutiges Heldentum zu beurteilen. Es geht nicht um bloße Selbstdarstellung, sondern um Dienst, Verantwortung und Selbstüberwindung.

Anschließend beschreibt der Text, wie sich das Heldentum in der Moderne verändert hat. In den Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts sei der einzelne Held zunehmend von Technik, Wirtschaftskraft und Materialschlachten verdrängt worden. Der einzelne Mensch zähle dort weniger als Person, sondern eher als Teil einer anonymen Masse. Dadurch sei das traditionelle Bild des Helden zerbrochen. Vor diesem Hintergrund deutet der Autor den starken Anstieg von Selig und Heiligsprechungen in der Kirche im 20. Jahrhundert als eine mögliche Reaktion auf den Verlust weltlicher Helden. Die Kirche halte an Vorbildern fest, die das Leben bejahen und Orientierung geben.

Von hier aus verbindet der Artikel kirchliches und gesellschaftliches Heldentum. Heilige sind für den Autor ein Beispiel dafür, dass wahre Größe nicht in Selbstvergrößerung, sondern in Selbstüberwindung besteht. In kirchlichen Verfahren muss sichtbar werden, dass ein Mensch Glaube, Liebe und Hoffnung in herausragender Weise gelebt hat. Der Heilige bleibt dabei Diener. Genau an diesem Punkt führt der Autor den Begriff des Nano Ego ein. Gemeint ist eine Form von Persönlichkeit, die nicht durch Macht oder Selbsterhöhung wirkt, sondern durch dienende Verantwortung. Das Nano Ego ist also nicht schwach, sondern in besonderer Weise fähig, sich selbst zurückzunehmen und auf andere auszurichten.

Der Autor überträgt diese Deutung auf die Gegenwart. In einer Gesellschaft, die stark von Individualisierung geprägt ist, wirkt es besonders beeindruckend, wenn jemand nicht nur die eigenen Interessen verfolgt, sondern sich für andere einsetzt. Zivilcourage und dienendes Handeln erscheinen deshalb als neue Formen des Heldischen. Ein moderner Held ist nicht der große Herrscher über andere, sondern ein Mensch unter Menschen, der sich durch Nächstenliebe, Verantwortungsbewusstsein und Selbstbegrenzung auszeichnet. Darin sieht der Autor auch eine Verbindung zwischen demokratischer Gesellschaft und christlicher Ethik.

Am Ende kehrt der Text zur französischen Wahrnehmung Angela Merkels zurück. Ihre Anerkennung als Heldin wird als Ausdruck eines kulturellen Wandels gedeutet. Frankreich verabschiede sich damit zumindest teilweise vom Ideal des machtvollen politischen Führers und bevorzuge eine zurückhaltendere Form von Führung. Zugleich fragt der Autor, ob sich ein vergleichbarer Wandel auch in Deutschland zeigt. Er erwähnt in diesem Zusammenhang die Bewegung Pegida als mögliches Zeichen dafür, dass politische Passivität in Deutschland aufgebrochen werden könnte. Abschließend relativiert er jedoch die ganze Diagnose, indem er auf die Pariser Anschläge verweist, die bereits wieder eine neue geschichtliche Zäsur markierten. So endet der Artikel mit der offenen Frage, ob wir heute vielleicht längst in einer Zeit leben, in der die alten historischen Kategorien und auch die alten Heldenbilder nicht mehr ausreichen.

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