Welchen Einfluss hat die religiöse Bindung auf die moralische Urteilsfähigkeit junger Menschen? Diese Frage wird in dem Beitrag vor dem Hintergrund einer zentralen Diskrepanz aufgeworfen: Während in aktuellen gesellschaftlichen Debatten religiöse Aspekte häufig instrumentalisiert werden, um Wertedefizite bestimmter Gruppen zu konstruieren – etwa wenn von einer christlich-abendländischen Wertetradition gesprochen wird, die anderen Religionen unterstellt wird zu fehlen – sprechen sowohl Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung als auch der Weltreligionendiskurs von universalen, religionsübergreifenden Gerechtigkeitsprinzipien. Der Autor geht davon aus, dass die moralische Urteilsfähigkeit eine zentrale Rolle bei der Auseinandersetzung mit migrationsbezogenen Fragen spielt und dass für interkulturelle Begegnungen ein moralisches Denken notwendig ist, das deutlich über egozentrische Perspektiven hinausgeht.
Empirisch wird diese Forschungsfrage mit einer Gruppe von 444 Schülerinnen und Schülern an beruflichen Schulen untersucht – einem Lernort, der von großer kultureller und religiöser Vielfalt geprägt ist. Der theoretische Rahmen stützt sich auf Kohlbergs etabliertes Stufenmodell der moralischen Entwicklung, das von einer kognitiven „Dezentrierung" ausgeht: Die Fähigkeit zur moralischen Urteilsfindung entwickelt sich demnach vom egozentrischen Denken über soziozentrische Orientierungen hin zu postkonventionellem, an universalen ethischen Prinzipien ausgerichteten Urteilen. Dabei werden auch weitere Einflussfaktoren wie emotionale Zuwendung, Konfrontation mit sozialen Konflikten und Partizipationschancen berücksichtigt. Die Untersuchung verspricht Aufschluss darüber, ob Annahmen einer kultur- und religionsübergreifenden Gerechtigkeitsmoral bei Jugendlichen tatsächlich bestätigt werden können – mit unmittelbaren Konsequenzen für die religionspädagogische Praxis und eine migrationssensible Bildungsarbeit.