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Mehr also erwarten Sie nicht nach dem Tode?

Veröffentlichung:1.1.2012

Der Fachartikel ist im Heft ru-heute (RELIGIONSUNTERRICHTheute) 01/2012 enthalten und heißt „‚Mehr also erwarten Sie nicht nach dem Tode?‘ – Gedichte im Religionsunterricht zum Leben nach dem Tod (von Marie Luise Kaschnitz und Johannes Kühn)“. Er umfasst 4 Seiten (S. 21–24). Inhaltlich zeigt der Autor Jürgen Kost, warum Lyrik im Religionsunterricht oft gemieden wird, und begründet zugleich, wie Gedichte als sinnliches, offenes Gesprächsangebot dienen können, um mit Schüler*innen über Auferstehung, ewiges Leben und moderne Jenseitsbilder ins Gespräch zu kommen.

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Jürgen Kost argumentiert, dass Gedichte im Religionsunterricht eine große Chance bieten, gerade über schwierige Themen wie „ewiges Leben“ oder „Auferstehung“ ins Gespräch zu kommen, obwohl viele Religionslehrkräfte gegenüber Lyrik eher zurückhaltend sind. Diese Scheu erklärt er mit zwei Hauptgründen. Zum einen wirke ein überholtes Verständnis von Gedichtinterpretation nach: Lyrik werde oft als Rätsel gesehen, in dem der Autor eine eindeutige „Botschaft“ absichtlich verschlüsselt habe, die Lernende dann entschlüsseln müssten – ein Ansatz, der Frustration erzeugt und zu der typischen Frage führt, warum der Autor nicht einfach „klar“ sage, was er meint. Kost stellt dem ein modernes literaturdidaktisches Verständnis entgegen: Ein Gedicht sei zuerst ein sinnliches Erlebnis, ähnlich wie Musik; Reim, Rhythmus oder freie Formen erzeugen Stimmungen, und Bilder sind häufig nicht eindeutig rational auflösbar, lösen aber Assoziationen und Empfindungen aus. Sinn entsteht deshalb nicht als „richtige“ Rekonstruktion einer Autorenabsicht, sondern als subjektive Bedeutung, die Leser*innen im Kontakt mit dem Text finden. Für den Religionsunterricht wird damit die Leitfrage nicht „Was will der Autor sagen?“, sondern „Was löst das Gedicht in mir aus?“ – und diese Offenheit entlastet auch Lehrkräfte, weil sie nicht alles „fertig“ erklären müssen.

Zum zweiten Grund gehört das Thema selbst: Ein Leben nach dem Tod ist für moderne Menschen schwer vorstellbar. Traditionelle Bilder (Himmel als geordnete Heiligenhierarchie, Auferstehung als körperliches Aufstehen aus Gräbern) wirken fremd; zugleich erscheinen Alternativen problematisch: Eine „Auferstehung des Fleisches“ wirkt naturwissenschaftlich unplausibel, eine reine Geist-Existenz defizitär, und eine endlose Fortsetzung des irdischen Lebens überzeugt ebenfalls nicht. Literatur steht damit vor der paradoxen Aufgabe, sinnlich erfahrbar zu machen, was sich der Vorstellung entzieht. Gerade hier sieht Kost die Stärke moderner Lyrik: Sie kann eine Bildsprache anbieten, die nicht dogmatisch festlegt, sondern suchend, tastend und offen bleibt – und genau dadurch Gesprächsräume eröffnet.

Als zentrales Beispiel analysiert Kost Marie Luise Kaschnitz’ Gedicht „Ein Leben nach dem Tode“ (1972). Es beginnt mit einem klaren Bekenntnis („ja“), kombiniert dieses aber sofort mit der Unfähigkeit, das Jenseits konkret zu beschreiben: Das lyrische Ich weiß nicht, wie es „dort“ aussehen soll und wie es selbst aussehen würde. Damit trifft Kaschnitz nach Kost ein modernes Bewusstsein, das sich gegen feste Jenseits-„Bilder“ sperrt. Deutlich grenzt sich das Gedicht von traditionellen Himmelsvorstellungen ab: Keine Heiligenhierarchie auf goldenen Stühlen, kein Sturz verdammter Seelen, kein starrer Goldmantel. An die Stelle solcher Bilder tritt ein reduziertes, aber intensives Zentrum: „Nur Liebe“ – frei, nicht aufgezehrt, überflutend. Zugleich löst sich die Sprache im weiteren Verlauf in „Wortfetzen“ und Assoziationsketten; gerade das macht das Gedicht für den Unterricht fruchtbar, weil es weniger eindeutige Deutungen erzwingt, sondern unterschiedliche Zugänge ermöglicht. Kost weist außerdem darauf hin, dass in der zweiten Hälfte ein „Du“ immer wichtiger wird, dessen Identität offen bleibt; die Hand-in-Hand-Szene und die intime Vorlesesituation schlagen die Brücke zu Erfahrungen von Nähe, Geborgenheit und Beziehung als möglichen Vorausbildern dessen, was „nach dem Tode“ erhofft wird. Besonders anregend ist für Kost ein erfundenes Wort wie „Schmerzweb“ und die Bildfolge von Tränen und „Berg-und-Tal-Fahrt“: Sie kann die Frage provozieren, ob ein „vollständiges“ Leben nach dem Tod vielleicht nicht nur aus Harmonie besteht, sondern das ganze Leben – auch Schmerz und Brüche – in verwandelter Weise umfasst. Den pointierten Schluss („Mehr also erwarten Sie nicht…?“ – „Weniger nicht.“) deutet Kost als Kern: Das Jenseits ist nicht der spektakuläre Gegenentwurf zum Diesseits, sondern Bewahrung und Vollendung dessen, was das Leben hier schon wertvoll macht.

Von dort aus verbindet Kost Kaschnitz’ Gedicht mit „Auferstehung“ (1958). Auf den ersten Blick könne man es als immanente Auferstehungsmetapher lesen („Auferstehung heute und jetzt“): Mitten am Tag, in der normalen Welt, ohne exotische Paradiesbilder – Auferstehung als veränderter Blick, als neues Leben im Alltag. Entscheidend wird für Kost jedoch die letzte Strophe: Die Alltagserfahrung wird als Vorwegnahme einer transzendenten Ordnung gedeutet („geheimnisvolle Ordnung“, „Haus aus Licht“). So wird auch hier eine Brücke geschlagen: Das Ewige ist nicht das völlig Fremde, sondern die Vollendung dessen, was schon hier als Spur von Ordnung, Licht und Heil erfahrbar wird. Didaktisch folgert Kost, dass „Auferstehung“ im Unterricht besonders gut zusammen mit „Ein Leben nach dem Tode“ funktioniert, weil sich dann die Denkbewegung und Bildwelt Kaschnitz’ leichter erschließt.

Als Kontrast stellt Kost Johannes Kühns Gedicht „Wie soll es sein?“ (1995) vor, das das „Land der Auferstandenen“ auffallend konkret malt. Zwar nutzt auch Kühn die Lichtmetapher („Man ist Licht…“), doch die anschließenden Bilder – Himbeeren pflücken, Erbsensuppe jeden Tag, Pflaumenkuchen, leichte Kessel – wirken eher wie Schlaraffenland, nostalgisch und naiv. Der Schluss fordert, wie ein Kind zu lächeln, das „weiß, wie es ist“ und „wie es sein muss“. Kost diskutiert, dass man das entweder ernst als Rückbezug auf kindliche Unmittelbarkeit (und vielleicht ein „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“) oder eher als ironische Brechung lesen kann; in jedem Fall wirft das Gedicht mehr Fragen auf, als es beantwortet. Genau darin liegt sein didaktischer Wert: Es kann ein Gespräch auslösen über den Verlust kindlicher Jenseitsvorstellungen, über die Sehnsucht nach Bildern und über die Schwierigkeit, als (junger) Erwachsener eine angemessene Sprache für Hoffnung nach dem Tod zu finden.

Insgesamt plädiert Kost dafür, Gedichte im Religionsunterricht nicht als Interpretationsrätsel zu behandeln, sondern als ästhetische Impulsgeber, die Gefühle, Assoziationen und persönliche Deutungen aktivieren. Gerade beim Thema Leben nach dem Tod können Gedichte dadurch eine Brücke schlagen: Lernende sprechen zunächst „über das Gedicht“ – und finden so einen geschützten Zugang zu eigenen Hoffnungen, Zweifeln und Vorstellungen, ohne dass die Lehrkraft in richtig/falsch-Schemata oder dogmatische Festlegungen geraten muss.

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