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Das Ende der Tage

Veröffentlichung:1.1.2012

Der Fachartikel ist im Heft ru-heute (RELIGIONSUNTERRICHTheute) 01/2012 enthalten unter dem Titel „Das Ende der Tage – Der ehemalige Westlettner des Mainzer Domes“. Er umfasst 5 Seiten (S. 27–31). Winfried Wilhelmy erklärt darin Entstehung, Funktion und Bildprogramm des berühmten Mainzer Westlettners (1239), zeigt seine eindrucksvollen Jüngstes-Gericht-Darstellungen (Deesis, Selige/Verdammte) und schildert, wie der Lettner im Barock abgerissen, teilweise wiederverwendet und später in Fragmenten wiederentdeckt wurde.

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Winfried Wilhelmy beschreibt den Mainzer Westlettner als eines der bedeutendsten Ausstattungsstücke des Mainzer Domes, das bei der Wiederweihe des Doms 1239 nach langer Umbauzeit bereits vorhanden war. Der aus hellem Sandstein gefertigte Lettner trennte den Westchor vom Langhaus und hatte eine klare liturgische und soziale Funktion: Er schirmte den Bereich der Domherren ab, damit ihre täglichen Gebete und Messfeiern nicht durch die gewöhnlichen Dombesucher gestört wurden. Räumlich umschloss der Lettner zusammen mit Seitenwänden die westliche Vierung; zum Langhaus hin war eine Bühne vorgelagert, getragen von drei Arkaden und erreichbar über kleine Treppentürmchen. Von dieser Bühne aus wurden vermutlich Evangelientexte verlesen, der Chor sang, Beschlüsse wurden verkündet oder Reliquien gezeigt. Obwohl Lettner im Mittelalter weit verbreitet waren, hebt Wilhelmy hervor, dass der Mainzer Westlettner durch die außergewöhnliche Qualität seiner Bildhauerei herausragt.

Besonders eindrücklich war das ikonographische Programm der Front: Ein spitzer Giebel und ein umlaufender Fries trugen Reliefs, darunter eine Deesis (Christus als Weltenrichter mit Maria und Johannes dem Täufer als Fürbitter) sowie der Zug der Seligen und Verdammten, die heute im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum aufbewahrt werden. Wilhelmy betont eine damals neue Darstellungsweise: Christus zeigt am Thron seine Seitenwunde, indem er ins Gewand greift. Diese Geste deutet der Autor als Hinweis auf Christi menschliche Natur und damit als tröstliche Botschaft für mittelalterliche Menschen, die stark von der Angst vor Höllenqualen geprägt waren: Der Richter kennt menschliche Schwäche und kann deshalb im Gericht auch verstehen und vergeben. Was dieses Gericht konkret bedeutet, machte der Zug der Seligen und Verdammten anschaulich. Die Auserwählten erscheinen mit sichtbarer Freude; unter ihnen sind Vertreter höherer Stände (Papst, Bischof, König), außerdem Mönche eines damals neuen Bettelordens und ein kleiner Junge als Symbol der unschuldigen Kinder, denen nach dem Matthäusevangelium das Himmelreich zugesprochen wird. Den Gegenpol bilden die Verdammten, an Ketten abgeführt, mit verzerrten Gesichtern und einem Lachen der Verzweiflung; als Beispiele für Laster und Todsünden werden unter anderem eine als jüdischer Vertreter gekennzeichnete Figur, ein geiziger Mann und eine eitel gekleidete Frau genannt. Ergänzt wird die Warnszene durch einen einzelnen Teufelskopf mit fletschenden Zähnen. Wilhelmy unterstreicht dabei die hohe künstlerische Leistung: Die Körperbewegungen sind natürlich nachvollzogen, die Gesichter emotional differenziert – insgesamt zählt das Werk für ihn zum Besten der deutschen Skulptur des 13. Jahrhunderts.

Die Qualität beschränkte sich nicht auf die Schauseite. Für eine Ausstellung im Dom- und Diözesanmuseum 2011 wurden die Seitenwände des Lettners neu rekonstruiert. Außen waren sie vermutlich durch Blendbögen gegliedert, innen dienten sie als Dorsale des hölzernen Chorgestühls der Domherren, das im Mittelalter nicht im Chor, sondern in der Vierung stand, wo gemeinsam gesungen und gebetet wurde. Hinter jedem Sitz befand sich eine steinerne Blendarkade; darüber ein „Teppichfries“, über dem an Festtagen wohl tatsächlich kostbare Tapisserien hingen. Eine Reihe hoch aufspringender Baldachine krönte die Sitze und verlieh dem Chorbereich eine repräsentative Gestaltung.

Als Urheber nennt Wilhelmy den sogenannten „Naumburger Meister“, dessen wirklicher Name und genaue Identität unbekannt sind. Sicher ist jedoch, dass dieser Meister in Frankreich an den modernen Kathedralbauhütten geschult wurde und deren Formensprache nach Deutschland brachte. Nach der Mainzer Arbeit führte sein Weg offenbar nach Naumburg, wo er ebenfalls einen Lettner schuf und die berühmten Stifterfiguren im Westchor gestaltete, von denen sich sein Notname ableitet.

Schließlich schildert der Artikel den späteren Umgang mit dem Westlettner: Im Zuge der Barockisierung des Doms 1681/83 wurde er abgerissen und durch die bis heute vorhandenen barocken „Choretten“ ersetzt. Ein Teil der Lettnersteine – vor allem solche mit Arkadenbögen – wurde beim Neubau wiederverwendet und steckt daher bis heute unsichtbar im Dom. Auch Treppenaufgänge blieben großteils erhalten, wurden jedoch versetzt und als Aufgänge zu den Choretten neu eingebaut. Als im frühen 20. Jahrhundert das Interesse am Westlettner wieder auflebte, tauchten die verstreuten Reliefs an überraschenden Orten wieder auf: Die Deesis hing am Südostportal, Reliefteile der Seligen und Verdammten waren in eine Gartenmauer des Kapuzinerklosters eingemauert; weitere Fragmente lagen verscharrt oder wurden im Dombereich gelagert. Wie und wann diese Stücke dorthin gelangten, lässt sich nach Wilhelmy kaum noch rekonstruieren. Insgesamt zeigt der Artikel damit nicht nur ein herausragendes Kunstwerk mittelalterlicher Eschatologie-Bildsprache, sondern auch, wie wechselnde Zeiten, Umbauten und Interessen den kirchlichen Umgang mit solchen Zeugnissen prägen.

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