Der Artikel setzt bei den hohen Erwartungen an einen neuen Bischof an. Gläubige, Öffentlichkeit und Medien hoffen auf eine Persönlichkeit, die Orientierung gibt, Glaubwürdigkeit ausstrahlt und der Kirche dient. Josef Freitag fragt deshalb, an welchen Maßstäben sich ein guter Bischof erkennen lässt. Seine Antwort entwickelt er aus der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils und aus der kirchlichen Tradition.
Ausgangspunkt ist die Aussage des Konzils, dass Christus in seiner Kirche verschiedene Dienstämter eingesetzt hat, damit das Volk Gottes auf das Heil hin leben kann. Der Bischof steht also nicht über den Gläubigen, sondern dient ihnen. Seine Aufgabe besteht darin, Menschen in ihrer Freiheit und Würde ernst zu nehmen und sie so zu begleiten, dass sie ihren Weg mit Gott verantwortlich gehen können. Das Amt ist auf das Wohl aller ausgerichtet und hat denselben letzten Bezugspunkt wie das Leben der Glaubenden selbst: das Heil.
Freitag betont, dass Bischöfe Nachfolger der Apostel sind. Diese Nachfolge ist aber nicht zuerst funktional zu verstehen. Vor aller Amtsbeschreibung steht die Person. Die Apostel waren Menschen, die von Jesus gerufen wurden, ihm nachfolgten, von ihm belehrt und gesandt wurden und schließlich Zeugen seines Todes und seiner Auferstehung wurden. Daraus ergibt sich für den Bischof, dass auch bei ihm nicht zuerst die Rolle oder Funktion entscheidend ist, sondern seine Person in der Beziehung zu Christus. Ein Bischof ist nicht einfach Träger eines Amtes, sondern ein Mensch, dessen Christusbeziehung sein Denken, Reden und Handeln prägt. Gerade dadurch kann er Christus bezeugen und repräsentieren, ohne ihn je zu ersetzen.
Das Bischofsamt ist darum nicht als isolierte Institution zu verstehen. In der Bischofsweihe wird die Beziehung des Menschen zu Christus so neu bestimmt, dass er Christus in Verkündigung, Sakrament, Gebet, Leitung und Dienst gegenwärtig machen kann. Diese Sendung trägt der Bischof nicht aus eigener Kraft. Er bleibt auf das Gebet Christi und das Gebet der Kirche angewiesen. Der Artikel hebt hervor, dass die Gemeinde in jeder Eucharistie für ihren Bischof betet und damit deutlich wird, dass sein Dienst geistlich getragen sein muss.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die apostolische Nachfolge. Der Bischof steht in der Sukzession der Apostel und bewahrt die Verbindung der Kirche mit ihren Ursprüngen. In seiner Person, in seiner Lehre und hoffentlich auch in seinem Lebensstil soll sichtbar werden, dass die Kirche in Kontinuität mit den Aposteln lebt. Damit ist der Bischof nicht nur Verwalter, sondern Träger der lebendigen Überlieferung des Glaubens.
Besonders anschaulich beschreibt Freitag den Bischof als Schnittstelle. Mit diesem Bild will er deutlich machen, dass der Bischof verschiedene Ebenen der Kirche verbindet und aufeinander bezieht. Er vermittelt zwischen Christus und den Gläubigen, zwischen den einzelnen Diensten und Ämtern, zwischen Ortskirche und Weltkirche und auch zwischen Bewahrung und Erneuerung. Wie eine Schnittstelle in einem Kommunikationssystem übersetzt, koordiniert und verbindet er. Seine Aufgabe ist es, Einheit zu fördern, ohne die Vielfalt der Glieder der Kirche aufzuheben.
Als Schnittstelle zwischen Christus und den Glaubenden hat der Bischof die Aufgabe, die apostolische Botschaft in wechselnden geschichtlichen Situationen lebendig zu halten. Die Kirche bleibt nicht stehen, sondern entwickelt sich weiter, nimmt neue Menschen, Kulturen und Fragen auf und gerät dadurch in Spannungen und Konflikte. Gerade deshalb braucht sie einen beständigen Dienst an Glaube und Einheit. Der Bischof soll helfen, dass die Kirche in diesen Veränderungen apostolisch bleibt und sich zugleich erneuern kann.
Als Schnittstelle in den Fragen der Kirche hat der Bischof eine koordinierende und entscheidende Aufgabe. Probleme treten zunächst im eigenen Bistum auf, können aber größere Bedeutung gewinnen und dann synodale Beratungen, Bischofskonferenzen oder Konzilien notwendig machen. Der Bischof ist also in Prozesse der Unterscheidung, Entscheidung und Klärung eingebunden, wenn das Zusammenspiel der Kirche herausgefordert ist.
Ein breiter Teil des Artikels widmet sich dem Verhältnis des Bischofs zu anderen kirchlichen Ämtern und Diensten. Schon in der frühen Kirche entstanden neue Aufgaben, etwa für Diakone oder Presbyter. Diese Dienste stehen nicht einfach neben dem Bischof, sondern bilden mit ihm eine apostolische Dienstgemeinschaft. Der Bischof ist daher nicht als Einzelgestalt zu denken, sondern in Beziehung zu Priestern und Diakonen. Gemeinsam tragen sie Verantwortung für die Ortskirche. Der Bischof ist die verbindende Mitte dieser Gemeinschaft, ohne dass die anderen Dienste bloß abgeleitet oder nebensächlich wären.
Auch nicht geweihte Dienste und Gruppen werden ausdrücklich einbezogen. Der Autor verweist auf Lehrende, Vorleser, Mitarbeitende in Caritas, Bildung, Verwaltung und Beratung, aber auch auf Verbände, Bewegungen und Ordensleute. Eine lebendige Kirche ist ohne diese Dienste nicht denkbar. Der Bischof hat hier nicht die Aufgabe, überall Fachmann zu sein, wohl aber die Aufgabe, diese verschiedenen Kräfte geistlich zu integrieren, zu koordinieren und auf das Ganze des Bistums zu beziehen.
Von großer Bedeutung ist außerdem die Rolle des Bischofs zwischen Ortskirche und Weltkirche. Er vertritt sein Bistum in der Gesamtkirche und bringt zugleich die Erfahrungen, Anliegen und Herausforderungen der Weltkirche in das eigene Bistum ein. Er ist also Vermittler in beide Richtungen. Dadurch weitet er den Horizont der Ortskirche und hilft zugleich, dass ihre konkreten Erfahrungen im größeren Ganzen gehört werden.
Freitag betont ferner, dass der Bischof auch Vermittler des Neuen sein muss. Er hat die Aufgabe, nicht nur das Vertraute zu bewahren, sondern auch das Unbekannte, Fremde und Zukunftsweisende in die Kirche einzubringen. Das kann Spannungen hervorrufen, weil konservative und progressive Sichtweisen aufeinandertreffen. Dennoch gehört diese Zumutung zum Amt, weil die Kirche von Anfang an auf Sendung zu allen Menschen hin angelegt ist und sich deshalb immer wieder öffnen und verändern muss.
Am Ende fasst der Artikel das Bischofsamt mit klassischen theologischen Begriffen zusammen. Der Bischof ist Verkünder des Evangeliums, erster Liturge seines Bistums, verantwortlicher Leiter und Hirte. Er dient dem Christsein der Gläubigen, damit diese wiederum ihren Dienst an den Menschen tun können. Dabei bleibt er Mensch mit Schwächen, Glaubender unter Glaubenden und zugleich Zeichen und Werkzeug der Einheit.
Die wichtigste Eigenschaft eines guten Bischofs sieht Freitag in einem hörenden Herz. Der Bischof soll auf Christus und das Evangelium hören, aber ebenso auf die Menschen, ihre Erfahrungen, Hoffnungen und Nöte. Nur so kann er das Evangelium verständlich zur Sprache bringen und in die Lebenswelt der Menschen hinein übersetzen. Ein guter Bischof redet nicht einfach über die Menschen hinweg, sondern lernt, das Evangelium so zu verkünden, dass es Trost, Orientierung und Herausforderung zugleich bleibt. Damit endet der Artikel in der Einsicht, dass der Bischof vor allem ein hörender, vermittelnder und geistlich geprägter Mensch sein muss.