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Paralleluniversen

Veröffentlichung:1.1.2017

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Paralleluniversen“ von Andreas Matena enthalten und umfasst etwa 4 Seiten. Der Beitrag fragt danach, ob Menschen dieselbe Wirklichkeit unterschiedlich wahrnehmen und deuten und ob man daher von parallelen Wahrnehmungswelten sprechen kann. Behandelt werden dabei vor allem theologische Probleme wie das Verhältnis von Wahrnehmung und Wahrheit, die Frage nach objektiver Wirklichkeit, die Bedeutung des Glaubens als Deutung der Wirklichkeit sowie die Frage, wie Gotteserfahrung und religiöse Wahrheit begründet werden können. Der Artikel zeigt, dass unterschiedliche Wahrnehmungen nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance für Verständigung, Theologie und zwischenmenschliche Begegnung sind.

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Andreas Matena eröffnet den Artikel mit einer persönlichen Begegnung mit einem jungen Mann im Rollstuhl, der unter anderem Autismus, Epilepsie und eine hohe Begabung mitbringt. Besonders beeindruckt den Autor, dass dieser junge Mensch seine eigene Innenwelt als eine Weise beschreibt, die nicht einfach defizitär ist, sondern als eine parallele Form der Wahrnehmung neben der gewöhnlichen Wahrnehmung verstanden werden kann. Von dieser Begegnung aus entwickelt Matena die Frage, ob es tatsächlich parallele Wahrnehmungen derselben Wirklichkeit gibt und was das für Philosophie und Theologie bedeutet.

Zunächst führt der Text in klassische erkenntnistheoretische Fragen ein. Es geht darum, wie Menschen Wirklichkeit erkennen und ob das Erkannte tatsächlich der Wirklichkeit selbst entspricht. Der Autor erinnert an Immanuel Kant, der zwischen dem erkennenden Subjekt und dem erkannten Objekt unterscheidet und daraus folgert, dass Menschen die Dinge nie völlig an sich selbst erkennen, sondern immer nur so, wie sie ihnen erscheinen. Demgegenüber steht die ältere Vorstellung bei Aristoteles, dass der Mensch durch vernünftige Erkenntnis auch zum Wesen der Dinge vordringen kann. Hinzu kommen Probleme der Sinneswahrnehmung, etwa die Tatsache, dass Wahrnehmung biologisch begrenzt und fehleranfällig ist. Auch neuere Hirnforschung verschärft diese Fragen, wenn sie die Außenwelt teilweise als Konstruktion des Gehirns beschreibt. Niklas Luhmann macht deutlich, dass jede Erkenntnis an den jeweiligen Beobachterstandpunkt gebunden ist.

Im nächsten Schritt klärt der Artikel den Begriff der Erfahrung. Matena unterscheidet zwischen bloßer Empfindung und eigentlicher Wahrnehmung. Die Sinne liefern einzelne Daten, doch erst durch ihre Verknüpfung entstehen Vorstellungen von Dingen und Zusammenhängen. Täuschungen entstehen daher nicht einfach in den Sinnen selbst, sondern in den Urteilen, die Menschen auf der Grundlage ihrer Wahrnehmungen bilden. Damit wird deutlich, dass Wahrnehmung immer schon Deutung ist.

Von hier aus führt der Autor zu Denkern, die diese erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten überschreiten wollen. Joseph Maréchal betont, dass der Mensch im Denken immer schon Wahrheit voraussetzt. Karl Rahner greift dies mit seiner Lehre vom übernatürlichen Existential auf und beschreibt den Menschen als auf Transzendenz hin geöffnet. Gott ist demnach nicht ein Gegenstand neben anderen, sondern der Horizont menschlicher Selbsterfahrung. Auch Karl Jaspers spricht davon, dass Grenzerfahrungen den Menschen über sich selbst hinausweisen auf ein Umgreifendes. Friedo Ricken unterstreicht, dass Menschen in der Erfahrung einer Wirklichkeit begegnen, die ihnen nicht bloß durch Begriffe vermittelt wird, sondern sich zeigt. Hans Urs von Balthasar beschreibt das Christentum deshalb als eine Lehre des Wahrnehmens und Erblickens, in der sich Wahrheit in einer geschichtlichen Gestalt offenbart.

Vor diesem Hintergrund beantwortet Matena die Frage nach Paralleluniversen differenziert. Aus der Sicht des Glaubens kann man durchaus von parallelen Universen sprechen, allerdings nicht im physikalischen Sinn, sondern als verschiedenen Weisen menschlicher Wahrnehmung und Deutung. Menschen erleben und interpretieren die eine Wirklichkeit auf unterschiedliche Art. Bei materiellen Dingen können Wahrnehmungen noch eher überprüft und korrigiert werden, etwa wenn man klären will, ob ein Baum wirklich da ist oder ob eine Täuschung vorliegt. Im Bereich von Religion und Weltdeutung ist eine solche Überprüfung schwieriger. Hier treten verschiedene Deutungen miteinander in Konkurrenz und können nicht einfach experimentell entschieden werden. Sie müssen sich vielmehr in ihrer Plausibilität, Evidenz und Begründung bewähren.

Im Zentrum des theologischen Teils steht dann die Frage nach dem Glauben. Glaube wird als Verhältnis des Menschen zu Gott, zur Transzendenz und zur alles umgreifenden Wirklichkeit verstanden. Dabei betont Matena, dass auch ein Nichtglaube in gewisser Weise ein Glaube ist, weil auch er auf bestimmten Grundannahmen über Wirklichkeit beruht. Glaube ist ein mentales und existentielles Phänomen, in dem Menschen etwas für wahr halten, das ihnen nicht direkt vor Augen liegt. Dennoch verstehen Glaubende diese nicht sichtbare Wirklichkeit als tragend für ihr ganzes Leben. Der Glaube lebt also davon, dass dem Menschen eine Wirklichkeit begegnet, die den Anspruch erhebt, alle Erfahrungen zu umfassen und zu deuten.

Diese Wahrheit begegnet dem Menschen nach Matena nicht bloß abstrakt oder spekulativ, sondern personal und dialogisch. Im christlichen Glauben verdichtet sich das in der Person Jesu Christi. Glaube bedeutet daher nicht nur Zustimmung zu Sätzen, sondern Vertrauen in ein Gegenüber. Das Glaubensbekenntnis ist eine freie Antwort auf eine Wirklichkeit, die sich zeigt und den Menschen anspricht. Zugleich bleibt der Glaube auf Vernunft bezogen. Der Glaube fordert das Denken heraus und sucht nach Verständnis. Deshalb verweist der Autor auf die klassischen Formeln, dass der Glaube nach Einsicht sucht und dass Menschen glauben, um zu verstehen.

Am Ende kehrt der Artikel zur Ausgangsfrage zurück. Parallele Universen sind nach Matena eine treffende Metapher für die verschiedenen Arten menschlichen Erfahrens und Wahrnehmens. Obwohl der menschliche Wahrnehmungsapparat grundsätzlich ähnlich gebaut ist, unterscheiden sich die Deutungen und Zusammensetzungen der Erfahrungen erheblich. Daraus entstehen Konflikte, Missverständnisse und Spannungen, etwa in Fragen von Inklusion, Kulturbegegnung oder im alltäglichen Miteinander. Gerade deshalb ist es notwendig, die eigene Wahrnehmung zu begründen und zwischen verschiedenen Wahrnehmungswelten Übersetzungsarbeit zu leisten. Parallele Universen sind also nicht nur eine Schwierigkeit, sondern auch eine Chance. Sie eröffnen neue Möglichkeiten für Verständigung, für Theologie und für das Gespräch über die eine Wirklichkeit, die Menschen auf unterschiedliche Weise wahrnehmen.

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