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Was kann „heilig“ heute noch bedeuten?

Veröffentlichung:1.1.2017

Der Fachartikel „Was kann ‚heilig‘ heute noch bedeuten?“ von Holger Zaborowski, erschienen im Heft ru-heute, umfasst ca. 5 Seiten (S. 16–20). Der Beitrag untersucht die Bedeutung des Begriffs „heilig“ in der Gegenwart und diskutiert religionsphilosophische Probleme wie die Definition des Heiligen, den Unterschied zwischen sakralem und ethischem Verständnis von Heiligkeit, sowie die Frage nach der Begründung menschlicher Würde und Verantwortung gegenüber dem anderen Menschen. Dabei greift der Autor besonders auf die Philosophie von Emmanuel Levinas zurück, der Heiligkeit vor allem in der Begegnung mit dem anderen Menschen erkennt.

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Der Artikel beschäftigt sich mit der Frage, was der Begriff heilig in einer modernen und weitgehend säkularisierten Welt noch bedeuten kann. Die Erfahrung des Heiligen gilt zunächst als grundlegende menschliche Erfahrung. Menschen sprechen von heiligen Orten, Zeiten, Büchern oder Personen. In solchen Erfahrungen wird eine besondere Nähe zum Göttlichen wahrgenommen und das Alltägliche wird durchbrochen. Die Begegnung mit dem Heiligen verlangt Respekt, Ehrfurcht und verändert häufig das Verhalten. Auch Menschen ohne religiösen Glauben können solche Erfahrungen machen, weshalb das Heilige auch in der modernen Welt weiterhin auftreten kann.

Gleichzeitig ist der Begriff des Heiligen in der Religionsphilosophie umstritten. Es ist unklar, ob es überhaupt ein gemeinsames Verständnis von Heiligkeit gibt, da unterschiedliche Religionen und Weltanschauungen dem Begriff verschiedene Bedeutungen geben. Manchmal wird mit heilig etwas moralisch Gutes bezeichnet, manchmal etwas ästhetisch Erhabenes oder religiös Besonderes. Dadurch entsteht die Schwierigkeit, dass der Begriff entweder zu allgemein wird oder sehr unterschiedliche Phänomene miteinander vermischt.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass das Heilige sowohl trivialisiert als auch überhöht werden kann. Einerseits wird es manchmal nur noch als Bezeichnung für etwas besonders Wichtiges verwendet. Andererseits wird es so stark vom Alltag getrennt, dass echte Erfahrungen des Heiligen kaum noch möglich erscheinen. Außerdem kann das Heilige entweder rein subjektiv als Gefühl verstanden werden oder als objektive Wirklichkeit, die unabhängig vom Menschen existiert. Auch der Missbrauch des Heiligen etwa zur Rechtfertigung von Gewalt zeigt, dass sorgfältig unterschieden werden muss, ob etwas wirklich heilig ist oder nur aus menschlichen Interessen heraus so genannt wird.

Zur Klärung dieser Fragen greift der Autor auf das Denken des jüdischen Philosophen Emmanuel Levinas zurück. Levinas richtet den Blick auf eine Erfahrung, die in der Philosophie lange zu wenig beachtet wurde: die Begegnung mit dem anderen Menschen. In dieser Begegnung erkennt Levinas eine besondere Form von Heiligkeit. Dabei unterscheidet er zwischen dem sakralen oder numinosen Heiligen, das mit geheimnisvollen oder religiösen Kräften verbunden wird, und der Heiligkeit, die sich in der Beziehung zwischen Menschen zeigt.

Nach Levinas zeigt sich die Heiligkeit besonders im Antlitz des anderen Menschen. Der andere Mensch ist nicht einfach ein weiteres Ich, sondern ein einzigartiges Gegenüber. In der Begegnung mit ihm wird das eigene Ich in Frage gestellt und zur Verantwortung gerufen. Der Mensch erkennt, dass seine Freiheit nicht an erster Stelle steht, sondern dass er Verantwortung für den anderen trägt. Diese Erfahrung ist für Levinas eine ethische Erfahrung. Heiligkeit bedeutet daher vor allem die unantastbare Würde des anderen Menschen und die Verpflichtung, ihm zu helfen und ihn nicht allein zu lassen.

Dieses Verständnis verschiebt den Blick auf das Heilige von Dingen oder Orten hin zur Beziehung zwischen Menschen. Die Welt mag zwar entzaubert sein, doch in der Begegnung mit dem anderen Menschen bleibt eine Dimension erhalten, die über das rein Materielle hinausweist. Heiligkeit wird damit zu einer ethischen Kategorie, die Verantwortung und Achtung vor der Würde jedes Menschen verlangt.

Der Artikel zeigt jedoch auch, dass dieses philosophische Verständnis an Grenzen stößt. Wenn etwas wirklich heilig sein soll, kann es nicht nur von menschlichen Gedanken abhängen. Religionen wie Judentum und Christentum verstehen Heiligkeit deshalb als etwas, das letztlich von Gott ausgeht. Gott selbst gilt als heilig und alles andere ist heilig, weil es an dieser göttlichen Heiligkeit Anteil hat. Die Rede von der Heiligkeit des Menschen könnte daher auf die Erfahrung eines heiligen Gottes zurückgehen.

Schließlich wird diskutiert, welche Rolle das jüdische und christliche Denken für das heutige Verständnis von Heiligkeit spielt. Die Philosophin Julia Kristeva betont, dass die moderne Vorstellung von der Würde des Menschen stark vom Christentum geprägt ist. Besonders die Vorstellung vom leidenden Christus habe das Leiden des Menschen in den Mittelpunkt gerückt und zugleich zur Verpflichtung geführt, gegen Leid und Unrecht einzutreten. Dadurch wird die Würde jedes einzelnen Menschen betont.

Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass das Heilige heute vor allem in der Würde und im Antlitz des anderen Menschen erfahren werden kann. Die Begegnung mit dem Mitmenschen ruft zur Verantwortung auf und eröffnet eine ethische Dimension, die möglicherweise auf religiöse Traditionen zurückgeht. Offen bleibt jedoch, was geschieht, wenn das religiöse Erbe, aus dem dieses Verständnis hervorgegangen ist, in der Gesellschaft immer mehr in Vergessenheit gerät.

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