Der Artikel untersucht, wie das Heilige in der biblischen Geschichte verstanden wird und wie Menschen ihm durch die biblischen Erzählungen begegnen können. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass das Wort heilig in der Bibel ursprünglich nicht eine besondere Tugend einzelner Menschen bezeichnet. Heilig ist zuerst Gott selbst. Menschen und das Volk Israel werden nur deshalb heilig genannt, weil sie an der Heiligkeit Gottes Anteil haben. Diese Perspektive findet sich bereits im Alten Testament im Heiligkeitsgesetz des Buches Levitikus mit der Aufforderung, heilig zu sein, weil Gott heilig ist. Auch das Neue Testament greift diese Vorstellung auf und verbindet Heiligkeit mit einer Lebensführung, die sich an Gott orientiert.
Ein früher biblischer Ausdruck dieser Vorstellung findet sich im Buch Jesaja mit dem dreimaligen Ruf heilig ist der Herr der Heerscharen. Dieser Hymnus zeigt, dass Gottes Heiligkeit eng mit der Geschichte Israels verbunden ist. Gott wird nicht als abstrakte Macht verstanden, sondern als der Heilige Israels, der sich in der konkreten Geschichte seines Volkes zeigt.
Die Entstehung Israels wird in den biblischen Traditionen besonders mit der Zeit in der Wüste verbunden. Dort, außerhalb fester gesellschaftlicher Strukturen, formt Gott sein Volk. Die Wüstenerfahrung zeigt, dass Heiligkeit nicht selbstverständlich ist, sondern immer neu gesucht und errungen werden muss. Die Aufgabe Israels besteht darin, diese Erfahrung auch im Land weiterzuführen und im Alltag heilig zu leben.
Ein zentraler Ausdruck dieser Heiligkeit ist der Sabbat. Der Artikel zeigt, dass das Sabbatgebot in der Bibel zwei Begründungen hat. In der priesterschriftlichen Tradition wird der Sabbat mit der Schöpfung verbunden. Der Mensch nimmt am Rhythmus der Schöpfung teil und ehrt den Schöpfer, indem er den Ruhetag heiligt. Dadurch wird nicht nur der Mensch selbst geschützt, sondern auch die gesamte Schöpfung. Der Ruhetag wird zu einem Zeichen der Ehrfurcht vor Gott und seiner Welt.
Eine zweite Begründung findet sich in der Exodus Tradition. Hier erinnert der Sabbat an die Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten. Der Ruhetag ist damit Ausdruck der Freiheit, die Gott seinem Volk geschenkt hat. Heiligkeit wird hier als Antwort auf Gottes befreiendes Handeln verstanden. Diese Vorstellung hängt eng mit der Idee der Erwählung zusammen. Erwählung bedeutet im biblischen Sinn nicht Überlegenheit, sondern Berufung zum Dienst. Einzelne Menschen und das Volk Israel sind erwählt, um für andere da zu sein.
Das Heiligkeitsgesetz im Buch Levitikus versucht, diese Heiligkeit konkret im Alltag umzusetzen. Es betrifft nicht nur religiöse Rituale, sondern alle Bereiche des Lebens. Ziel ist eine Lebensweise, die Gottes Heiligkeit widerspiegelt. Dazu gehört auch der Umgang mit dem Land. Das Land gehört nach biblischem Verständnis letztlich Gott. Menschen sind nur Gäste auf dieser Erde. Deshalb soll das Land so genutzt werden, dass Gerechtigkeit und verantwortliches Zusammenleben möglich werden.
Ein weiteres Bild für Heiligkeit ist das aufrechte Gehen. Nach der Befreiung aus Ägypten sollen Menschen frei und aufrecht leben und sich nicht neuen Abhängigkeiten unterwerfen. Heiligkeit bedeutet daher auch, sich von falschen Göttern und zerstörerischen Bindungen zu lösen. In der Gegenwart kann dies auch bedeuten, sich nicht allein nach gesellschaftlichen Erwartungen oder Meinungen zu richten.
Der Artikel betont außerdem die Bedeutung von Versöhnung. In der Tradition des Heiligkeitsgesetzes greift Jesus die Forderung nach einem versöhnten Leben auf. Wer Gott dienen will, soll zuerst Versöhnung mit anderen suchen. Heiligkeit zeigt sich somit auch im zwischenmenschlichen Umgang.
Am Ende steht die Freiheit der Menschen, den Weg der Heiligkeit zu gehen oder nicht. Die Bibel spricht hier von Segen und Fluch als Folgen menschlicher Entscheidungen. Gleichzeitig bleibt Gottes Bund mit seinem Volk bestehen, auch wenn Menschen scheitern.
Im Neuen Testament wird diese Vorstellung weitergeführt. Die frühen christlichen Gemeinden werden als die Heiligen bezeichnet. Damit sind nicht besonders vollkommene Menschen gemeint, sondern alle, die zur Gemeinschaft der Glaubenden gehören. Heiligkeit ist daher eine gemeinsame Lebensform der Kirche, die aus der Beziehung zu Christus lebt.
Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass Heiligkeit in der Bibel nicht auf einzelne religiöse Leistungen beschränkt ist. Sie umfasst das gesamte Leben und alle Bereiche der Gesellschaft. Heiligkeit bedeutet, dass Gottes Gegenwart im Alltag sichtbar wird und Menschen versuchen, ihr Leben an Gottes Willen auszurichten.