RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Eulenfisch

Eulenfisch

Wegweiser zur Heiligkeit: Barmherzigkeit

Veröffentlichung:1.1.2017

Der Fachartikel „Wegweiser zur Heiligkeit: Barmherzigkeit“ von Frank van der Velden ist im Heft ru-heute erschienen und umfasst etwa 6 Seiten. Der Beitrag stellt ein theologisches Gespräch zwischen Walter Kardinal Kasper und Mouhanad Khorchide über die Bedeutung der Barmherzigkeit Gottes im Christentum und im Islam vor. Behandelt werden zentrale theologische Probleme des interreligiösen Dialogs, insbesondere die unterschiedliche Bedeutung der Barmherzigkeit in den Gottesvorstellungen beider Religionen, die Frage nach dem Verhältnis von Gerechtigkeit, Gnade und Liebe sowie grundlegende Unterschiede zwischen islamischem Monotheismus und christlicher Trinitätslehre.

restricted content

Nach Registrierung auf www.eulenfischplus.de erhält man kostenlosen Zugriff auf die Inhalte.

Products

Der Artikel analysiert ein theologisches Gespräch zwischen Walter Kardinal Kasper und Mouhanad Khorchide über die Bedeutung der Barmherzigkeit Gottes im islamisch christlichen Dialog. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Gespräche über Barmherzigkeit zwischen Christentum und Islam häufig oberflächlich bleiben. Ein Grund dafür ist die unterschiedliche theologische Gewichtung des Begriffs in beiden Religionen. Im Islam ist Barmherzigkeit zwar ein sehr häufig verwendeter Gottesname und Bestandteil religiöser Praxis, besitzt in der klassischen sunnitischen Theologie jedoch keinen eindeutig bestimmten Rang unter den zentralen Wesenseigenschaften Gottes. Dadurch entsteht im Dialog eine funktionale Asymmetrie.

Mouhanad Khorchide versucht in seiner reformorientierten islamischen Theologie diese Lücke zu schließen. In seinem Werk über den Islam als Religion der Barmherzigkeit interpretiert er Koranverse, Hadithe und traditionelle Auslegungen neu und stellt die Barmherzigkeit als grundlegende Wesenseigenschaft Gottes dar. Dabei wendet er historisch kontextualisierende Interpretationsmethoden an und kritisiert ein rein wörtliches Verständnis traditioneller Lehren. Dieser Ansatz steht in der Tradition moderner islamischer Reformtheologie. Gleichzeitig wird er von konservativen Theologen kritisiert, weil sie befürchten, dass dadurch die Transzendenz Gottes und der strenge Monotheismus geschwächt werden.

Im Christentum ist die Gotteslehre traditionell stärker durch die Begriffe Gerechtigkeit und Gnade geprägt. Die zentrale Frage der Reformation nach dem gnädigen Gott verweist auf die Rechtfertigung des Menschen durch den Glauben an Jesus Christus. Gottes Liebe wird als Grundlage der Erlösung verstanden, während Barmherzigkeit meist als Ausdruck dieser Liebe erscheint. In vielen theologischen Traditionen besitzt sie daher eine wichtige, aber eher nachgeordnete Rolle.

Walter Kasper versucht in seiner Theologie der Barmherzigkeit, diesen Begriff stärker ins Zentrum des christlichen Glaubens zu rücken. Sein Buch über die Barmherzigkeit versteht sie als Grundbegriff des Evangeliums und Schlüssel für christliches Leben. Kritiker werfen ihm vor, die göttliche Gerechtigkeit zu wenig zu berücksichtigen. Dennoch wurde seine Theologie von Papst Franziskus aufgegriffen, etwa im Jahr der Barmherzigkeit und in kirchlichen Diskussionen über pastorale Fragen wie den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen.

Im Gespräch zwischen Kasper und Khorchide zeigt sich eine intensive Auseinandersetzung mit den theologischen Grundlagen beider Religionen. Khorchide beschreibt Gott als personalen Gott, der mit dem Menschen in eine dialogische Beziehung tritt. Der Mensch besitzt Freiheit und kann auf Gottes Barmherzigkeit antworten. Gott wird als dynamisch verstanden, da er sich den Menschen zuwendet und ihre Gebete hört. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch bildet dabei einen wichtigen Ausgangspunkt seiner theologischen Überlegungen.

Kasper reagiert darauf mit einer christlichen Perspektive, die von biblischen Quellen und der Theologie des Thomas von Aquin geprägt ist. Für ihn zeigt sich die Liebe Gottes besonders im Gewaltverzicht und im Verzeihen. Die Selbstentäußerung Gottes wird im Leiden und Tod Jesu Christi sichtbar. Dadurch wird deutlich, dass Gottes Liebe und Barmherzigkeit mit der inneren Beziehung innerhalb der Trinität verbunden sind. Diese Verbindung von göttlicher Liebe, Kreuz und Trinität bildet einen zentralen Unterschied zum islamischen Gottesverständnis.

Das Gespräch führt daher nicht zu einer Annäherung der religiösen Positionen, sondern zu einer vertieften theologischen Klärung. Beide Seiten versuchen, ihre eigene Tradition präziser zu reflektieren und die Unterschiede deutlich zu benennen. Dadurch entsteht ein Dialog auf hohem theologischen Niveau, der zeigt, dass ernsthafte interreligiöse Gespräche sowohl Gemeinsamkeiten als auch grundlegende Differenzen sichtbar machen können.

Am Ende weist der Autor darauf hin, dass das Gespräch neue Fragen eröffnet. Für die christliche Theologie könnte etwa die Trinitätstheologie des Mittelalters weitere Anknüpfungspunkte bieten. Für Khorchide besteht die Herausforderung darin, seine reformorientierte Interpretation innerhalb der islamischen Theologie zu etablieren. Besonders seine Methode einer humanistischen Koranhermeneutik und die Suche nach einer inneren Intention des Korans bleiben innerhalb der islamischen Gelehrtenwelt umstritten.

Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass das Gespräch zwischen Kasper und Khorchide trotz aller Differenzen einen wichtigen Beitrag zum theologischen Austausch zwischen Christentum und Islam leistet. Es zeigt, dass ein ernsthafter Dialog über Gottesverständnis möglich ist, wenn beide Seiten bereit sind, ihre eigenen theologischen Traditionen kritisch zu reflektieren und die Unterschiede offen zu benennen.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | E1 Religion und Mensch in einer pluralen Welt

E1.3 Aspekte christlicher Anthropologie.

Sekundarstufe II | Q3 Ethik – die Frage nach Gut und Böse

Q3.2 Biblische Ethik – Spannung zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 13 Der Mensch und seine Zukunft - Die Zukunft der Menschheit

13 / 2. Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit – eine Herausforderung an die Christen.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.