Angst ist ein ambivalentes psychisches und physisches Phänomen, das Menschen sowohl lähmen als auch schützen kann und etymologisch auf Begriffe der Enge und Bedrängnis zurückgeht. Das Phänomen wird aus interdisziplinären Perspektiven untersucht, einschließlich Neurowissenschaften, Psychologie, Biologie, Philosophie und Theologie. Eine präzise Abgrenzung zwischen Angst als ungerichtetem Gefühl und Furcht als gegenstandsbezogener Emotion gelingt weder in der Alltagssprache noch im wissenschaftlichen Diskurs konsistent. In biblischen Texten spielen Angst und Furcht eine bedeutende Rolle, mit bis zu dreißig verwandten Wortfeldern, besonders prominent im Alten Testament. Die theologische Tradition unterscheidet zwischen destruktiven Ängsten und heilsamen Gefühlen wie Vertrauen, Hoffnung und Mut, wie sie bei Paul Tillich zum Ausdruck kommen. Die Geschichte des Christentums zeigt sich durch Wandlungen geprägt: von apokalyptischen Ängsten in der Frühzeit über mittelalterliche Höllenängste bis zu modernen Angststörungen. Ein problematisches Verständnis interpretierte Glaube als vollständige Angstfreiheit und Religion als Kontingenzbewältigungsinstrument, was der anthropologischen Grundtatsache menschlicher Vulnerabilität widerspricht. Angst und Religion stehen in komplexem Wechselverhältnis: Religion kann Angst auslösen, aber auch Ressourcen zur Bewältigung bieten. Eine gereiftere theologische Perspektive erkennt an, dass Angst ein anthropologisch grundlegendes Phänomen ist, das auch im Glaubensleben präsent bleiben kann.