Klaus König untersucht in seinem Artikel die bibeldidaktische Vermittlung des Dekalogs in der evangelischen und katholischen Grundschule. Obwohl die Zehn Gebote seit Jahrhunderten zum festen Bestand christlicher Bildung gehören – wie sich in Luthers und Canisius' Katechismen zeigt – gibt es zunehmend kritische Anfragen an ihre unbestrittene Bedeutung. König identifiziert drei zentrale Kritikpunkte: die Gefahr einer Moralisierung von Religion, die Frage nach der kognitiven Aneignungsfähigkeit von Kindern und die vermeintlich fehlende Lernbedeutsamkeit ethischer Gehalte. Um den Dekalog weiterhin lernwirksam zu gestalten, muss deutlich werden, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen didaktischen Wegen er vermittelt wird. König betont, dass Kinder ihre moralischen Orientierungen nicht durch einfaches Auswendiglernen von Geboten erwerben, sondern durch mannigfaltige, wiederholte Anreize und Austauschprozesse. Er differenziert vier Formen der Normbegründung: Sanktionsorientierung, Opferorientierung, Regelgeltung und Wertorientierung. Der Unterricht sollte Kindern ermöglichen, ihre unterschiedlichen Begründungsstrukturen darzulegen und zu vertiefen, statt einen autoritären Normenkatalog zu vermitteln. Dabei spielen nicht nur kognitive Urteile eine Rolle, sondern auch Empathie, soziale Beziehungen und Gefühle. König argumentiert, dass durch eine reflexive Auseinandersetzung mit dem Dekalog Kindern deutlich werden kann, dass Gott durch die Gebote Gutes für die Menschen will – eine Einsicht, die ihrer eigenen kindlichen Vernunft entspricht.