Heinz Streib thematisiert in seinem Artikel das spannungsvolle Verhältnis zwischen Entwicklungspsychologie und Religionspädagogik, das durch gegenseitige Vorbehalte geprägt ist. Er diagnostiziert einen blinden Fleck in der modernen Entwicklungspsychologie: Religion und religiöse Entwicklung spielen in aktuellen Handbüchern kaum eine Rolle, obwohl religionspädagogisches Handeln den Entwicklungsstand von Kindern und Jugendlichen berücksichtigen muss. Die klassischen Modelle religiöser Entwicklung von Fowler (1981) und Oser (1984) sind inzwischen vier Jahrzehnte alt, und die damit verbundene empirische Forschungstradition ist zum Stillstand gekommen. Streib identifiziert als Grund auch die mangelnde Integration empirischer Forschungsmethoden in universitäre Curricula. Gleichzeitig sieht er hoffnungsvolle neue Impulse aus der aktuellen Persönlichkeitspsychologie, die Persönlichkeit nicht als unveränderlich versteht, sondern deren Dynamik und Prozesshaftigkeit im Lebensverlauf betont. Er stellt verschiedene vielversprechende Forschungslinien vor: narrative Identität, autobiographisches Erzählen nach McAdams, Moralentwicklung, Bindungstheorie, Theory of Mind und spirituelle Lebensziele. Das integrative Drei-Ebenen-Modell von McAdams (actor-agent-author) bietet nach Streib eine produktive Grundlage für ein zeitgemäßes Verständnis religiöser Entwicklung. Abschließend präsentiert Streib sein eigenes Modell religiöser Stile als kritische Weiterentwicklung von Fowlers Faith-Development-Theory, das statt Stufen die Pluralität und Flexibilität religiöser Ausdrucksformen in den Blick nimmt und sich in empirischer Forschung bewährt hat.