Der Artikel untersucht die Bedeutung mystischer Erfahrung im Horizont christlicher Trinitätstheologie. Ausgangspunkt ist das sogenannte ozeanische Gefühl, also das überwältigende Empfinden, angesichts der Weite des Meeres oder der Größe von Gebirgen in einem größeren Ganzen aufzugehen. Dieses Gefühl kann religiös als Sehnsucht verstanden werden, sich mit dem Göttlichen zu vereinigen. Der Autor zeigt jedoch, dass sich hinter dieser Vorstellung häufig ein neuplatonisches oder gnostisches Denkmuster verbirgt, nach dem die menschliche Seele aus einer niederen materiellen Welt in den göttlichen Ursprung zurückkehren möchte. In diesem Modell erscheint Mystik als Aufstieg aus der Welt und als Überwindung von Leiblichkeit, Individualität und Geschöpflichkeit.
Als wichtigen Vertreter einer solchen Richtung nennt der Autor Meister Eckhart. Dessen Denken wird als Versuch beschrieben, zum göttlichen Urgrund vorzudringen, der noch jenseits des trinitarischen Gottes liege. In dieser Perspektive soll die Seele in einen Zustand eingehen, in dem alle Unterschiede verschwinden. Der Autor arbeitet heraus, dass eine solche Mystik stark von Weltabkehr, Leibkritik und dem Wunsch nach Auflösung der Individualität geprägt ist. Damit verbindet sich die Vorstellung, dass die Seele im Göttlichen aufgehen könne.
Dem stellt der Artikel die christlich trinitarische Mystik entgegen. Diese sucht nicht die Auslöschung des Ich, sondern die tiefste mögliche Begegnung mit dem dreieinigen Gott. Mystische Erfahrung bedeutet hier eine von Gott geschenkte Nähe, die sich im innersten Grund der Seele mitteilt, ohne den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf aufzuheben. Der Mensch bleibt Person und wird nicht in einem unpersönlichen All Einen ausgelöscht. Gerade darin liegt nach dem Autor der entscheidende Unterschied zwischen christlicher Mystik und nicht trinitarischen Formen des Mystizismus.
Das ozeanische Gefühl selbst deutet der Autor deshalb neu. Es ist nicht wirklich ein Aufgehen des Ich, sondern eher ein intensives Ahnen von Verbundenheit mit der Schöpfung. Wäre das Ich tatsächlich ausgelöscht, könnte der Mensch nichts mehr erfahren. Zur Stützung dieser Einsicht verweist der Artikel auf Herder, der zeigt, dass selbst in der Liebe die völlige Verschmelzung von Ich und Du den Genuss und das Bewusstsein aufheben würde. Übertragen auf die Mystik heißt das: Eine Begegnung mit Gott kann nur dann als Glück erfahren werden, wenn das personale Bewusstsein erhalten bleibt.
Im weiteren Verlauf betont der Artikel die Bedeutung des Leibes. Zwar gab es auch in der christlichen Tradition starke asketische und leibkritische Tendenzen, doch die großen Mystiker bezeugen nach Ansicht des Autors gerade keine Verachtung des Leibes, sondern eine leiblich mitvollzogene Gotteserfahrung. Mystische Erlebnisse werden als durchdringend, erschütternd und bis in den Körper hinein wirksam beschrieben. Leibliche Empfindungen wie Schmerz, Glut, Erschütterung oder Trost gehören zur Weise, in der sich das Göttliche dem Menschen mitteilt. Der Leib ist deshalb nicht Gefängnis der Seele, sondern Medium des Weltbezugs, des Mitseins mit anderen und auch der Gottesbeziehung.
Daran schließt die Überlegung an, dass Gott sich dem Menschen nicht in überwältigender Unmittelbarkeit zeigt. Das Verborgensein Gottes dient der Freiheit des Menschen. Würde Gottes Herrlichkeit ständig in voller Klarheit vor Augen stehen, wäre moralische Freiheit kaum mehr möglich. Der Mensch könnte nicht mehr in eigener Verantwortung reifen. Deshalb ist das Dunkel, in dem Gott sich verhüllt, nicht Mangel, sondern Bedingung einer freien Beziehung zu Gott. Auch in intensiven spirituellen Erfahrungen bleibt Gott nur in Bildern, Symbolen und indirekten Weisen erfahrbar.
Besonders ausführlich beschreibt der Artikel, wie der Leib in Gebet, Liturgie und Kontemplation zum Medium der Gottesbeziehung wird. Gebärden wie Knien, Verbeugen, Niederwerfen oder das Schlagen an die Brust sind Ausdrucksformen religiöser Hingabe. Auch Prozessionen, Pilgern, Singen und das Erleben von Weihrauch werden als leiblich sinnliche Formen des Glaubens gedeutet. Der Mensch begegnet Gott nicht nur im Denken, sondern als ganzer leibseelischer Mensch. Religiöse Erfahrung erfasst den ganzen Menschen und bringt sich deshalb oft notwendig im Leib zum Ausdruck.
Auch bei der mystischen Verzückung bleibt der Leib nach Auffassung des Autors ein schützender Filter und zugleich eine Brücke zu Gott. Die Mystiker sprechen deshalb in Bildern des Sehens, Hörens, Schmeckens, Riechens oder Berührens. Diese sogenannte geistige Sinnlichkeit erlaubt es, von Erfahrungen zu sprechen, die sich zwar dem gewöhnlichen Zugriff entziehen, aber dennoch real erlebt werden. Gotteserfahrung bleibt dabei immer menschengemäß vermittelt. Sie ist wirkliche Nähe Gottes, aber keine unmittelbare Schau des göttlichen Wesens in seiner ganzen Fülle.
Im letzten Teil wendet sich der Artikel den systematischen theologischen Konsequenzen zu. Nicht trinitarische Mystik gerät nach Ansicht des Autors leicht in die Nähe des Pantheismus. Wenn alles Endliche nur Ausfluss des Göttlichen ist, verliert die Welt ihren eigenen Selbststand, und der Mensch seine Freiheit. Wenn Gott dagegen dem Endlichen nur äußerlich gegenübersteht, scheint seine Unendlichkeit begrenzt. Das eigentliche theologische Problem lautet also: Wie kann die Welt wirklich eigenständig sein und zugleich ganz von Gott getragen werden.
Hier sieht der Autor die Stärke der Trinitätslehre. Gott ist nicht als starres, in sich abgeschlossenes Sein zu denken, sondern als lebendige Beziehung von Vater, Sohn und Heiligem Geist. In diesem innergöttlichen Leben ist Raumgeben für den anderen bereits angelegt. Deshalb kann Gott auch der Schöpfung Raum geben, ohne sich selbst zu verlieren oder eingeschränkt zu werden. Die Welt steht Gott nicht als fremdes Gegenüber entgegen, sondern wird in die göttliche Liebesbeziehung hineingenommen. So können sowohl die Allmacht Gottes als auch die Freiheit und Würde des Menschen gedacht werden.
Der Artikel endet mit der Folgerung, dass das Materielle und auch der menschliche Leib keine minderwertige Seinsstufe sind, aus der man sich befreien müsste. Die Schöpfung ist vielmehr von Gott gewollt und besitzt Wert und Würde. Trinitarische Mystik ist deshalb keine Flucht aus der Welt, sondern eine vertiefte Begegnung mit Gott, in der der Mensch als Person erhalten bleibt und die Schöpfung in ihrem Eigenwert bestätigt wird.