Der Artikel untersucht die christliche Kalenderrechnung als Ergebnis komplexer historischer und theologischer Prozesse. Ulrike Nagengast zeigt einleitend, wie Menschen Termine für Sicherheit und Struktur nutzen, bevor sie die Relativität und Vielfalt von Zeitmessungssystemen weltweit demonstriert. Der gregorianische Kalender wird als das im deutschsprachigen Westen vorherrschende System vorgestellt, während das Chinesische Neujahrsfest und der islamische Kalender alternative mondbasierte Systeme illustrieren. Das Christentum übernahm zunächst den von Julius Caesar reformierten römischen Kalender mit seinen 365 Tagen und Schalttagen, orientierte sich aber bei der Osterfestberechnung am jüdischen Mondkalender, da Jesus sein letztes Abendmahl als Pesach-Fest feierte. Der jüdische Kalender mit seinem 19-jährigen Metonischen Zyklus prägte daher das christliche Denken ebenso wie der Julianische Sonnenkalender. Verschiedene Zeitzählungen konkurrierten in der Antike: die römische Zählung ab Stadtgründung, die ägyptische Diokletian-Ära und die jüdische Zählung ab der Schöpfung. Theologisch wurde die Sonnenorientierung durch die Gleichsetzung Christi mit der Sonne (Joh 8,12) legitimiert, während die Kirche seit dem dritten Jahrhundert mit dem Mond symbolisiert wurde. Die Berechnung des variablen Osterfestes (zwischen 22. März und 25. April) führte zu innerkirchlichen Auseinandersetzungen und bestimmte abhängige Feste wie Pfingsten und Christi Himmelfahrt. Papst Gregor XIII. korrigierte Ende des 16. Jahrhunderts den Julianischen Kalender zu dem heute gültigen gregorianischen System. Der Artikel demonstriert, dass die christliche Kalenderrechnung Produkt von astronomischen Notwendigkeiten, theologischen Deutungen und historischen Entwicklungen ist.