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Eulenfisch

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Corona und die Aufdeckung kolonialer Denkmuster

Veröffentlichung:1.1.2022

Der Fachartikel „Corona und die Aufdeckung kolonialer Denkmuster“ von Gregor Buß ist im Heft ru heute unter dem Titel „Was der Westen vom afrikanischen Kontinent lernen kann“ enthalten und umfasst 4 Seiten, S. 15 bis 18.

Der Artikel zeigt, dass die Coronapandemie nicht nur gesundheitliche und soziale Krisen verschärft hat, sondern auch verdeckte koloniale Denkmuster sichtbar machte. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum Europa die Erfahrungen, Strategien und Innovationen afrikanischer Länder in der Pandemie kaum beachtet hat. Theologisch behandelt der Beitrag vor allem die Probleme von eurozentrischer Überheblichkeit, der Missachtung fremder Wissensformen, der mangelnden Wahrnehmung des Leids armer Menschen sowie die Verstrickung christlicher Theologie in koloniale Überlegenheitsvorstellungen.

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Der Artikel deutet die Coronapandemie als eine Art Offenbarung. Gemeint ist damit, dass die Krise verborgene Strukturen sichtbar gemacht hat. Sie zeigte einerseits die Verletzlichkeit moderner Gesellschaften, andererseits aber auch ihre Kreativität und ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft. Zugleich wurden durch die Pandemie alte Ungleichheiten verschärft. Der Autor versteht diese Entwicklung als Enthüllung der Wirklichkeit und fragt, welche kolonialen Denkmuster im europäischen Blick auf Afrika dadurch offengelegt wurden.

Afrika dient im Beitrag als Beispielkontinent, um globale Folgen der Pandemie zu verdeutlichen. Der Autor betont, dass die zu Beginn verbreiteten Katastrophenszenarien für Afrika in dieser Form nicht eingetreten seien. Trotz schwerer Belastungen wurde der Kontinent insgesamt weniger stark getroffen als vielfach erwartet. Dafür nennt der Artikel drei Gründe: günstige Voraussetzungen, schnelles politisches Eingreifen und kreative Innovationen.

Zu den günstigen Voraussetzungen zählt der Autor die junge Bevölkerung in vielen afrikanischen Ländern sowie die geringere Verbreitung bestimmter Zivilisationskrankheiten. Auch Lebensbedingungen wie mehr Aufenthalt im Freien und das Zusammenleben älterer Menschen in Familien statt in Heimen hätten das Ansteckungsrisiko verringert. Hinzu kamen Erfahrungen aus früheren Epidemien wie Ebola, Malaria, Zika oder HIV und Aids. Dadurch waren in vielen Ländern Frühwarnsysteme, Notfallpläne und eine stärkere Sensibilität der Bevölkerung bereits vorhanden.

Als zweites hebt der Text das schnelle und entschlossene Handeln vieler afrikanischer Staaten hervor. Uganda wird als Beispiel genannt, weil dort schon im März 2020 ein strenger Lockdown eingeführt wurde. Auch andere Länder reagierten früh mit Einschränkungen, Aufklärungskampagnen und sozialen Hilfsprogrammen. In Kenia gab es etwa finanzielle Entlastungen für ärmere Bevölkerungsgruppen, steuerliche Maßnahmen und zusätzliches Gesundheitspersonal.

Ein dritter Schwerpunkt liegt auf innovativen Lösungen mit einfachen Mitteln. Genannt werden Pooltests in Ruanda und Südafrika, die Umnutzung vorhandener Labore in Kenia, die Entwicklung eines günstigen Testkits in Dakar sowie die stärkere Beachtung traditioneller afrikanischer Medizin. Außerdem verweist der Artikel auf digitale Fortschritte im Gesundheitswesen. In Nigeria wurde das System SORMAS schon früh flächendeckend genutzt, um Infektionsketten besser zu überwachen.

Gleichzeitig verschweigt der Autor nicht die schweren Folgen der Pandemie für Afrika. Viele Gesundheitssysteme waren schlecht ausgestattet. Es fehlte an Intensivbetten und Beatmungsgeräten. Die Lockdowns führten zu wirtschaftlichen Krisen, neuer Verschuldung und großer sozialer Not, besonders für Menschen im informellen Sektor. Lernende konnten über lange Zeit nicht zur Schule gehen, und Programme gegen andere Krankheiten mussten unterbrochen werden. Besonders deutlich zeigt sich globale Ungerechtigkeit laut Artikel bei der Impfkampagne, da Afrika beim Zugang zu Impfstoffen stark benachteiligt war. Deshalb wird die Rede von einer Impfstoff Apartheid aufgegriffen.

Im nächsten Schritt analysiert der Beitrag die europäische Wahrnehmung dieser Entwicklungen. Der Autor kritisiert, dass Afrika in der öffentlichen Diskussion in Deutschland und Europa kaum beachtet worden sei. Das sei nicht nur ein Zeichen von Selbstbezogenheit in der Krise, sondern auch Ausdruck einer tieferen Blindheit. Europa hätte von den Erfahrungen afrikanischer Länder lernen können, habe dies aber kaum getan. Dieses Verhalten deutet der Artikel als epistemische Blindheit oder epistemische Ignoranz. Damit ist gemeint, dass nur das eigene Wissen als wichtig gilt, während das Wissen anderer Gesellschaften als zweitrangig angesehen wird.

Der Autor verbindet diese Haltung mit postkolonialer Kritik. Die Geringschätzung afrikanischer Erfahrungen wird als Fortwirken eurozentrischer Überheblichkeit verstanden. Die Pandemie habe also koloniale Denk und Handlungsmuster offengelegt, die noch immer wirksam seien. Daraus folgert der Text, dass Europa seinen engen Blick überwinden und eine echte Weltperspektive entwickeln müsse. Globaler Wissenstransfer sei notwendig, um Krisen angemessen zu bewältigen.

Diese Blindheit betrifft nach Ansicht des Autors nicht nur das Wissen anderer, sondern auch deren Leid. Europa schirme sich vielfach gegen die Not anderer Regionen ab. Der Text greift dafür die Formulierung vom Schrei der Armen auf und kritisiert, dass viele Hilferufe ungehört bleiben. Darin zeigt sich ein moralisches und theologisches Problem, weil globale Solidarität und Verantwortung verfehlt werden.

Im letzten Teil fragt der Artikel nach tieferen Ursachen dieser Haltung. Mit Bezug auf Immanuel Wallerstein wird erklärt, dass sich seit dem 16. Jahrhundert ein westliches Überlegenheitsgefühl ausgebildet habe. Europa habe seine Expansion mit Zivilisation, Fortschritt und Erziehung gerechtfertigt. Stuart Hall wird herangezogen, um zu zeigen, dass der Westen sich selbst zum Maßstab von Fortschritt gemacht und andere Weltregionen als rückständig dargestellt habe. Dabei habe auch die christliche Theologie eine wichtige Rolle gespielt, weil Mission und Kolonialismus eng miteinander verbunden waren. So sei eine Denkweise entstanden, in der der Westen sich als überlegen verstehe.

Die Coronapandemie habe diese Überheblichkeit erschüttert. Gerade weil Europa sich lange als Vorbild betrachtet habe, sei es eine Kränkung des eigenen Selbstbildes, dass die Krise den Westen besonders hart traf und andere Regionen teilweise erfolgreicher reagierten. Insgesamt fordert der Artikel deshalb mehr Selbstkritik, mehr globale Lernbereitschaft und eine Abkehr von kolonial geprägten Denkweisen.

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