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Eulenfisch

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Weltanschauliche Optionen im Zeitalter der KI

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Fachartikel „Zur Berufung berufen sein“ von Holger Zaborowski ist im Religionspädagogik-Heft ru-heute erschienen und umfasst etwa 6 Seiten. Der Beitrag reflektiert die Bedeutung des christlichen Berufungsbegriffs in einer Zeit, in der dieser Begriff sowohl gesellschaftlich als auch kirchlich an Selbstverständlichkeit verloren hat. Der Artikel behandelt mehrere theologische Probleme, etwa die Krise des Berufungsbegriffs in einer Kultur der Selbstbestimmung, die Frage nach der Erfahrbarkeit eines göttlichen Rufes, das Verhältnis von Berufung und menschlicher Freiheit sowie die Gefahr von Selbsttäuschung oder Missbrauch des Berufungsbegriffs. Zaborowski deutet Berufung als dialogisches Geschehen zwischen Gott und Mensch und als grundlegende Dimension des christlichen Glaubens.

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Der Artikel beschäftigt sich mit der Frage, wie das christliche Verständnis von Berufung heute verstanden werden kann. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass der Begriff der Berufung in der Gegenwart fremd geworden ist. Obwohl das Wort vertraut klingt, wird es nur noch selten verwendet. In einer Gesellschaft, die stark von Selbstbestimmung und individuellen Lebensentscheidungen geprägt ist, erscheint die Vorstellung eines göttlichen Rufes schwer verständlich. Menschen wählen heute ihren Beruf selbst und gestalten ihren Lebensweg nach eigenen Interessen. Deshalb wirkt die Rede von einer Berufung durch Gott für viele Menschen ungewöhnlich oder sogar problematisch.

Auch innerhalb der Kirche ist der Begriff nicht mehr selbstverständlich. Häufig wird von einer Krise der Berufungen gesprochen, besonders im Blick auf Priester oder Ordensberufe. Dabei wird Berufung manchmal wie eine statistische Größe behandelt, deren Zahl zunimmt oder abnimmt. Gleichzeitig hat sich das Verständnis erweitert. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird stärker betont, dass alle Christen zum christlichen Leben berufen sind. Dennoch bleibt der Begriff schwierig, weil er Fragen nach der Freiheit des Menschen und nach der Erfahrung eines göttlichen Rufes aufwirft.

Der Autor zeigt, dass sich viele Probleme ergeben, wenn man über Berufung nachdenkt. Es stellt sich etwa die Frage, wie ein Ruf Gottes überhaupt wahrgenommen werden kann. Manche Menschen vermuten ihn in der Bibel, andere im Gewissen, in Begegnungen mit anderen Menschen oder in bestimmten Ereignissen des Lebens. Gleichzeitig kann der Berufungsbegriff missbraucht werden. Menschen können sich aus Ehrgeiz, Eitelkeit oder Machtstreben zu etwas berufen fühlen. In solchen Fällen wird der Begriff der Berufung zu einer Rechtfertigung eigener Interessen.

Trotz dieser Schwierigkeiten plädiert der Autor dafür, den Begriff nicht aufzugeben. Um ihn zu verstehen, muss zunächst geklärt werden, was mit Berufung gemeint ist. Schon aus einer allgemeinen menschlichen Perspektive stellen sich Fragen nach dem Sinn des Lebens. Menschen fragen sich, welchen Weg sie gehen sollen, was ihrem Leben Halt gibt und welche Aufgabe sie haben. Diese Fragen können als Fragen nach der eigenen Berufung verstanden werden.

Aus christlicher Sicht wird diese Suche noch vertieft. Menschen fragen nach Gottes Plan für ihr Leben und danach, wer sie vor Gott sein sollen. In diesem Zusammenhang wird Jesus Christus zum Vorbild jeder Berufung. Sein Leben zeigt eine Existenz, die ganz auf Gott ausgerichtet ist und zugleich den Menschen zugewandt bleibt. Die Frage nach der Berufung führt daher in das Zentrum des christlichen Glaubens.

Der Autor betont, dass Berufung kein Befehl Gottes ist, dem der Mensch blind folgen muss. Gott ist kein autoritärer Herrscher, der den Menschen zwingt. Vielmehr geschieht Berufung im Dialog zwischen Gott und Mensch. Der Mensch bleibt frei und kann auf den Ruf Gottes antworten oder ihn ablehnen. Die Annahme der Berufung ist daher immer ein Wagnis, weil sie die ganze Person betrifft. Sie verlangt Mut, Vertrauen und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.

Berufung hat außerdem eine kirchliche und gemeinschaftliche Dimension. Die Kirche wird im Neuen Testament als Gemeinschaft der Herausgerufenen verstanden. Menschen werden nicht nur für sich selbst berufen, sondern immer auch mit anderen und für andere. Berufung ist daher kein rein privates Ereignis, sondern steht in Beziehung zur Gemeinschaft der Glaubenden und zur Welt.

Ein weiteres wichtiges Element der Berufung ist die Antwort des Menschen auf Gottes Ruf. In vielen biblischen Berufungsgeschichten antworten Menschen mit den Worten Hier bin ich. Diese Antwort bedeutet, dass der Mensch sich bewusst vor Gott stellt und in eine persönliche Beziehung mit ihm eintritt. Dadurch gewinnt der Mensch eine neue Identität, weil er sich als von Gott angesprochenes und geliebtes Gegenüber erfährt.

Der Ruf Gottes ist nach Zaborowski ein Ruf der Liebe. Gott beruft Menschen, weil er sie liebt, und ruft sie dazu auf, selbst zu lieben. Deshalb ist Berufung immer auf andere Menschen bezogen. Sie führt nicht aus der Welt heraus, sondern in die Welt hinein. Wer berufen ist, soll in der Welt für Gerechtigkeit, Güte und Liebe wirken. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Manche Menschen engagieren sich aktiv in Gesellschaft oder Kirche, andere leben ihre Berufung in stillen Formen des Dienstes oder im Gebet.

Der Autor betont außerdem, dass Gottes Ruf oft nicht spektakulär erscheint. Viele Menschen erwarten außergewöhnliche Zeichen oder besondere Erfahrungen. Doch Gottes Stimme kann auch in der Stille hörbar werden. Gerade im Alltag und in unscheinbaren Situationen kann sich eine Berufung zeigen. Deshalb ist es wichtig, aufmerksam zu sein und Raum für Stille zu lassen.

Abschließend beschreibt der Autor Berufung als ein dynamisches Geschehen zwischen Gott und Mensch. Sie ist kein fester Plan, der einmal festgelegt wird. Vielmehr gleicht sie einem Prozess, der sich im Laufe des Lebens entfaltet. Berufung kann daher mit einem Kunstwerk oder einem Tanz verglichen werden, bei dem Gott und Mensch miteinander in Beziehung treten. So vielfältig wie die Menschen selbst sind auch ihre Berufungen.

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