Der Artikel untersucht, wie Berufung unter den Bedingungen der Gegenwart neu verstanden werden kann. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Lebenswege heute nicht mehr geradlinig verlaufen. Berufung erscheint nicht länger als ein einmal festgelegtes Ziel für das ganze Leben, sondern als ein offener Prozess, der von Umwegen, Lernschritten, Neuorientierungen und Veränderungen geprägt ist. Der Autor verbindet dies mit der Idee des lebenslangen Lernens. Menschen müssen in einer komplexen Welt fortwährend neues Orientierungswissen gewinnen, um ihr Leben sinnvoll zu gestalten. Berufung wird dadurch zu einer Frage, wie Menschen sich selbst und ihr Leben in einer veränderlichen Welt sinnvoll gebrauchen.
Anschließend richtet sich der Blick auf Religion. Man könnte vermuten, dass Religionen mit dieser Aufgabe besonders gut zurechtkommen, weil sie über lange Traditionen und überlieferte Deutungen von Sinn verfügen. Der Autor widerspricht dieser Erwartung. Gerade Religionen hätten Schwierigkeiten, ihre Vorstellung eines umfassenden Lebenssystems aufzugeben, in dem alles schon eingeschlossen ist. In einem solchen System wird der gesamte Lebenssinn innerhalb der religiösen Ordnung definiert. Dadurch fehlt die Offenheit für eine Außenwelt, die neue Erfahrungen und neues Wissen einbringen könnte. Das religiöse System wird so zu einer Art Paralleluniversum, in dem alle Wege in das System hineinführen, aber kaum Wege hinaus.
Von dort aus entwickelt der Artikel das Selbstbestimmungsparadox der Berufung. Dieses Paradox besteht darin, dass religiöse Berufung einerseits Bindung verlangt, andererseits aber in modernen Gesellschaften auch Selbstbestimmung erwartet wird. In der Theologie werde oft gesagt, man müsse diese Spannung aushalten. Der Autor hält das für unzureichend. Er meint, dass die Last der Lösung nicht auf den Einzelnen abgeschoben werden dürfe. Das Problem liege nicht nur im Individuum, sondern im religiösen System selbst, das an überholten und einseitigen Berufungserzählungen festhalte.
Im nächsten Schritt zeigt der Artikel, dass Selbstbestimmung in kirchlicher Lehre und im Kirchenrecht gar nicht im Zentrum steht. An die Stelle von Selbstbestimmung tritt dort die Bestimmung des Gläubigen durch Glauben, Lehre und kirchliche Ordnung. Freiheit wird vor allem als Freiheit verstanden, sich dem Glauben zu unterstellen. Diese Logik findet der Autor nicht nur im Christentum, sondern auch in anderen Religionen. Er beschreibt dies mit dem Begriff der Pastoralmacht. Gemeint ist eine Form wohlwollender Führung, die Menschen im Namen ihres Heils anleitet, diszipliniert und in bestimmte Bahnen lenkt.
Daraus ergibt sich die enge Verbindung von Erlösungswissen und Herrschaftswissen. Religiöse Systeme bieten nicht nur Deutungen des Lebens und der Erlösung an, sondern auch Regeln zur Selbstführung und zur Führung anderer. Dadurch wird festgelegt, wie Menschen sich zu verhalten haben, um auf dem richtigen Weg zu bleiben. Problematisch wird dies dort, wo das verfügbare Wissen fast nur aus den eigenen Quellen des Systems stammt. Dann fehlt der Bezug zur Welt außerhalb des Systems, obwohl diese Welt sich ständig verändert. Lebenslanges Lernen bleibt dann auf innerreligiöse Erfahrungen beschränkt und führt nicht zu echter Offenheit.
Der Autor betont daher die Bedeutung von Orientierungswissen. Menschen müssen sich in ihrer Welt zurechtfinden können. Dazu genügt es nicht, nur die Regeln des Systems zu kennen. Sie müssen auch sich selbst gebrauchen können, sich wahrnehmen und sich aktiv orientieren. Mit Kant erklärt der Artikel, dass Orientierung immer auch einen subjektiven Bezugspunkt voraussetzt. Wer seinen Weg finden will, muss nicht nur äußere Daten kennen, sondern auch von sich selbst Gebrauch machen. Daraus leitet der Autor ab, dass Berufungspastoral heute mehr leisten müsste als bloße Weitergabe von Erlösungswissen. Sie müsste Menschen dazu befähigen, Orientierung in einer offenen und komplexen Welt zu gewinnen.
Im weiteren Verlauf kritisiert der Artikel die Idealisierung religiöser Berufungswirklichkeit. Wenn ein System nicht wirklich lernt, bleibt oft nur die Flucht in hohe Ideale. Dann entstehen Bilder vom vollkommenen Einzelnen oder von der vollkommenen Gemeinschaft, die in der Realität kaum erreichbar sind. Lernende erfahren dadurch vor allem, dass sie scheitern und den Anforderungen nie ganz genügen. Statt wirkliches Orientierungswissen aufzubauen, kommt es zu einem Vermeidungslernen. Menschen beschäftigen sich dann ständig damit, die Kluft zwischen Wirklichkeit und Ideal zu überbrücken. Dies kann in eine besondere Form von Werkfrömmigkeit führen, in der Aktivität, Leistung und Anerkennung immer wichtiger werden, ohne dass das System selbst dazulernt.
Der Artikel zeigt außerdem, dass auch die Bindung an Gegenstände, Formen und perfekte Vollzüge dieses Problem nicht löst. Weder schöne liturgische Formen noch ein besonders korrekter Vollzug religiöser Praxis können eine Berufungskrise beheben. Vielmehr werde sichtbar, dass heute viele engagierte Menschen ihre Energie lieber in gesellschaftliche Bewegungen einbringen, etwa beim Klima oder bei Migration. Dort geht es nicht um Erlösungswissen, sondern um praktisches Orientierungswissen für die konkrete Welt. Genau darin sieht der Autor eine Herausforderung für Staat und Religion. Berufung wird zum Prüfstein dafür, ob ein System in der Lage ist, fruchtbares Weltwissen bereitzustellen und sich selbst zu reformieren.
ommt der Artikel zu dem Schluss, dass die Frage nach der Berufung heute nicht mehr als reine Eignungsfrage des Einzelnen verstanden werden darf. Sie verweist vielmehr auf den Reformbedarf der Systeme selbst. Sowohl Religion als auch andere Institutionen müssten lernen, offener mit Welt, Freiheit, Lernen und Selbstbestimmung umzugehen. Nur dann könne Berufung in der Gegenwart als lebenslanger, lernoffener und wirklich tragfähiger Prozess verstanden werden.