Der Artikel ordnet biblische Wundergeschichten zunächst in den größeren Zusammenhang kultureller Bildung ein. Geschichten werden als elementare Form menschlicher Tradierung verstanden, weil sie Vergangenheit vergegenwärtigen und Zukunft eröffnen. Die Bibel erscheint dabei nicht nur als Kulturgut, sondern als Textsammlung mit heilsamer Anrede. Deshalb reichen rein lesende oder sachanalytische Zugänge zu neutestamentlichen Wundergeschichten nach Auffassung der Autorin nicht aus. Sie plädiert stattdessen für eine performative Aneignung, bei der das Erzählte in körperliche Erfahrung übersetzt wird. Lernende sollen die Geschichte nicht nur verstehen, sondern sich in sie hineinstellen und sie mit dem eigenen Leib, mit Bewegung und Sprache erfahren.
Als methodische Grundstruktur nennt der Artikel drei Schritte. Zunächst stehen einleitende Körperübungen, die körperliche Erfahrungen aktivieren und für die Situation der Erzählfiguren sensibilisieren. Danach folgen choreographische Skizzen, in denen Bewegungen, Räume, Distanzen und Beziehungen der beteiligten Personen gestaltet werden. Schließlich wird die rhetorische Gestaltung der gesprochenen Worte einbezogen. Durch Sprechtempo, Lautstärke und Intonation kann die Textbotschaft unterschiedlich akzentuiert und erschlossen werden.
Im Zentrum steht die Erzählung von der Heilung eines Aussätzigen in Mk 1,40 bis 45. Der Artikel erinnert daran, dass Aussätzige in biblischer Zeit nicht nur krank waren, sondern sozial und kultisch ausgeschlossen wurden. Mit Verweis auf Lev 13 wird gezeigt, dass sie abgesondert leben mussten und als unrein galten. Dahinter stand auch ein theologisches Deutungsmuster, wonach Krankheit als Folge von Schuld und als Zeichen einer gestörten Gottesbeziehung verstanden werden konnte. Dadurch wurde der betroffene Mensch doppelt belastet, nämlich körperlich und religiös.
Für den Unterricht schlägt die Autorin als Einstieg eine Körperübung vor, bei der sich alle Beteiligten im Raum ausweichen müssen. Auf diese Weise wird die Distanz zwischen Gesunden und Ausgegrenzten körperlich erfahrbar. Die Übung macht deutlich, wie Anspannung, Unsicherheit und Angst Beziehungen prägen können. So wird ein Zugang zur Lebenssituation des Aussätzigen eröffnet.
In der choreographischen Erschließung der Markuserzählung legt der Artikel besonderes Gewicht auf die Frage, wie sich der Aussätzige Jesus nähert. Die Autorin entwickelt die Möglichkeit, dass der Kranke Jesus von hinten überholt, sich vor ihn wirft und ihm so den Weg verstellt. Diese Inszenierung betont nicht Verehrung, sondern Verzweiflung und totale Auslieferung. Zugleich zeigt sie, dass Jesus dem Kranken nicht ausweicht, sondern sich ihm zuwendet und damit seine eigene Sicherheit aufgibt. In dieser Zuwendung sieht der Artikel bereits einen Vorausblick auf Jesu Passion, weil Jesus sich dem Leiden eines anderen aussetzt.
Der kurze Dialog zwischen Jesus und dem Aussätzigen wird rhetorisch und theologisch intensiv ausgelegt. Die Bitte des Kranken macht seinen Glauben an Jesu Vollmacht deutlich. Jesu Antwort „Ich will“ wird mit dem schöpferischen Gotteswort aus Gen 1 verbunden. Damit zeichnet Markus Jesus als menschgewordenes Wort Gottes, das die Macht der Krankheit durch sein Sprechen aufhebt. Der Zuspruch „Sei rein“ bedeutet deshalb nicht nur körperliche Heilung, sondern auch die Befreiung von der religiös verinnerlichten Vorstellung, vor Gott unrein und verworfen zu sein. Heilung wird so als Wiederherstellung einer gestörten Gottesbeziehung verstanden.
Besonders wichtig ist dem Artikel die Berührungsgeste Jesu. Da Jesus den Kranken berührt, bevor er das Heilungswort spricht, wird deutlich, dass Heilung mit vorbehaltloser Annahme beginnt. Die Autorin fragt, wie diese Geste szenisch angemessen dargestellt werden kann, und schlägt vor, Jesus könne den am Boden liegenden Kranken aufrichten und ihm in unmittelbarer Nähe begegnen. So wird die Überwindung der Kontaktsperre sichtbar. Heilung erscheint dann als Befreiung aus sozialer Isolation und als Wiedergewinnung von Nähe, Würde und Beziehung.
Der Artikel enthält außerdem eine freie Nacherzählung der Perikope, die als Regieanweisung für eine performative Umsetzung dienen kann. Diese Nacherzählung entfaltet die Innenwelt des Aussätzigen besonders anschaulich. Seine Scham, seine Einsamkeit, seine Sehnsucht nach Berührung und seine Hoffnung auf Reinigung werden in dichter Sprache ausgemalt. Dadurch wird die Geschichte emotional vertieft und für Lernende existentiell zugänglich gemacht.
Im letzten Teil verweist die Autorin auf Patrick Roths Christusnovelle „Riverside“, die die Heilung des Aussätzigen literarisch in den Kontext der Passion Jesu überträgt. An dieser literarischen Relektüre zeigt sie, dass biblische Stoffe weitergeschrieben werden können und gerade dadurch ihre existentielle Kraft behalten. Entscheidend bleibt, dass Überlieferung nicht äußerlich bleibt, sondern zu einer im Körper und in der Erinnerung eingeschriebenen Erfahrung wird. Insgesamt versteht der Artikel performative Bibeldidaktik als eine Form, in der Heilung, Befreiung, Gottesnähe und menschliche Würde nicht nur besprochen, sondern leibhaft erfahren und reflektiert werden.