Der Artikel beschäftigt sich mit der theologischen Bedeutung des Pilgerns. Der Autor kritisiert zunächst, dass Pilgern heute häufig ohne klare theologische Reflexion verstanden wird. In der modernen Gesellschaft wird das Unterwegssein oft allgemein als Suche nach sich selbst beschrieben. Dadurch verschwimmt jedoch der Unterschied zwischen gewöhnlichem Reisen und religiösem Pilgern. Eine zentrale Frage lautet deshalb, wodurch ein Weg eigentlich zu einem Pilgerweg wird und warum das Unterwegssein eine besondere Nähe zu Gott schaffen soll.
Um eine theologische Grundlage für das Pilgern zu finden, greift der Autor auf den Kirchenvater Augustinus zurück. Dieser lebte in einer Zeit, in der das Christentum noch eine Minderheit in der Gesellschaft darstellte. Nach der Eroberung Roms durch die Westgoten wurde den Christen vorgeworfen, ihr Gott habe das Reich nicht schützen können. Augustinus reagierte darauf mit seinem Werk De civitate Dei. Darin erklärt er, dass Christen in dieser Welt als Pilger leben. Sie gehören nicht zur irdischen Bürgerschaft, sondern zur Bürgerschaft Gottes. Ihre eigentliche Heimat liegt nicht in dieser Welt, sondern in der zukünftigen Gottesstadt.
Augustinus verwendet dafür den Begriff des Pilgers aus dem römischen Recht. Pilger waren Menschen, die ihre ursprüngliche Heimat verlassen hatten und sich in einem fremden Gebiet aufhielten. Sie hatten eingeschränkte Rechte und lebten gewissermaßen als Fremde. Dieses Bild überträgt Augustinus auf Christen. Auch wenn sie mitten in der Gesellschaft leben, gehören sie in Wahrheit zu einer anderen Bürgerschaft. Ihr Leben ist auf ein zukünftiges Ziel ausgerichtet.
Der Autor erläutert weiter, dass Augustinus zwei Arten von Bürgerschaft unterscheidet. Die irdische Bürgerschaft strebt nach Frieden durch Macht, Ordnung und Unterwerfung. Dieser Frieden ist jedoch immer vorläufig und von Konflikten bedroht. Die göttliche Bürgerschaft hingegen zielt auf den endgültigen Frieden bei Gott. Christen können sich deshalb niemals vollständig mit den bestehenden Verhältnissen zufriedengeben, weil ihre Hoffnung über die Welt hinausweist.
Gleichzeitig sollen Christinnen und Christen weiterhin Teil der Gesellschaft bleiben. Sie sollen die Gesetze respektieren und zum gemeinsamen Frieden beitragen. Dennoch müssen sie sich innerlich als Fremde verstehen, weil ihr eigentliches Ziel das Reich Gottes ist. Diese Spannung zwischen Zugehörigkeit zur Gesellschaft und Distanz zu ihr prägt nach Augustinus die christliche Existenz.
Der Artikel beschreibt auch die Konsequenzen dieses Pilgerverständnisses für das Leben der Gläubigen. Christen sollen die Dinge der Welt gebrauchen, sich aber nicht von ihnen abhängig machen. Besitz, Macht und Anerkennung dürfen nicht zum höchsten Ziel werden. Entscheidend ist vielmehr die Hoffnung auf das kommende Reich Gottes. Diese Hoffnung gibt Kraft, auch Schwierigkeiten und Verfolgung zu ertragen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Frage nach dem Heil. Augustinus betont, dass die Gemeinschaft der Pilger nicht einfach mit der sichtbaren Kirche identisch ist. Niemand kann sicher wissen, wer wirklich zur Bürgerschaft Gottes gehört. Auch Menschen außerhalb der Kirche könnten dazu gehören, während manche innerhalb der Kirche nicht zu ihr zählen. Letztlich entscheidet Gottes Gnade.
Der Autor zeigt jedoch auch problematische Seiten von Augustinus auf. Seine Lehre von einem endgültigen Gericht mit ewiger Glückseligkeit oder ewiger Verdammnis erscheint heute vielen schwer nachvollziehbar. Dennoch bleibt seine Idee der Pilgerschaft bedeutsam. Sie beschreibt eine Lebensform, in der Christinnen und Christen sich nicht vollständig mit den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen identifizieren, sondern von einer größeren Hoffnung geprägt sind.
Am Ende zieht der Autor eine Verbindung zur Gegenwart. In einer zunehmend säkularen Gesellschaft könnten Christen wieder eine ähnliche Situation erleben wie in der frühen Kirche. Sie leben mitten in der Gesellschaft, bleiben aber zugleich Fremde. In diesem Sinne bezeichnet der Autor die Pilger metaphorisch als Aliens. Gemeint ist damit, dass sie nicht ganz zu dieser Welt gehören, weil ihre Hoffnung auf eine andere Wirklichkeit ausgerichtet ist.