Der Artikel geht von der Formel Wir schaffen das aus und deutet sie als Ausdruck einer Krise und zugleich als Versprechen ihrer Bewältigung. Anhand von Fluchtbewegungen, Pandemie, Klimakrise und Krieg zeigt er, dass moderne Gesellschaften immer stärker auf Solidarität angewiesen sind. Dabei reicht es nicht, Solidarität nur zu fordern. Es muss auch geklärt werden, woraus sie sich speist und wie sie konkret getragen werden kann. Der Text greift dazu die Überlegungen von Jürgen Habermas auf, der nach Kräften fragt, die in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für verletzte Solidarität wachhalten können. In diesem Zusammenhang wird Religion als mögliche Ressource für gesellschaftlichen Zusammenhalt in den Blick genommen.
Im nächsten Schritt entfaltet der Artikel das Solidaritätsprinzip als Grundbegriff christlicher Sozialethik. Ausgangspunkt ist die christliche Überzeugung, dass Menschen Verantwortung füreinander tragen. Diese Idee wird mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter verbunden, reicht aber über das persönliche Handeln hinaus. Solidarität soll nicht nur im direkten zwischenmenschlichen Bereich gelten, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen prägen. Daraus entstanden in der christlichen Sozialethik die Prinzipien Personalität, Solidarität und Subsidiarität. Historisch wird gezeigt, dass sich das moderne Solidaritätsverständnis besonders im Zusammenhang mit Industrialisierung, sozialer Not und Arbeiterbewegung entwickelt hat. Solidarität bedeutet hier nicht bloß freiwillige Hilfe, sondern einen Anspruch auf gerechte Teilhabe und materielle Sicherung.
Anschließend erläutert der Artikel, wie das Solidaritätsprinzip theoretisch und praktisch in die Soziale Marktwirtschaft eingegangen ist. Nach den Erfahrungen der sozialen Verwerfungen des 19. Jahrhunderts und des Zweiten Weltkriegs wurde in der Bundesrepublik versucht, Freiheit des Marktes und sozialen Ausgleich miteinander zu verbinden. Die Soziale Marktwirtschaft wird deshalb als Wirtschaftsordnung beschrieben, die wirtschaftliche Effizienz mit sozialer Gerechtigkeit verknüpfen soll. Der Markt bleibt wichtig, aber er darf nicht sich selbst überlassen bleiben. Staatliche und rechtliche Rahmenbedingungen sollen dafür sorgen, dass auch schwächere Mitglieder der Gesellschaft abgesichert werden und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Der Artikel macht deutlich, dass diese Ordnung nicht nur auf wirtschaftlicher Vernunft beruht, sondern auch auf Wertüberzeugungen wie Menschenwürde und Solidarität.
Besonders wichtig ist dem Text die Einsicht, dass Solidarität in einer demokratischen Gesellschaft nicht allein formal beschlossen werden kann. Sie muss von einer breiten Zustimmung getragen sein. Menschen müssen also nicht nur rechtlich, sondern auch innerlich bereit sein, die Lasten des Zusammenlebens gemeinsam zu tragen. Darum kommt christlichen Gemeinschaften nach Ansicht der Autoren eine wichtige Aufgabe zu. Sie können das Bewusstsein dafür stärken, dass Menschen nicht nur nebeneinander leben, sondern als Nächste aufeinander bezogen sind.
Zum Schluss unterscheidet der Artikel drei Verständnisse von Gemeinschaft und Solidarität. Ein erstes Verständnis sieht Menschen vor allem als eigennützige Einzelne, die sich nur aus Selbstschutz an Regeln halten. Ein zweites Verständnis erkennt zwar gegenseitige Rechte an, bleibt aber bei einem eher distanzierten Nebeneinander. Ein drittes und aus christlicher Sicht vorzugswürdiges Verständnis versteht Gemeinschaft als positive wechselseitige Unterstützung, in der das Wohl aller gefördert werden soll. Dieses starke Solidaritätsverständnis gründet theologisch in der gleichen Würde aller Menschen, in ihrer Gottesebenbildlichkeit und in Gottes befreiender Zuwendung zu allen. Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass christliche Ethik und christliche Praxis einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, weil sie Solidarität nicht nur fordern, sondern auch inhaltlich vertiefen und motivieren.