Der Artikel setzt sich mit der verbreiteten Meinung auseinander, die Kirche solle sich auf Predigt, Gottesdienst und Verkündigung konzentrieren und ihr soziales Engagement eher zurückstellen. Ursula Nothelle Wildfeuer widerspricht dieser Sicht entschieden. Ausgehend von Impulsen aus dem Schreiben Evangelii gaudium von Papst Franziskus zeigt sie, dass die Sorge für Arme, Ausgeschlossene und Menschen an den Rändern der Gesellschaft nicht nebensächlich ist, sondern zum Kern der christlichen Botschaft gehört.
Im ersten Teil beschreibt die Autorin das Bild einer Kirche im Aufbruch. Franziskus ruft zu einer missionarischen Kirche auf, die nicht um sich selbst kreist, sondern hinausgeht zu den Menschen an den geografischen und existentiellen Grenzen. Gemeint sind nicht nur entfernte Orte, sondern auch Lebenssituationen von Schuld, Schmerz, Ungerechtigkeit, Unwissenheit, fehlender religiöser Praxis und Elend. Die Kirche soll sich nicht in sich selbst verschließen oder sich auf einen kleinen geschützten Rest zurückziehen. Vielmehr soll sie Initiative ergreifen, auf die Fernen zugehen und Ausgeschlossene einladen. In diesem Zusammenhang deutet die Autorin die Gesten des Papstes, etwa die Fußwaschung im Gefängnis, als sichtbare Zeichen einer Kirche, die aus ihrem Binnenraum herausgeht. Daraus ergibt sich eine Umkehrung der gewohnten Perspektive. Das, was oft als Randbereich kirchlichen Handelns angesehen wird, wird zum Mittelpunkt. Wo die Kirche sich den Ausgeschlossenen zuwendet, dort verkündet sie das Evangelium.
Im zweiten Teil entfaltet der Artikel die Forderung von Papst Franziskus nach einer armen Kirche für die Armen. Die Autorin macht deutlich, dass dies nicht nur eine moralische Empfehlung ist, sondern eine theologische Grundentscheidung. Die Option für die Armen ist für sie keine Nebensache, sondern ein Perspektivwechsel, der das gesamte kirchliche Selbstverständnis betrifft. Kirche kann nach dieser Sicht nur dann wirklich Kirche sein, wenn sie arm ist und sich den Armen zuwendet.
Dazu unterscheidet die Autorin verschiedene Formen von Armut. Zunächst spricht sie über wirtschaftliche Armut. Diese ist als Mangel an Mitteln, Chancen und Teilhabe zu verstehen und muss aus Gründen der Menschenwürde und Gerechtigkeit überwunden werden. Der Einsatz für arme Menschen darf jedoch nicht ideologisch verkürzt oder nur auf Hilfsprogramme reduziert werden. Es geht ebenso um persönliche Zuwendung, Aufmerksamkeit und Anerkennung. Zugleich verweist die Autorin auf eine zweite Form, die kreatürliche und geistliche Armut. Damit ist gemeint, dass der Mensch nicht aus sich selbst lebt, sondern auf andere und letztlich auf Gott angewiesen ist. Diese Armut ist keine Schwäche, sondern Ausdruck menschlicher Geschöpflichkeit und Offenheit für Gottes Heil. In diesem Sinn werden die Armen selig gepriesen, weil sie in besonderer Weise zeigen, dass Erlösung nicht aus eigener Leistung kommt.
Von hier aus entwickelt die Autorin das Bild einer armen Kirche. Eine arme Kirche ist nicht einfach eine mittellose Kirche, sondern eine Kirche, die sich nicht um ihre eigene Macht, ihre Mittel und ihre Selbsterhaltung dreht. Sie ist transparent auf Gott hin und gibt weiter, was sie empfangen hat. Gerade dadurch wird sie zum Zeichen des Heils. Die Begegnung mit den Armen ist in dieser Sicht nicht nur sozial motiviert, sondern eröffnet Gottesbegegnung. Die Sorge für arme Menschen ist deshalb kein minderwertiger Bereich kirchlichen Handelns, sondern Ausdruck des sakramentalen Charakters der Kirche.
Im dritten Teil richtet sich der Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen Kirche handelt. Die Autorin zeigt, dass Papst Franziskus in scharfer Form Kritik an einem Wirtschaftssystem übt, das Menschen ausschließt und ihre Würde verletzt. Seine berühmte Aussage, diese Wirtschaft töte, wird als prophetische Sozialkritik verstanden. Es geht ihm nicht nur um Ausbeutung, sondern vor allem um Exklusion. Menschen werden nicht bloß benachteiligt, sondern aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Teilhabe ausgeschlossen. Sie werden gleichsam zu Abfall einer Wegwerfgesellschaft.
Die Autorin betont, dass Franziskus keine bloß ökonomische Analyse vorlegt, sondern im Namen des Evangeliums die Würde des Menschen verteidigt. Die soziale Frage gehört deshalb nicht an den Rand der kirchlichen Botschaft, sondern in ihre Mitte. Die Kirche muss einer Wirtschaft widersprechen, die Geld vergötzt, Märkte absolut setzt und soziale Ungleichheit vertieft. Sie ist aufgerufen, für eine Ordnung einzutreten, in der das Gemeinwohl und die Würde des Menschen Vorrang haben. Dabei geht es nicht nur um Barmherzigkeit im Sinn einzelner Hilfeleistungen, sondern auch um gerechte Strukturen. Der Einsatz für Arme umfasst also sowohl konkrete Gesten der Solidarität als auch die Veränderung der Ursachen von Armut.
Im Fazit macht der Artikel deutlich, dass die Sorge um Menschen an den Rändern nicht etwas Zusätzliches neben dem Eigentlichen ist. Gerade dort, wo die Kirche für Arme, Ausgeschlossene und Benachteiligte eintritt, wird der Kern der christlichen Heilsbotschaft sichtbar. Die Mitte des Evangeliums zeigt sich nicht in einer Abgrenzung gegen die Welt, sondern in der Hinwendung zu den Menschen, besonders zu denen, die an den Rand gedrängt werden. So wird die Kirche transparent auf Christus hin, der selbst in den Armen gegenwärtig ist.