Der Artikel geht von der Einsicht aus, dass Theologie und Philosophie Fragen stellen, die sich empirisch nicht klären lassen, insbesondere die Frage nach dem Sinn der Geschichte. Diese Frage ist historisch gewachsen und wurde vor allem durch jüdisch christliches Denken geprägt. Die Vorstellung, dass Geschichte einen letzten Sinn hat, führt zu der These, dass Geschichte ein möglicher Ort der Gottesbegegnung ist.
Zunächst wird das biblische Konzept der Heilsgeschichte dargestellt. Im Unterschied zu anderen antiken Kulturen verstehen Israel und das Christentum Geschichte nicht als zyklischen Ablauf, sondern als zielgerichteten Prozess. Entscheidende Ereignisse wie Exodus, Bundesschluss oder prophetische Geschichte werden als Handeln Gottes interpretiert. Auch die Verkündigung Jesu steht in diesem Zusammenhang, indem die Gottesherrschaft als gegenwärtiges und zukünftiges Handeln Gottes verstanden wird. Geschichte erhält dadurch eine Richtung und ein Ziel.
Im Vergleich dazu sehen griechische und altorientalische Kulturen Geschichte eher als Wiederholung oder als Spiegel kosmischer Ordnung. Das biblische Denken hingegen verbindet Anfang und Ende der Geschichte und deutet die Vergangenheit als Vorbereitung auf eine erfüllte Zukunft. Daraus entsteht die Vorstellung, dass Gott nicht nur Schöpfer, sondern auch Herr der Geschichte ist.
Der Artikel zeigt jedoch auch die Grenzen dieses Denkens auf. Die Stärke der Heilsgeschichtsvorstellung liegt in ihrer Zukunftsorientierung und ihrer ethischen Kraft. Sie motiviert zu Hoffnung und verantwortlichem Handeln. Gleichzeitig verliert diese Perspektive in der Moderne an Überzeugungskraft, weil die Erwartung göttlicher Zukunft verblasst und durch säkulare Fortschrittsideen ersetzt wird.
Ein zentrales Problem ist die historische Kritik an biblischen Texten. Viele biblische Ereignisse lassen sich historisch nicht eindeutig nachweisen, was die Verbindlichkeit der heilsgeschichtlichen Deutung infrage stellt. Zudem stellt sich die Frage, wie Gottes Handeln angesichts von Leid und Katastrophen verstanden werden kann. Das Theodizeeproblem macht deutlich, dass Geschichte nicht nur Heilsgeschichte, sondern auch Unheilsgeschichte ist.
Als Antwort schlägt der Autor einen Perspektivwechsel vor. Statt Geschichte im großen Maßstab als Ort der Gottesbegegnung zu deuten, soll stärker die individuelle Lebensgeschichte in den Blick genommen werden. In der Biographie des einzelnen Menschen kann Gottes Wirken erfahrbar werden. Das bedeutet, dass Menschen ihr Leben als Gabe verstehen und auch schwierige Erfahrungen in einen sinnhaften Zusammenhang einordnen können.
Gottesbegegnung geschieht somit nicht nur in großen historischen Ereignissen, sondern in der persönlichen Lebensdeutung. Entscheidend ist dabei, wie Menschen ihre Erfahrungen verstehen und verarbeiten. In dieser biographischen Perspektive kann sich die Idee der Heilsgeschichte in veränderter Form erhalten und neu erschließen.