Der Artikel setzt bei der Spannung an, dass die Heiligenverehrung von außen oft als überholt, unaufgeklärt oder abergläubisch angesehen wird, während sie für viele Gläubige ein selbstverständlicher und lebendiger Teil ihres Glaubensalltags ist. Julia Knop will diese Gegenüberstellung theologisch einordnen. Sie betont zunächst, dass die Verehrung der Heiligen nicht zum innersten Kern des Glaubens gehört. Christsein entscheidet sich nicht daran, ob jemand eine besondere Beziehung zu Heiligen hat, sondern daran, ob ein Mensch in seinem Leben Christus nachfolgt und seiner eigenen Berufung zur Heiligkeit entspricht. Gerade deshalb muss das Thema Heilige weder überhöht noch abgewertet, sondern in das Ganze des christlichen Glaubens eingeordnet werden.
Die Autorin zeigt dann, dass die Beschäftigung mit Heiligen wichtige Einsichten über Gott, Christus und die Kirche eröffnet. Wer von Heiligen spricht, setzt voraus, dass Gott nicht fern und weltlos ist, sondern in der Geschichte und im Leben konkreter Menschen wirksam werden kann. Heilige bezeugen, dass das Reich Gottes nicht nur eine jenseitige Hoffnung ist, sondern schon im Leben von Menschen sichtbar werden kann. Dadurch wird ein bestimmtes Verständnis von Christus deutlich, denn Heiligkeit bedeutet im christlichen Sinn gelingende Nachfolge Christi. Auch die Aussagen über Maria sind nicht losgelöst zu verstehen, sondern immer auf Christus bezogen.
Im weiteren Verlauf entfaltet der Artikel den Begriff des Heiligen. Religionswissenschaftlich erscheint das Heilige oft als das ganz Andere, als eine Macht, die dem Menschen gegenübersteht und ihn zugleich fasziniert und erschreckt. Die biblische Tradition geht darüber hinaus. Sie unterscheidet zwar zwischen heilig und profan, trennt beides aber nicht absolut. Gott ist der Heilige, doch die Welt und die Geschichte sind der Ort, an dem Menschen Gott begegnen können. In Jesus Christus ist diese Verbindung von Gott und Welt in einzigartiger Weise verwirklicht. Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch und damit die entscheidende Stelle, an der Gottes Heil in der Welt gegenwärtig wird. Wer zu Christus gehört, hat Anteil am Heiligen Gottes. So versteht die Autorin auch die Gemeinschaft der Heiligen.
Daran anschließend beschreibt sie das christliche Verständnis von Schöpfung und Geschichte. Die Welt ist nicht böse und auch nicht göttlich, sondern von Gott frei gewollt. Gerade weil sie nicht Gott ist, besitzt sie Eigenständigkeit und Würde. Dennoch bleibt sie offen für Gottes Wirken. Darum kann die Begegnung zwischen Gott und Mensch wirklich in der Geschichte geschehen. Diese Begegnung geschieht nie unvermittelt, sondern immer durch geschöpfliche Wirklichkeit, also etwa durch Menschen, durch Wort und Sakrament oder durch konkrete Ereignisse. Naturwissenschaftliche Erklärungen können diese Glaubensaussagen weder beweisen noch widerlegen, weil Gottes Wirken nicht als messbarer Gegenstand erfasst werden kann.
Ein besonderer Schwerpunkt des Artikels liegt auf Maria. Maria wird nicht verehrt, weil sie eine Ergänzung zu Gott oder eine weibliche Seite Gottes darstellen würde, sondern weil ihre Bedeutung ganz aus Christus hervorgeht. Der Titel Gottesgebärerin soll vor allem ausdrücken, wer Jesus Christus ist. Maria steht für die freie Zustimmung des Menschen zu Gottes Heilshandeln. In ihrem Ja wird sichtbar, dass Gottes Heil nicht am Menschen vorbei geschieht, sondern seine freie Antwort einschließt. Maria ist deshalb ein herausragendes Beispiel dafür, wie ein Mensch in seiner ganzen Person auf Gott hin durchsichtig werden kann. Auch die marianischen Dogmen deutet die Autorin nicht isoliert, sondern als Entfaltung des Glaubens an Christus, an die Gnade Gottes und an die Vollendung des Menschen bei Gott.
Heiligkeit wird im Artikel nicht als moralische Fehlerlosigkeit verstanden. Heilige sind keine übermenschlichen Helden ohne Schwächen, sondern Menschen, in deren konkretem Leben die Gemeinschaft mit Christus sichtbar geworden ist. Auch Heilige bleiben fehlbare Menschen ihrer Zeit. Heiligkeit bedeutet daher vor allem gelungene Christusnachfolge. Ebenso ist die Heiligkeit der Kirche nicht als moralische Vollkommenheit ihrer Mitglieder zu begreifen. Die Kirche ist heilig, weil sie auf Christus bezogen ist und weil Christus in ihr gegenwärtig ist. Darum kann die Kirche trotz ihrer sichtbaren Schwächen und Fehler in einem abgeleiteten Sinn heilig genannt werden.
Von hier aus erklärt die Autorin auch die Praxis der Heiligsprechung. Wenn die Kirche Menschen kanonisiert, ehrt sie nicht nur diese Person, sondern bringt zugleich etwas über sich selbst zum Ausdruck. Sie bekennt damit, dass Gottes Gnade im Leben von Menschen wirklich wirksam werden kann und dass christliche Existenz gelingen kann. Die Heiligsprechung ist also eine positive Aussage über einen Menschen in der Gemeinschaft mit Christus, aber keine abschließende Aussage darüber, wer sonst noch bei Gott ist. Heilige sind gewissermaßen öffentlich erkennbare Beispiele dafür, wie Kirche ihre Berufung lebt.
Zum Schluss deutet der Artikel die Verehrung der Heiligen und ihre Anrufung um Fürsprache als Gemeinschaft der Glaubenden über den Tod hinaus. Heilige stehen nicht zwischen Gott und Mensch wie eine Art Vermittlungsstelle. Christus bleibt der einzige Heilsmittler. Die Fürbitte der Heiligen ist nur deshalb denkbar, weil in Christus die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch schon begründet ist. Beten bedeutet außerdem nicht, Gott umzustimmen, sondern sich selbst tiefer auf Gottes Willen auszurichten. Auch das Rosenkranzgebet versteht die Autorin in diesem Sinn als eine auf Christus ausgerichtete Form des Betens. Insgesamt verteidigt der Artikel die Heiligenverehrung als Ausdruck des Glaubens daran, dass Gott konkret in der Welt handelt und Menschen befähigt, mit ihrem Leben auf ihn zu verweisen. Heilige machen sichtbar, dass die ganze Welt dazu berufen ist, Ort der Begegnung mit Gott zu werden.