Der Artikel geht von der Beobachtung aus, dass Weihnachten für viele Jugendliche und junge Erwachsene eine große Bedeutung hat. Dabei prägen Familie, Gottesdienst und vertraute Weihnachtssymbole wie Baum, Geschenke und Krippe das gängige Weihnachtsbild. Dominik Meiering zeigt jedoch, dass die christliche Kunst weit über dieses bürgerliche Idealbild hinausgeht. Bilder der Geburt Christi sind für ihn nicht bloße Illustrationen der biblischen Erzählung, sondern eigenständige Deutungen des Glaubensgeheimnisses der Menschwerdung Gottes. Sie machen sichtbar, wie Künstlerinnen und Künstler die biblischen Texte verstanden haben und welche theologischen Aussagen sie mit ihren Bildern verbinden.
Zunächst erklärt der Autor, dass sich die Motive der christlichen Weihnachtsdarstellungen aus den Evangelien, aus apokryphen Kindheitsevangelien und aus späteren Legendentexten entwickelt haben. Bilder besitzen dabei eine eigene Sprache. Sie geben das schriftlich Überlieferte nicht einfach wieder, sondern formulieren es auf ihre Weise neu. Deshalb sind sie ein eigenes Medium der Glaubensvermittlung.
Am Beispiel der Geburt Christi im Codex Aureus von Echternach zeigt Meiering, dass Weihnachtsdarstellungen nicht nur eine idyllische Szene mit Krippe, Stall und Hirten meinen. Das Bild stellt Maria und Josef in einer Architektur dar, während das Jesuskind in einem gesonderten oberen Bildfeld erscheint. Der geöffnete Vorhang wird als Zeichen dafür gedeutet, dass Gott sich den Menschen offenbart. Weihnachten bedeutet demnach, dass der Vorhang zwischen göttlicher und menschlicher Wirklichkeit geöffnet wird. Zugleich verweist die Darstellung des Kindes bereits auf Leiden, Tod und Erlösung Jesu. Das Kind liegt wie in einem Sarkophag, ist in Tücher gehüllt und erinnert dadurch an Karfreitag und Ostern. Ebenso entsteht ein Bezug zur Eucharistie, weil das Kind an Brot auf dem Altar erinnert. So wird deutlich, dass die Geburt Christi von Anfang an auf das Heil der Welt hin verstanden wird. Auch Ochse und Esel erhalten eine theologische Bedeutung. Sie stehen für Juden und Heiden und machen sichtbar, dass Gottes Heil allen Menschen gilt.
Das zweite Bild, die schwangere Maria in Piero della Francescas Madonna del Parto, hebt besonders die Rolle Marias hervor. Alles an diesem Bild verweist auf Schwangerschaft, Erwartung und Offenbarung. Maria erscheint als die von Gott erwählte Hülle, in der Gott menschliche Gestalt annimmt. Durch ihre Zustimmung wird sichtbar, dass Gottes Menschwerdung nicht ohne den Menschen geschieht. Das Bild unterstreicht also, dass Weihnachten nicht nur von der Geburt Jesu spricht, sondern auch von der Mitwirkung eines Menschen am Heilshandeln Gottes.
In der Muttergottes in der Rosenlaube von Stefan Lochner steht stärker die himmlische Herrlichkeit Christi im Mittelpunkt. Goldgrund, Engel, Vorhang und die gekrönte Maria zeigen, dass sich im Kind auf ihrem Schoß die Herrlichkeit Gottes offenbart. Gott wird in menschlicher Gestalt sichtbar. Das Bild betont, dass in Jesus Christus die Zusage Gottes an die Menschen erfüllt wird. Zugleich wird Weihnachten mit allen Sinnen erfahrbar gemacht. Musik, Duft, Farben und symbolische Gegenstände laden dazu ein, das Geheimnis der Menschwerdung nicht nur verstandesmäßig, sondern auch sinnlich wahrzunehmen.
Mit Rembrandts Darstellung der Heiligen Familie rückt der Autor die Nähe des Weihnachtsgeschehens zum alltäglichen menschlichen Leben in den Vordergrund. Die Szene wirkt wie ein Blick in ein normales Haus der damaligen Zeit. Maria sitzt mit dem Kind am Feuer, Josef arbeitet im Hintergrund, und selbst kleine Einzelheiten wie Katze, Schüssel oder Schaukelbett erzeugen eine warme und gegenwärtige Atmosphäre. Weihnachten erscheint hier nicht als fernes vergangenes Ereignis, sondern als Geheimnis, das mitten in der menschlichen Lebenswelt gegenwärtig ist. Die Heilige Familie wird zugleich als Idealbild von Familie und Menschsein gedeutet. So verbindet das Bild die Offenbarung Gottes mit dem konkreten Alltag der Menschen.
Schließlich deutet Meiering das Kölner Dombild mit der Anbetung der Heiligen Drei Könige ebenfalls als theologische Bildaussage. Die starke Ausrichtung auf die Zahl drei verweist sowohl auf die drei Könige als auch auf die Dreifaltigkeit. Die Könige stehen für die damals bekannten Kontinente, für verschiedene Generationen und damit für die gesamte Menschheit. Ihre Gaben und ihre Huldigung zeigen, dass Christus für alle Völker und Zeiten gekommen ist. Auch die Farbgebung des Bildes verweist symbolisch auf Glaube, Hoffnung und Liebe. In der ursprünglichen Aufstellung im Rathaus und später im Dom wird das Bild zudem zu einer Einladung an die Betrachtenden selbst, sich in die Reihe derer zu stellen, die zu Christus kommen und ihn anbeten.
Insgesamt macht der Artikel deutlich, dass Bilder der Geburt Christi viel mehr sind als schöne Weihnachtsmotive. Sie legen das Weihnachtsgeheimnis aus und führen vor Augen, dass Gott sich in Jesus Christus offenbart, dass Maria an diesem Heilsgeschehen mitwirkt und dass die Geburt Christi den Menschen aller Zeiten und Völker Gottes Heil zusagt. Weihnachten erscheint damit als Fest der Menschwerdung Gottes, das Himmel und Erde, göttliche Wahrheit und menschliches Leben miteinander verbindet.