Der Artikel untersucht die Tradition des christlichen Antisemitismus und bezeichnet sie mit Jules Isaac als Lehre der Verachtung. Gleich zu Beginn wird deutlich gemacht, dass christliche Judenfeindschaft nicht nur als historisches Randphänomen verstanden werden darf, sondern tief in theologischen Deutungen und kirchlichen Traditionen verwurzelt ist. Pangritz kritisiert die begriffliche Trennung von Antisemitismus und Antijudaismus, wenn dadurch ältere christliche Formen der Judenfeindschaft verharmlost werden. Stattdessen plädiert er für einen weiten Begriff von Antisemitismus, der jede Form von Judenhass umfasst. Der moderne Antisemitismus erscheint dabei nicht als völlig neue Erscheinung, sondern als Fortsetzung und Transformation älterer christlicher Muster.
Im zweiten Teil zeichnet der Artikel die Entstehung dieser Lehre in der Alten Kirche nach. Nach Pangritz wurde die Feindschaft gegen jüdische Menschen besonders durch die Kirchenväter systematisch theologisiert. Zentral war dabei der Vorwurf, das jüdische Volk habe Christus getötet. Diese Vorstellung vom Gottesmord wurde mit der Deutung verbunden, die Zerstreuung und das Leiden des jüdischen Volkes seien eine Strafe Gottes. Damit entstand nicht nur eine abwertende Theologie, sondern auch ein System gesellschaftlicher Erniedrigung. Am Beispiel von Melito von Sardes und Ambrosius wird gezeigt, wie früh sich solche Vorstellungen ausbildeten und wie sie zur Legitimation von Gewalt und Zerstörung beitrugen. Augustinus entwickelte eine ambivalente Haltung, indem er die Juden zwar nicht vernichtet sehen wollte, sie aber als geduldetes und unterworfenes Volk am Rand der christlichen Gesellschaft verortete. Im Mittelalter schlug diese Duldung immer wieder in offene Verfolgung um, etwa in Pogromen, Vertreibungen und Gewaltakten während der Kreuzzüge.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Martin Luther. Pangritz betont, dass die Reformation die Judenfeindschaft nicht gemildert, sondern in mancher Hinsicht verschärft habe. Zwar habe Luther zunächst gehofft, jüdische Menschen für das Christentum gewinnen zu können, doch blieb auch in dieser frühen Phase die traditionelle Verachtung bestehen. Später radikalisierte sich seine Haltung deutlich. In seinen späten Schriften forderte er die Verbrennung von Synagogen, die Zerstörung jüdischer Häuser, das Verbot jüdischer Lehre und die Vertreibung der Juden. Dadurch wurde Luther zu einem zentralen theologischen Bezugspunkt für spätere Formen des Antisemitismus.
Der Artikel zeigt danach, dass auch die Aufklärung keine wirkliche Überwindung dieser Tradition brachte. Am Beispiel Schleiermachers wird deutlich, dass selbst die liberale protestantische Theologie das Judentum weiterhin als überholt und geistlos darstellen konnte. Im 19. Jahrhundert ging der kirchliche Antisemitismus zunehmend in einen nationalen und völkischen Antisemitismus über. Pangritz beschreibt dies als einen ökumenischen Konsens, der katholische und evangelische Stimmen verband. Theologen wie August Rohling und Adolf Stoecker griffen auf klassische Motive der Verachtung zurück, um die rechtliche Ausgrenzung von Juden zu rechtfertigen. Besonders Stoecker wird als wichtige Brückenfigur zwischen Luthers theologischer Judenfeindschaft und dem späteren rassistischen Antisemitismus beschrieben.
Im Abschnitt über den Nationalsozialismus arbeitet der Artikel heraus, dass die traditionelle christliche Judenfeindschaft die Kirchen weithin sprachlos gegenüber der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik machte. Selbst bei Theologen, die dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden, wirkten ältere theologische Muster weiter. An Dietrich Bonhoeffer wird gezeigt, dass auch im Widerstand gegen nationalsozialistische Kirchenpolitik noch problematische Aussagen über das jüdische Volk vorkamen. Besonders drastisch wurde die Verbindung von christlicher Tradition und nationalsozialistischer Ideologie bei den Deutschen Christen. Dort wurden die Entjudung des Christentums, die Ablehnung des Alten Testaments und sogar die Vorstellung eines arischen Jesus vertreten. Der Artikel macht außerdem deutlich, dass auch katholische Theologen nicht frei von solchen Denkmustern waren.
Am Ende richtet Pangritz den Blick auf die theologische Umkehr nach der Schoa. Er erinnert an wichtige kirchliche Distanzierungen vom Antisemitismus, etwa bei Karl Barth, im katholischen Dokument Nostra aetate und in dem Beschluss der Evangelischen Kirche im Rheinland von 1980. Zugleich betont er, dass diese Erklärungen nicht ausreichen. Die lange Tradition christlicher Judenfeindschaft wirke bis in die Gegenwart hinein fort. Deshalb sei der Kampf gegen antisemitische Denkmuster in Theologie und Kirche eine bleibende Aufgabe. Christliche Theologie müsse sich nicht nur öffentlich vom Antisemitismus distanzieren, sondern ihre eigenen Voraussetzungen kritisch überprüfen und erneuern.