Der Artikel von Peter Scheuchenpflug erschließt die katholische Aufklärung als komplexes historisches Phänomen und fragt nach dessen didaktischer Relevanz für den Religionsunterricht der Gegenwart. Strukturiert nach lebensweltlichen Verortungen, kirchengeschichtlichen Einordnungen und kirchengeschichtsdidaktischen Herausforderungen verbindet der Beitrag historische Analyse mit religionspädagogischer Reflexion.Scheuchenpflug setzt einleitend bei einem zentralen Forschungsproblem an: der lange Zeit verdrängten Wahrnehmung einer genuinen „katholischen Aufklärung". Entgegen dem populären Bild, die Aufklärung sei als emanzipatorische Bewegung grundsätzlich antireligiös ausgerichtet gewesen, betont er mit Ulrich H. Lehner, dass nur ein kleiner Teil der Aufklärung tatsächlich religionsfeindlich war, während die Mehrzahl ihrer Vertreter an einer ausgewogenen Verhältnisbestimmung von Vernunft und Glaube arbeitete. Historisch lassen sich dabei mehrere „Wurzeln" der Bewegung identifizieren: die Erfahrungen der Religionskriege und des Hexenwahns, der Aufstieg der Naturwissenschaften, das cartesianische wie spinozistische Denken vom erkennenden Subjekt her sowie religiöse Impulse aus dem Pietismus. Diese Quellen speisten eine konfessionsübergreifende religiöse Aufklärung, an der katholische Gelehrte in ganz Europa aktiv partizipierten.Einen zentralen Erklärungsrahmen für die historiographische Unsichtbarkeit der katholischen Aufklärung liefert Scheuchenpflug durch die Analyse dreier Faktoren: erstens eine protestantisch dominierte Aufklärungsforschung, die Katholizismus und Aufklärung für grundsätzlich inkompatibel hielt; zweitens die kontroverse Frage, ob für den katholischen Bereich eher von einem „aufgeklärten Zeitalter" als Projekt denn von einem „Zeitalter der Aufklärung" als Epoche gesprochen werden sollte; drittens die politischen Erschütterungen infolge der Französischen Revolution, welche die Aufklärung insgesamt in Misskredit brachten und ihre kirchlichen Trägerinstitutionen sukzessive auflösten.Im Kern des kirchengeschichtlichen Teils steht die Darstellung des Josephinismus als Modellfall aufgeklärt-absolutistischer Kirchenpolitik, der von einer reformorientierten Elite getragen wurde, in der Landbevölkerung jedoch oft als Eingriff in gelebte Frömmigkeitstradition erfahren wurde. Ausführlich behandelt der Artikel die Bildungsreformen der Epoche: Klöster und Stifte als Bildungsträger, die Neuausrichtung theologischer Fakultäten nach dem Entwurf Franz Stephan Rautenstrauchs sowie die Reform des Elementarschulwesens durch Johann Ignaz von Felbiger. Besondere Aufmerksamkeit gilt Johann Michael Sailer, den Scheuchenpflug als „Brückenbauer" zwischen katholischer Aufklärung und Romantik profiliert und dessen Biographie exemplarisch die innerkatholischen Konfliktlinien zwischen Reformtheologie und antiaufklärerischen Kräften sichtbar macht. Auf der Ebene pastoraler Praxis wird das Wirken Ignaz Heinrich von Wessenbergs als vorbildliches Modell volksaufklärerischer Reformarbeit gewürdigt, ebenso die konfessionsübergreifende Bibelbewegung des frühen 19. Jahrhunderts als Zeugnis gemeinsamen Handelns trotz divergierender Motivlagen.Der didaktische Teil benennt konkrete Anknüpfungspunkte für den Religionsunterricht: Verknüpfungen mit philosophischen Aufklärungsthemen, Exkursionen zu historischen Kloster- und Bildungsstätten, biographisches und regionalgeschichtliches Lernen sowie projektartige Formate in der Sekundarstufe II. Übergeordnet betont Scheuchenpflug das epistemologische Potenzial der Thematik für eine Reflexion über die Konstruiertheit von Geschichtsbildern – ein Desiderat, das weit über den Religionsunterricht hinausweist.