Der Artikel deutet die Krise der Kirche mit dem Vergleich einer medizinischen Behandlung. Wie in der Medizin geht es auch bei der Kirche um Diagnose, Ursachenklärung und Therapie. Der Autor fragt, ob die Kirche noch zu retten ist oder ob ihre Krise bereits so weit fortgeschritten ist, dass nur noch begrenzte Schadensminderung möglich erscheint. Dabei spielt der Faktor Zeit eine zentrale Rolle. Es geht darum, ob die Kirche noch rechtzeitig handeln kann, um ihre gesellschaftliche und religiöse Bedeutung zu bewahren.
Als Ausgangspunkt nennt der Autor die drastisch sinkenden Mitgliederzahlen und die wachsende Zahl der Kirchenaustritte. Diese Entwicklung zeigt aus seiner Sicht, dass die Kirche immer mehr an sozialer Bedeutung und religiöser Relevanz verliert. Er greift dafür die Metapher vom toten Punkt auf, die bereits Alfred Delp verwendet hatte. Gemeint ist ein Zustand, in dem die Kirche trotz richtiger Lehre und moralischer Ansprüche keine prägende Kraft mehr entfaltet. Höhn macht deutlich, dass nicht zu viel Anpassung an die Moderne, sondern vielmehr moralischer und dogmatischer Rigorismus zur Krise beigetragen habe.
Besonders verschärft wurde diese Krise durch die Aufdeckung sexualisierter Gewalt und ihrer Vertuschung durch Kleriker. Der Autor sieht darin nicht nur individuelles Versagen, sondern auch systemische Ursachen. Dazu zählt er die Überhöhung des Priesteramts, die starke Machtkonzentration in kirchlichen Leitungsstrukturen und eine überholte Sexualmoral. Die Kirche verliere dadurch Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig warnt der Autor davor, der Kirche vorschnell jede Zukunft abzusprechen. Solange noch Vitalität vorhanden sei, müsse über Reformen und Erneuerung nachgedacht werden.
Im Zentrum des Artikels steht deshalb die Frage, ob eine nachholende Modernisierung der Kirche eine Überlebenschance bietet. Mit Moderne meint Höhn nicht bloß Zeitgeist oder Beliebigkeit, sondern grundlegende Prinzipien wie Pluralitätsfähigkeit, Freiheit, Toleranz, Partizipation, Menschenrechte und die Bereitschaft zur vernünftigen Selbstkorrektur. Modernität bedeutet für ihn, dass Institutionen sich wandeln können und sich an vernünftigen Maßstäben orientieren. Für die Kirche folgt daraus die Aufgabe, das Evangelium so zu vermitteln, dass es in der Gegenwart wahrnehmbar, verstehbar und annehmbar bleibt.
Der Autor nimmt dafür Überlegungen von Jürgen Habermas auf. Eine religiöse Gemeinschaft ist modernitätskompatibel, wenn sie auf Zwang verzichtet, ein vernünftiges Verhältnis zu anderen Religionen entwickelt, wissenschaftliche Erkenntnisse in weltlichen Fragen anerkennt und die Menschenrechtsmoral mit ihren Glaubensüberzeugungen verbindet. Höhn betont, dass diese Anforderungen nicht nur von außen an die Kirche herangetragen werden, sondern auch durch das Zweite Vatikanische Konzil innerkirchlich vorbereitet wurden. Das Konzil habe die Kirche zu einem dialogischen Verhältnis zur Welt aufgerufen und dazu ermutigt, das Gute, Wahre und Gerechte in der modernen Gesellschaft wahrzunehmen.
Gleichzeitig geht der Autor auf Einwände gegen eine Modernisierung der Kirche ein. Kritiker befürchten, dass die Kirche dadurch ihre Eigenart verliere, sich zu stark an die säkulare Welt angleiche und deren Fehlentwicklungen übernehme. Höhn nimmt diese Bedenken ernst, hält aber daran fest, dass die Kirche ohne eine Öffnung zur Moderne keinen tragfähigen Platz in der Gegenwart finden wird. Es geht ihm nicht um eine unkritische Anpassung, sondern um eine produktive Gleichzeitigkeit mit der Moderne.
Ausführlich bewertet der Artikel den Synodalen Weg als möglichen Versuch einer solchen nachholenden Modernisierung. Die Reformdebatten konzentrieren sich auf die Themen Macht und Gewaltenteilung, priesterliche Lebensform, Frauen in Diensten und Ämtern sowie Sexualität und Partnerschaft. Der Autor würdigt, dass dadurch systemische Ursachen der Kirchenkrise sichtbar gemacht wurden. Positiv bewertet er vor allem die stärkere Sensibilität für Machtmissbrauch, die Forderung nach Transparenz und Rechenschaft, die Kritik an Diskriminierung sowie die Neubewertung von Geschlechtergerechtigkeit und Sexualität.
An Beispielen zeigt Höhn, dass viele Reformtexte des Synodalen Weges deutlich auf moderne Maßstäbe reagieren. So orientiert sich die Diskussion über Macht und Gewaltenteilung an Grund und Menschenrechten und sucht nach innerkirchlichen Formen von Synodalität und Mitbestimmung. Im Bereich der Frauenfrage wird theologisch begründet, dass Charismen und Berufungen nicht von der geschlechtlichen Identität abhängig gemacht werden dürfen. Im Blick auf Sexualität fordert der Autor, dass die Kirche naturwissenschaftliche und humanwissenschaftliche Erkenntnisse ernst nimmt und ihre ethischen Urteile auf tragfähige Tatsachenannahmen stützt. Besonders deutlich wird dies in der Debatte um Homosexualität, Intersexualität und die Kritik an einem rein binären Menschenbild.
Trotzdem bleibt Höhn zurückhaltend in seiner Bewertung der Reformwirkung. Die Beschlüsse des Synodalen Weges könnten zwar innerkirchlich Vertrauen stärken und Bleibekräfte fördern, doch sie seien kaum ausreichend, um verlorene Mitglieder zurückzugewinnen oder die tiefergehende Religionsdistanzierung in der Gesellschaft aufzuhalten. Viele Reformen würden zudem durch kirchenrechtliche und römische Grenzen blockiert. Deshalb sei der Synodale Weg notwendig, aber nicht hinreichend.
Im letzten Teil weitet der Autor den Blick auf eine allgemeine Distanzierung von Religion. Nicht nur die Bindung an die Kirche, sondern auch die religiöse Sozialisation und das persönliche Interesse an Religion nehmen ab. Deshalb müsse die Kirche mehr tun als Strukturreformen umzusetzen. Sie müsse ihre eigentliche pastorale Kompetenz neu zur Geltung bringen. Gemeint ist die Fähigkeit, Menschen bei den grundlegenden Fragen ihres Lebens zu begleiten. Dazu gehören Fragen nach Identität, Selbstannahme, Sinn, dem wahren Selbst und der Bedeutung des eigenen Lebens.
Am Ende sieht Höhn darin die eigentliche Zukunftsfrage der Kirche. Eine modernisierte Kirche wird nur dann Resonanz finden, wenn sie zugleich Antworten auf die existenziellen Probleme des Menschen geben kann. Entscheidend ist für ihn die Frage, ob die Kirche dem Menschen gute Gründe für Selbst und Daseinsakzeptanz erschließen kann. Genau daran werde sich letztlich entscheiden, ob die Kirche in der modernen Gesellschaft wieder relevant werden kann.