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Katholische Akademie Bayern

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Eine Zeitreise durch das jüdische Leben in Bayern

Veröffentlichung:1.9.2021

Der Fachartikel umfasst sechs Seiten. Michael Brenner zeichnet darin die Geschichte jüdischen Lebens in Bayern vom Mittelalter bis in die Gegenwart nach und zeigt, wie sich Ausgrenzung, Duldung, Integration, Verfolgung und Neuanfang über die Jahrhunderte verändert haben. Theologische Probleme behandelt der Artikel vor allem dort, wo er christliche Judenbilder, die Gegenüberstellung von Ecclesia und Synagoga, den Vorwurf der Blindheit des Judentums gegenüber den eigenen heiligen Schriften, antijüdische Bildprogramme an Kirchen sowie das Schweigen kirchlicher Akteure gegenüber Antisemitismus thematisiert.

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Michael Brenner entfaltet die Geschichte des jüdischen Lebens in Bayern als langen historischen Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Ausgangspunkt sind christliche Bilder und Deutungen des Judentums im Mittelalter. An Kirchen werden Juden als blind und unterlegen dargestellt. Solche Darstellungen prägten über Jahrhunderte das christliche Bild vom Judentum. Neben diesen theologischen Abwertungen verweist der Text auch auf grob beleidigende Bildformen, die Juden herabsetzen und bis heute als historische Zeugnisse sichtbar sind. Zugleich macht der Artikel deutlich, dass jüdisches Leben trotz Diskriminierung in vielen Regionen des Alten Reiches geduldet wurde und Gemeinden bestehen konnten.

Für Bayern zeigt Brenner, dass die Vertreibungen aus vielen Städten nicht das Ende jüdischen Lebens bedeuteten. Gerade in kleineren Herrschaftsgebieten entstanden neue Gemeinden. Am Beispiel von Sulzbach und Floß beschreibt er, wie sich durch politische Duldung, wirtschaftliche Möglichkeiten und religiöses Interesse lokaler Herrscher bedeutende jüdische Zentren entwickelten. Hebräische Druckereien, Lehrer, Rabbiner und Gemeindestrukturen machten diese Orte weit über Bayern hinaus bekannt.

Im 18. und 19. Jahrhundert verlagerte sich jüdisches Leben stark in Dörfer und Kleinstädte vor allem in Franken und Schwaben. Viele Juden lebten als Hausierer, Viehhändler oder Pferdehändler. Der Artikel zeigt an der Familie von Levi Strauss, dass wirtschaftliche Not, aber auch rechtliche Beschränkungen viele bayerische Juden zur Auswanderung zwangen. Die Matrikelgesetze begrenzten die Zahl jüdischer Familien an einem Ort und erschwerten sozialen Aufstieg und Sesshaftigkeit. Viele wanderten deshalb nach Amerika oder in deutsche Großstädte aus.

Ein besonderes Zentrum jüdischen Lebens war Fürth. Dort bestand eine große und einflussreiche Gemeinde mit Synagogen, Talmudschule und hebräischer Druckerei. Fürth wurde zu einem geistigen und kulturellen Mittelpunkt des fränkischen Judentums. Von dort stammen bedeutende Persönlichkeiten wie Jakob Wassermann und Henry Kissinger. Mit der Aufhebung der rechtlichen Beschränkungen gewann daneben Nürnberg wieder an Bedeutung.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde München zur wichtigsten Stadt jüdischen Lebens in Bayern. Zunächst war die jüdische Präsenz dort auf wenige Hoffaktorenfamilien beschränkt, später entstand eine offizielle Gemeinde. Die Stadt wurde wirtschaftlich, kulturell und politisch stark von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern mitgeprägt. Brenner erinnert an jüdische Beiträge zur Münchner Stadtgesellschaft, etwa im Handel, in der Brauerei, in der Trachtenkultur und im Vereinsleben. Auch der politische Zionismus berührte München, weil Theodor Herzl den ersten zionistischen Kongress zunächst dort plante. Die Münchner Gemeinde lehnte dies jedoch ab, da sich viele deutsche Juden als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens verstanden und dem Zionismus damals distanziert gegenüberstanden.

Der Artikel betont auch die enge Verflechtung jüdischer Geschichte mit der bayerischen Politik. Kurt Eisner, der den Freistaat Bayern ausrief, war Jude. Ebenso erinnert Brenner an die jüdische Prägung des FC Bayern durch Persönlichkeiten wie Kurt Landauer und Richard Dombi Kohn. Diese Beispiele zeigen, dass jüdisches Leben ein selbstverständlicher Teil der bayerischen Moderne war.

Mit Nachdruck beschreibt der Text dann den wachsenden Antisemitismus seit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. München wurde schon früh zu einem Zentrum judenfeindlicher Hetze und rechter Gewalt. Brenner macht deutlich, dass diese Entwicklung nicht erst 1933 begann. Richter, Politiker und Teile der Öffentlichkeit trugen dazu bei, dass Antisemitismus verharmlost oder gefördert wurde. Auch die katholische Kirche half den bedrängten Juden nicht wirksam. Das Schweigen von Kardinal Faulhaber gegenüber öffentlicher Judenfeindschaft wird als moralisch problematisch hervorgehoben.

Mit der nationalsozialistischen Herrschaft wurden Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung systematisch. Synagogen wurden zerstört, jüdische Bürgerinnen und Bürger aus dem öffentlichen Leben gedrängt, in Lager verschleppt und deportiert. Etwa 5000 Münchner Juden wurden im Holocaust ermordet. Nur ein Teil konnte durch Emigration überleben. Der Text schildert eindrücklich, wie Fluchtwege immer enger wurden und nach 1941 kaum noch Rettung möglich war.

Nach 1945 begann in Bayern ein schwieriger Neuanfang. Nur wenige einheimische Juden hatten überlebt oder kehrten zurück. Dennoch entstanden neue Gemeinden. Eine wichtige Figur war Philipp Auerbach, der als Überlebender und politischer Funktionsträger für Wiedergutmachung eintrat, aber in einem hoch umstrittenen Verfahren verfolgt wurde und sich das Leben nahm. Der Artikel zeigt damit auch, wie belastet und konfliktreich die Nachkriegszeit für Juden in Bayern war.

Ein zentrales Kapitel ist die Geschichte der jüdischen Displaced Persons in Bayern. Viele Überlebende aus Osteuropa kamen nach 1945 in die amerikanische Besatzungszone, weil sie weder in ihre Herkunftsländer zurückkehren konnten noch sofort in andere Staaten einreisen durften. In Lagern und Übergangsorten wie Föhrenwald, Feldafing, Landsberg oder Sankt Ottilien entstand ein lebendiges jüdisches Leben mit Schulen, Zeitungen, Sportvereinen, religiösen Einrichtungen und neuen Familien. Bayern wurde damit vorübergehend zum Zentrum jüdischen Lebens in Mitteleuropa. Diese Phase wurde lange verdrängt und wird erst seit einigen Jahren stärker erinnert.

Ab den 1970er Jahren war das jüdische Leben in Bayern erneut von Bedrohung geprägt, nun durch antisemitischen und palästinensischen Terror. Anschläge auf jüdische Einrichtungen und die Ermordung israelischer Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 machten sichtbar, dass jüdisches Leben weiterhin gefährdet blieb. Trotzdem entwickelten sich Gemeinden weiter.

Die jüngste Phase beschreibt Brenner als neues Wachstum durch die Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1990. Diese Zuwanderung rettete viele jüdische Gemeinden in Bayern vor dem Aussterben und ermöglichte neue Synagogen und Gemeindestrukturen. Zugleich veränderte sie das Selbstverständnis der Gemeinden, weil viele Zuwanderer eher ethnisch als religiös jüdisch geprägt waren. Der Artikel endet damit, dass jüdisches Leben in Bayern heute wieder Zukunft hat, aber nur vor dem Hintergrund einer langen Geschichte von Ausgrenzung, Anpassung, Zerstörung und Neubeginn verstanden werden kann.

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